11.04.2005 · Der Rat für Rechtschreibung hat erkannt, daß sich Sprachgemeinschaft und Sprache nicht an die Leine der Theorie legen lassen. In Schulen und Behörden soll nicht länger anders geschrieben werden als in der Öffentlichkeit.
Von Hubert SpiegelDer Rat für deutsche Rechtschreibung hat in seiner Sitzung am Freitag letzter Woche deutlich gemacht, daß er die Rücknahme verfehlter Teile der Rechtschreibreform nicht länger ausschließt. Das ist zweifellos eine gute Nachricht.
Dennoch wird jetzt mancher klagen und den alten Schlachtruf wiederholen, das ewige Hin und Her müsse endlich einmal ein Ende haben. Wer so argumentiert, übersieht, daß es kein ewiges Hin und Her gegeben hat. Im Gegenteil: Die Reform tritt seit Jahren auf der Stelle. Das ist ihr großes Problem, und darin liegt ihr Scheitern begründet. Denn es ist ihr nicht gelungen, dorthin zu gelangen, wo allein sie ihre Legitimation finden kann: im allgemeinen Sprachgebrauch. Wo die Reform nicht wie in Schulen und Behörden verordnet werden konnte, hat sie sich nicht durchgesetzt. Dieser Erkenntnis haben sich jetzt auch die Reformer selbst gestellt. Nur so ist die glückliche Entwicklung im Rat zu erklären.
An der Leine der Theorie
Wer Logik in eine Sache bringen will, die nicht nach den Gesetzen der Logik entstanden ist und ihnen auch nicht folgt, tut sich naturgemäß schwer. So haben auch die Probleme der Rechtschreibreform zu einem großen Teil damit zu tun, daß die Sprache nicht logisch aufgebaut ist und sich nicht disziplinieren läßt. Keine Sprachgemeinschaft läßt sich an die Leine der Theorie legen.
Deshalb waren die Sprachwissenschaftler gut beraten, über der theoretischen Erörterung stets die Empirie im Auge zu behalten. Die Reformer hatten dies weitgehend vergessen und attackierten die Duden-Redaktion, als würden dort gesetzgeberische Akte erlassen. Aber in Mannheim wurde lediglich kodifiziert, was sich in der Praxis durchgesetzt hatte. Nicht der Sprachgebrauch folgt dem Regelwerk, sondern das Regelwerk hat dem Sprachgebrauch zu folgen. Deshalb taugt keine Regel für die Ewigkeit.
Rückkehr zur Einsicht
„Eine linguistische Theorie“, so hat es der Sprachwissenschaftler Gerhard Augst einmal formuliert, „die nicht die üblichen Schreibungen erzeugt, ist falsch.“ Zu dieser Einsicht ist der Rat für deutsche Rechtschreibung nun offenbar zurückgekehrt. Bislang bezieht sich seine Ankündigung nur auf den wichtigen Komplex der Getrennt- und Zusammenschreibung. Ein Beispiel aus diesem Bereich zeigt, was Augst gemeint hat: Heute fragen sich viele Arbeitnehmer, ob sie im Alter wohl versorgt sein werden. Andere, denen es finanziell besser geht, fragen sich, ob sie wohlversorgt sein werden.
Der Bedeutungsunterschied wird in der gesprochenen Sprache durch die Betonung erzeugt. Im Schriftbild ist er allein durch die Getrennt- oder Zusammenschreibung zu vermitteln. Eine Theorie oder Regel, die hier nicht die zusammengeschriebene Form „wohlversorgt“ berücksichtigt und erlaubt, ist Augst zufolge schlichtweg falsch. Die Folgen liegen auf der Hand: Wenn eine Theorie die gebräuchliche Schreibweise ignoriert, werden die Schreibenden die Theorie ignorieren.
Das Recht der Empirie
Wer sich fragt, was den Umschwung bewirkt haben mag, den der Rat jetzt glücklich eingeleitet hat, wird zum Schluß kommen, daß die Empirie wieder zu ihrem Recht gekommen ist. Lange Jahre haben die Reformer wider den Augenschein daran festgehalten, daß ihre Regeln die Rechtschreibung vereinfachen. Aber die gute Absicht hat ihr Ziel nicht erreicht. Die Vereinfachung, die mit der forcierten Getrenntschreibung erreicht werden sollte, hat zahlreiche Bedeutungsunterschiede eliminiert und außerdem das Sprachempfinden vieler verletzt.
Und gerade im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung kommt dem Sprachempfinden eine besondere Bedeutung zu. Denn wer sich fragt, ob er „kennenlernen“ oder „kennen lernen“ schreiben soll, hat sich weder vor der Reform noch nach ihr irgendwelche Regeln ins Gedächtnis gerufen. Entweder werden die Entscheidungen rein intuitiv getroffen oder man folgt dem optischen Gedächtnis und entscheidet sich für das vertrauter wirkende Schriftbild. Andere suchen nach Vergleichen und stoßen dabei auf Unterschiede: Schwimmen lernen bedeutet, daß ich lerne, wie man schwimmt. Aber kennenlernen bedeutet nicht, daß ich lerne, wie man kennt.
Die größere Zumutung
Deshalb hat die Arbeitsgruppe, deren Vorlage der Rat diskutierte, dafür plädiert, kennenlernen künftig wieder so zu schreiben, wie es die Mehrheit der Bevölkerung ohnehin tut. Aber was werden Schüler, Lehrer und Eltern dazu sagen? Gilt denn plötzlich nicht mehr, was Reformbefürworter jahrelang gesagt haben, daß nämlich nicht plötzlich falsch sein darf, was die Schüler gerade erst gelernt haben? Wieso meint der Rat, den Schülern nun zumuten zu dürfen, wovor die Kultusminister die Schulen stets bewahren wollten? Die Antwort ist einfach: Der Rat will die Schüler davor bewahren, daß sie eine Rechtschreibung erlernen, die sie im öffentlichen und allgemeinen Sprachgebrauch nicht oder nur in Bruchstücken antreffen. Das wäre die weitaus größere Zumutung.
Die meisten Verlage drucken ihre Bücher in der bewährten Rechtschreibung. Viele Zeitungen und Verlage sind wie zunächst diese Zeitung und später die Blätter des Springer-Konzerns zur bewährten Rechtschreibung zurückgekehrt oder nutzen wie der „Spiegel“ die Vielzahl der Varianten, die der Duden in seiner neuesten Ausgabe als zulässig erklärt hat. Die Folge ist, daß die Rechtschreibung im „Spiegel“ heute weitgehend wieder den bewährten Regeln entspricht.
Die Bedürfnisse der Leser
Mit einem „Machtkampf“, wie manche Mitglieder der Kultusministerkonferenz argwöhnten, hat dies nie etwas zu tun gehabt. Die Redaktionen folgten lediglich ihren Bedürfnissen und denen ihrer Leser. Auf diesen Weg ist nun offenbar auch der Rat für deutsche Rechtschreibung eingeschwenkt. Damit hat das Gremium bewiesen, daß es seinem Auftrag, etwaige Fehlentwicklungen der Reform zu korrigieren, nachkommen will. Das verdient Respekt, kann aber nur gelingen, wenn dem Rat mehr Zeit eingeräumt und für die Schule die Übergangsfrist verlängert wird.
Schulbuchverleger, Lehrer- und Elternverbände werden den Rat nun heftig attackieren, und Hans Zehetmair, als ehemaliger bayerischer Wissenschaftsminister selbst einer der Verantwortlichen der Reform, wird mit seiner Ankündigung auf wenig Gegenliebe in der Kultusministerkonferenz stoßen. Aber seine Beweggründe sind nicht von der Hand zu weisen: Die Sprache und die Sprachgemeinschaft lassen sich nun einmal keine Vorschriften machen. Das hätten die Politiker vorher wissen können. Es ist ja auch noch keinem Dompteur gelungen, ein Kamel durchs Nadelöhr springen zu lassen.