Home
http://www.faz.net/-gqz-p799
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rechtschreibung Entscheidet sich das Schicksal der Reform in der Schweiz?

16.08.2004 ·  Die Erkenntnis, daß die Stimme des Landes in Deutschland durchaus gehört wird, hat die Haltung der Schweiz in der Frage der Rechtschreibung keineswegs flexibler gemacht. Sie möchte das Zünglein an der Waage sein.

Von Jürg Altwegg
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

"Bitte mehr Hochdeutsch" überschrieb der "Tages-Anzeiger" einen Kommentar auf der ersten Seite. In mehreren Beiträgen befaßte sich die Zeitung mit dem Vormarsch der Mundart: "Die Dialektwelle drängt das Hochdeutsche in eine Nebenrolle." Der Arbeitgeberpräsident, der regelmäßig die Defizite der Schulabgänger beklagt, wurde befragt. Von der Züricher Handelskammer berichtete das Blatt, daß ihr Deutschdiplom für karriereorientierte Männer kein Thema mehr sei. "Bedauerlich" sei das, wurde der Schulpräsident zitiert: "In vielen Firmen ist man nicht mehr in der Lage, auf Hochdeutsch umzustellen, wenn jemand aus der Westschweiz anruft. Am Schluß reden sie Englisch miteinander."

Der "Tages-Anzeiger" veröffentlichte seinen Report Ende Juli aus aktuellem Anlaß: Ein Abgeordneter von Christoph Blochers Schweizerischer Volkspartei hatte für die Bildungskatastrophe wieder einmal die überbezahlten Schulmeister verantwortlich gemacht. Er schlug vor, massenhaft Lehrer aus Deutschland zu holen. Die seien sehr viel billiger und würden wohl zumindest im Fach Deutsch die Kinder zu besseren Leistungen führen. In den Diskussionen, die der Vorstoß auslöste, wurden viele Gründe aufgeführt: psychologische, politische, pädagogische. Keiner nannte als Ursache die neue deutsche Rechtschreibung.

Kulturkampf um Europa

In der frankophonen Westschweiz, die von keiner Reform der Orthographie heimgesucht wurde und wo es keine Mundart gibt, fällt der Befund des Sprachzerfalls genauso dramatisch aus. Der Analphabetismus ist zur Realität geworden.

Als die deutschsprachigen Länder in den neunziger Jahren ihre Rechtschreibung zu reformieren begannen, tobte in der Schweiz ein Kulturkampf um Europa. Der Graben zwischen der lateinischen Schweiz - Tessin und Romandie - und der alemannischen Mehrheit war so tief wie zuletzt im Ersten Weltkrieg. Selbst gemäßigte Politiker bedienten sich einer Rhetorik, die einen Bürgerkrieg befürchten ließ. "The End of Switzerland" titelte die Westschweizer Zeitung "Le Temps", als Zürich in den Schulen Englisch als erste Fremdsprache zuließ. Zehn Jahre danach ist dieser Kampf entschieden: Englisch hat sich als fünfte Landessprache und Idiom der nationalen Verständigung etabliert. Es ist längst die führende Zweitsprache der Schweizer. Fußball wird nicht mehr in der Nationalliga A und B gespielt, sondern in der Super- und der Challenge League. In Zürich beginnt gerade das neue Schuljahr mit "Frühenglisch" in der Primarschule.

Hang zum Frühenglisch und zur Mundart

In der Westschweiz, wo das Deutsche bei den Schülern so unbeliebt ist wie in Frankreich, ist die Tendenz zum Englischen nicht weniger stark. Inzwischen geht es den Bildungspolitikern darum, im Dienste des nationalen Zusammenhalts bis zum zwölften Lebensjahr das Erlernen einer zweiten Fremdsprache zu beginnen. Der Widerstand dagegen kommt aus der Deutschschweiz - mit Zürich an der Spitze. Diesmal wird er mit der Überforderung der Kinder begründet.

Der Hang zum Frühenglisch und zur Mundart ist Merkmal der jüngsten Sprachentwicklung in der deutschen Schweiz. Das ist für die italienisch- und französischsprachigen Landsleute ebenso ein Problem wie für die Ausländer. Letztere machen zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Soeben hat Basel ein Gesetz erlassen, das Aufenthaltsbewilligungen vom Besuch von Deutschkursen abhängig macht - so weit ging zuvor kein Kanton.

Begünstigt Affinität zur Mundart neue Rechtschreibung

Seit Zürich im Alleingang und gegen landesweiten Protest das Tabu der ersten Fremdsprache brach, sind viele Dämme geborsten. Zwar fördert der Staat die Sprachminderheiten und den Kulturaustausch nach wie vor mit bedeutenden Mitteln. Doch aus finanziellen Gründen will die Regierung auf ein geplantes Sprachgesetz verzichten. Es hätte die Grundlage für eine verpflichtende Unterstützung der mehrsprachigen Kantone geschaffen. Diesen Rückzieher kritisiert die Politikerin Lili Nabholz, die im Auftrag des Europarats eine vielbeachtete Studie über die Lösung des Sprachproblems in Belgien vorgelegt hat. Belgische Zustände sind in der Schweiz nach dem beigelegten Streit über Europa nicht zu befürchten - beängstigender ist inzwischen vielmehr die gegenseitige Gleichgültigkeit. Vom nächsten Jahr an werden in Graubünden die Schulbücher nur noch in der Einheitssprache Rumantsch Grischun gedruckt und nicht mehr wie bisher in allen fünf Dialekten, die durchaus auch Schriftsprachen sind.

Als solche wird immer mehr auch das Schweizerdeutsche verwendet. Vor diesem Hintergrund erfolgte der Schrei nach deutschen Lehrern. Möglicherweise hat eine gewisse Affinität zur Mundart bewirkt, daß die neue Rechtschreibung in der Schweiz recht gut angekommen ist. Die "Gämse" mag im Schriftbild schockieren - dem Dialekt ist sie mindestens so nahe wie die Gemse.

Die Elite pflegt die alte Schreibweise

Der Widerstand gegen die Reform hielt sich in Grenzen. Als die "Schweizer Monatshefte" zur bewährten Rechtschreibung zurückkehrten, fand dieser Schritt zwar viel Beachtung, aber in Deutschland war das Echo größer als in der Schweiz. "Es rächt sich jetzt", kommentierte das Nachrichtenmagazin "Facts" die Entscheidung der Springer-Verlage und des "Spiegels", "daß die Schweiz die Reform zügiger an die Hand genommen hat als Deutschland. In den Schulen ist die neue Rechtschreibung umgesetzt, die Debatte über Vor- und Nachteile abgeschlossen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich ein Drittel der Lehrerschaft der Reform noch immer widersetzt und die Grundsatzdebatte nie eingeschlafen war."

Jetzt läuft die Debatte auch in der Schweiz auf Hochtouren. Der Verleger Egon Ammann schlägt die Gründung einer Institution nach dem Vorbild der "Académie française" vor. Der Schriftsteller Urs Widmer plädiert "für etwas Durcheinander". Peter Stamm kritisiert die Konservativen. Adolf Muschg, als Gegner bekannt, nuanciert seinen Standpunkt: "Ich bin für eine Überprüfung der neuen Regeln und nicht für eine Rückkehr zur alten Orthographie", wird er von "Facts" zitiert.

Die Lage ist relativ übersichtlich: Die Elite - nicht nur der Schriftsteller - pflegt die alte Schreibweise. So hält es auch der zu Hanser gehörende Züricher Verlag Nagel & Kimche - der seine Jugendbücher in der neuen Orthographie druckt. Die Zeitungen und Magazine haben längst umgestellt und bleiben im Moment dabei. Die NZZ hat eine eigene Schreibweise entwickelt und hält bislang daran fest. Die Bildungspolitiker bleiben bei der Reform - als "Ajatollahs" werden von ihnen auch schon mal die Kritiker bezeichnet.

Rechtschreibreform kein totalitäres Schreckgespenst

Viele stufen das Verhalten der "deutschen Großverlage" als "arrogant" ein, auch geht die Rede vom "deutschen Sommertheater". Schweizer Demokraten sind es gewohnt, auch Entscheide, die sie anders gefällt hätten, zu akzeptieren und Niederlagen umzusetzen. Aus helvetischer Sicht ist in Deutschland ein Machtkampf zwischen Medien und Politik im Gange, der von einem Generationenkonflikt überlagert wird. Die Sieger werden aus dieser Sicht Schulen und Jugendliche sein. "In drei Jahrzehnten werden die heutigen Grundschüler auf den Sesseln der jetzt amtierenden Chefredaktoren sitzen", prophezeit das Feuilleton der "Neuen Zürcher Zeitung": "Niemand wird mehr von der Reform reden; vielleicht wird man wieder aufwendig schreiben dürfen, vielleicht aber auch nicht, und man wird aufwändig für eine der vielen Irregularitäten der deutschen Sprache halten."

Gegen die Normen des Dudens haben die Schweizer - für die das ß ein rotes Tuch ist - viele Abweichungen durchgesetzt. Ihre Erfahrung mit mehreren Sprachebenen mag dazu geführt haben, daß die Rechtschreibreform nur von wenigen als totalitäres Schreckgespenst empfunden wurde. Diese Gelassenheit ist so sehr verankert, daß in den neuen Debatten überhaupt nie die antideutschen Klischees mobilisiert wurden, die ansonsten beim geringsten Zerwürfnis mit dem "großen Kanton" schnell zur Hand sind. Das könnte sich ändern, falls die Reform gekippt werden sollte. Dann wird man sich anpassen und umstellen müssen. Das wissen alle.

Funktioniert die politische Kultur der Viersprachigkeit noch?

Das Unbehagen der Schweizer gegenüber Deutschland hat viel mit Sprache zu tun. Die Erkenntnis, daß das Land eine einflußreiche Rolle spielen kann und seine Stimme in Deutschland durchaus gehört wird, hat die Haltung der Schweiz keineswegs flexibler gemacht. Sie möchte das Zünglein an der Waage sein. Angesichts der zunehmenden Verhärtung hat der in beiden Ländern gleichermaßen angesehene Literaturwissenschaftler Peter von Matt in der "Neuen Zürcher Zeitung" ein "Plädoyer für die Lockerung der Fronten" publiziert. Seinem Heimatland wirft von Matt vor, an der kritisierten Willkür mitschuldig zu sein: "Die Schweiz hat bei den internationalen Gesprächen versagt, als sie eine breite Vernehmlassung verhindern half." Den Reformern unterstellt er Unerbittlichkeit: Auf konstruktive Vorschläge - zum Beispiel die Rechtschreibung der "NZZ" - gingen sie nicht ein. Statt mit Durchhalteparolen im "Kasernenton" an die Nachbarn zu appellieren, solle sich die Schweiz auf ihre Rolle der Vermittlung besinnen: Es gibt Lösungen und Kompromißmöglichkeiten.

"Es ist die Aufgabe der Schweiz, die Fronten im letzten Moment zu lockern, den drohenden Termin in Frage zu stellen und ein neues Gesprächsklima zu schaffen", fordert von Matt. "In der Schweiz kann man das, sonst gäbe es das Land schon lange nicht mehr!" Das stimmt. Aber funktioniert die politische Kultur der Viersprachigkeit mit ihrem von Peter von Matt beschworenen Gesprächsklima der Vermittlung und des Dialogs noch? Zweifel sind leider angebracht. Im Umgang mit den sprachlichen Minderheiten des eigenen Lands hat die Deutschschweiz unter Zürichs Regie genau jene Willkür salonfähig gemacht, die sie jetzt den Deutschen unterstellt: eine rücksichtslose Politik der vollendeten Tatsachen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2004, Nr. 190 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr