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Rechtschreibung Die Macht der Öffentlichkeit

 ·  Warum exportieren wir nicht die Kultusministerkonferenz? Diesen Vorschlag macht der Dichter Reiner Kunze in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. zur Diskussion um die Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung.

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Die Hamburger Kultursenatorin hat die Rückkehr zur klassischen Rechtschreibung mit dem Argument zurückgewiesen, die Erstkläßler kämen mit der Rechtschreibreform gut zurecht. Armes Hamburg, das eine solche Kultursenatorin hat! Armes Deutschland, das ein solches Hamburg hat!

Welchen Kultusminister interessieren die Anforderungen, die literarische Prosa, Poesie, Philosophie und jede andere Wissenschaft, die sich sprachlich artikuliert, sowie alle Publizistik von Rang an die Sprache stellen, wenn die Erstkläßler mit der Rechtschreibreform so gut zurechtkommen, obwohl diese sie noch kaum betrifft? Oder wollen wir gar verlangen, daß Kultusminister für eine Orthographie eintreten, die dem Entwicklungsstand der Sprache entspricht statt dem vermeintlichen Leistungsvermögen von Erstkläßlern?

Warum exportieren wir nicht die KMK?

Die hessische Kultusministerin, Frau Wolff, äußerte gegenüber einer Zeitung, diejenigen, die heute Bedenken vorbrächten, hätten diese früher vorbringen müssen, jetzt sei es zu spät. Auf welch hohem Nachtstern hat sich Frau Wolff bisher befunden, daß sie keines der unzählbaren Bedenken erreicht hat, die nun schon acht Jahre lang vorgetragen werden? Sie nennt die gegenwärtige Diskussion "ärgerlich". Die Kultusminister haben es offenbar nicht mehr für möglich gehalten, sich noch einmal ärgern zu müssen.

Deutschland lebt vom Export. Warum exportieren wir nicht die Kultusministerkonferenz? Wir wären sie los, und die Welt könnte erstmals wirklich am deutschen Wesen genesen. Die französischen Kinder würden davon befreit, "Bordeaux" mit "eaux" zu schreiben, denn das zu lernen ist keinem Kind zumutbar, und die Chinesen brauchten sich nie mehr zehn- oder zwanzigtausend Schriftzeichen einzuprägen, kommen doch die europäischen Analphabeten mit drei Kreuzen gut zurecht.

Schon einmal gegen eine Mauer gekämpft

Ein Ministerpräsident sagte, die Rückkehr zur alten Rechtschreibung würde die Verwirrung komplett machen. Im Gegenteil - nur die Rückkehr zur klassischen Orthographie würde die Verwirrung komplett beseitigen. Ein anderer Ministerpräsident argumentierte, die Wiedereinführung der bewährten Schreibung sei zu teuer. Im Gegenteil - achtzig Prozent des gesamten deutschsprachigen Buchbestandes wären wieder "gültig", und die bei Suhrkamp verlegte "Mutter Courage" stünde von neuem als Schullektüre zur Verfügung.

Ich habe schon einmal gegen eine Mauer gekämpft, und das in dem Bewußtsein, ihren Fall selbst nicht mehr zu erleben - und plötzlich war die Mauer gefallen. Seit acht Jahren kämpfe ich wieder gegen eine Mauer, die diesmal nicht durch mein Land, sondern durch meine Sprache verläuft und durch Sprach- und Kulturvernunft nicht zu Fall zu bringen ist. Einzig durch Macht - die Macht der Öffentlichkeit.

Der Lyriker Reiner Kunze wurde 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge geboren. Der Büchnerpreisträger gehört seit Jahren zu den engagiertesten Gegnern der Rechtschreibreform. Zuletzt veröffentlichte er mit anderen den Band "Deutsch. Eine Sprache wird beschädigt".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2004, Nr. 187 / Seite 39
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