20.07.2005 · Nun wird die neue Rechtschreibung in fast allen Ländern verbindlich. Damit haben die unionsregierten Länder haben die Chance verpaßt, den Schülern eine weitere Verunsicherung zu ersparen.
Wenn Politiker sich der Sprache zu bemächtigen versuchen, ist ihre Blamage unausweichlich. Das hat der gescheiterte Einigungsversuch der unionsregierten Länder vom Dienstag gezeigt. Sie haben die Chance verpaßt, den Schülern eine weitere Verunsicherung zu ersparen.
Nun tritt die Rechtschreibreform nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen nicht in Kraft, in den übrigen Ländern müssen die neuen Regeln in Schulen und Behörden berücksichtigt werden.
Enorme Anmaßung
Mit ihrem Schulterschluß versuchen die Länder, die sich von Düsseldorf und München nicht haben umstimmen lassen, die Verläßlichkeit politischer Beschlüsse unter Beweis zu stellen und das Zutrauen in föderale Absprachen zu stärken. Den entscheidenden Fehler haben die Kultusminister begangen, als sie einige Teile der Rechtschreibreform für unstrittig erklärten und diese zum 1. August in Kraft setzten. Darin liegt eine enorme Anmaßung gegenüber dem Rechtschreibrat. Denn der Rat kann sich seine Tagesordnung nicht von den Kultusministern diktieren lassen. Die Minister haben ihn eingesetzt und legen ihm nun Steine in den Weg.
Der Versuch Bayerns, bei der Ministerpräsidentenkonferenz ein Moratorium für das Inkrafttreten der Reform durchzusetzen, war so mangelhaft vorbereitet, daß Stoiber und Rüttgers schließlich den Notausgang benutzen mußten, wobei auch wahlkampftaktisches Kalkül mitgespielt haben dürfte.
Jeder schreibt, wie er will
Wer nun die Einheitlichkeit der Sprache beschwört, an Absprachen mit Österreich und der Schweiz erinnert und die Abweichler geißelt, wird erkennen müssen, daß nicht die Reformgegner für ein ungeahntes Sprachchaos verantwortlich sind, sondern die Reformer selbst. Auch in der Schweiz treten die Regeln am 1. August zwar in den Schulen in Kraft, nicht aber in den Behörden.
In Deutschland ist es am wenigsten gelungen, die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit der Reform zu überzeugen. Inzwischen schreibt jeder, wie er will. Jetzt kann es nur noch darum gehen, dem Rat für deutsche Rechtschreibung Zeit und alle Freiheit zu gewähren, die ungeklärten Fragen ohne politische Vorgaben zu erörtern. Die Kultusministerkonferenz wird ihre Existenz nur sichern, wenn sie dem Rat schleunigst die Sprachregelung übergibt.