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Rechtschreibreform Geheimsache Deutsch

22.08.2004 ·  Experten für Getrennt- und Zusammenschreibung, Sprachkünstler, Revolutionäre der deutschen Sprache. Wer hat eigentlich die neue Rechtschreibung erfunden? Wer sitzt in der Rechtschreib-Kommission?

Von Hannes Hintermeier
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Er sei jetzt ein Jahr in Österreich gewesen und habe dort gelernt, was ein "scharfes s" sei - nämlich das fälschlicherweise so bezeichnete Pendant des gemeinhin als "sz" bekannten Buchstaben ß. Dies erklärte Dieter Nerius unlängst im Bayerischen Rundfunk.

Nerius war von 1975 bis 2001 Professor für germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Rostock, leitete von 1974 an die Forschungsgruppe Orthographie der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Universität Rostock; er war von 1980 bis 1986 Mitglied des Internationalen Arbeitskreises für Orthographie, von 1993 bis 1997 zuerst Mitglied, später stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Rechtschreibfragen des Instituts für Deutsche Sprache, Mannheim. Und er ist, man ahnt es, seit jenem Schicksalsjahr 1997 Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, mithin einer der Väter der Reform.

Nerius glaubt fest an seine Berufung

Zeitlebens hat der knapp Siebzigjährige sich mit Fragen der Orthographie und Lexikologie beschäftigt, schon in seinen frühesten Publikationen unternahm er "Untersuchungen zur Herausbildung einer nationalen Norm der deutschen Literatursprache" (1967); acht Jahre später legte er weitere "Untersuchungen zu einer Reform der deutschen Orthographie" vor.

Dieter Nerius ist ein glühender Anhänger der Reform, ja ihr theoretischer Kopf: der Typ des Wissenschaftlers, der sein ganzes Berufsleben mit einem Thema zubringt. Der zu DDR-Zeiten dem Reisekader angehörende Orthographiefachmann ist fest davon überzeugt, daß nur der Staat die Kompetenz hat, die Sprache zu reformieren. Nerius glaubt fest an seine Berufung - auch wenn er in sieben Jahren Kommissionsarbeit vom "scharfen s" noch nie etwas gehört hat.

Aufenthalt im akademischen Milieu

Die Kommissionsmitglieder verkörpern ein Spezialistentum, das sich als ungewöhnlich beratungsresistent erwiesen hat. Je stärker der Einspruch gegen die Details der Reform wurde, als desto unversöhnlicher, weil im Besitz der Reformhoheit, erwies sich das Gremium. Am Ende wollte es gar die totale Kontrolle (F.A.Z. vom 30. Januar) und nur noch alle fünf Jahre berichten.

Nun sind es germanistische Sprachwissenschaftler gewohnt, sich hinter den Reihen ihrer bibliographischen Befestigungsanlagen zu verschanzen. Öffentlichkeit meiden sie eher; sie bevorzugen den Aufenthalt im akademischen Milieu, wo sie Netzwerke und Zitierkartelle bilden. Dort, in den Schattenfugen germanistischer Zeitschriften, probten sie die Reform, lange bevor sie Wirklichkeit wurde.

Wer ist wer?

Wer Aufklärung im Internet sucht, wird auch auf der Homepage der Kommission kein vollständiges Bild erhalten. Ein Gruppenfoto zeigt die symbolträchtigen zwölf bei einer Art Klassentreffen, ohne Nachweis von Datum, Ort und Fotografen. Dem Vernehmen nach ist das Bild mehrere Jahre alt. Auf einer Treppe stehen, freundlich lächelnd, die Erfinder der neuen Rechtschreibung, 1986 eingesetzt von den Kultusministern der deutschsprachigen Länder. Wer ist wer?

Die Homepage bleibt die Aufklärung schuldig, offeriert aber kurze Lebensläufe, die immer erst dann einsetzen, wenn die jeweilige Biographie schon mitten in der Germanistik angelangt war. Zehn Männer und zwei Frauen, der Großteil, soweit auf der unvollständigen Homepage zu ermitteln, zwischen 1935 und 1948 geboren. Ein gut Teil davon Jahrgängen zurechenbar, die man als Achtundsechziger kennt, ein gut Teil heute in Amt und Würden ergraut. Sieben Deutsche aus Ost und West, drei Österreicher, zwei Schweizer.

Gerhard Augst und Karl Blüml

Gerhard Augst ist seit 1973 Professor für Germanistische Linguistik an der Universität-Gesamthochschule Siegen; sein Steckenpferd sind synchrone Etymologien beziehungsweise Volksetymologien; die Wissenschaft wollte seinen Herleitungen nicht folgen, weswegen sein "Wortfamilienwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache" (1998) umstritten ist. Augst hat viel publiziert, rangiert aber nach Einschätzung von Fachkollegen im Mittelfeld. Er ist Mitarbeiter der Duden-Grammatik und einer der engagiertesten Vertreter der Reform. Schöpfungen wie "verbläuen" oder "Zierrat" gehen auf sein Konto.

Hofrat Karl Blüml ist ein Wiener Ministerialbeamter, der als derzeitiger Vorsitzender der Kommission die Klaviatur in Bürokratien zu spielen weiß. Fachlich weniger involviert, hat er sich in einem Zeitungsinterview auch schon mal aus dem Fenster gehängt und als Ziel der Reform die Entmachtung des Duden-Monopols genannt.

Dehn, Gallmann, Hauck und das ostdeutsche Dreiergespann

Über die Kompetenz in Rechtschreibfragen ist bei Mechthild Dehn wenig bekannt, da sie andere Felder beackert: Sie ist seit 1987 Professorin für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Hamburg; in die Kommission rückte sie spät nach, sie gilt als Unterstützerin der Linie von Gerhard Augst.

Peter Gallmann war Korrektor der "Neuen Zürcher Zeitung" und hat als Schüler von Horst Sitta schon an Sitzungen der Kommission teilgenommen, als er noch kein Mitglied war. Kollegen beschreiben ihn als dogmatisch und halsstarrig, aber auch als kreativ und wissenschaftlich potent: Der Duden-Autor ist für die größtmögliche Vermehrung der Großschreibung, "im Übrigen" und "des Öfteren" sind Neuerungen, für die Gallmann kämpft. Seit 2002 hat er einen Lehrstuhl für germanistische Sprachwissenschaft in Jena.

Werner Hauck leitet seit 1974 die Sektion Deutsch der Zentralen Sprachdienste der schweizerischen Bundeskanzlei, kommt also aus der Verwaltung und ist als Wissenschaftler nicht ausgewiesen. Klaus Heller bildet zusammen mit Dieter Nerius (dessen Mitarbeiter er war) und Dieter Herberg das ostdeutsche Dreiergespann. Seit seiner Dissertation beschäftigt er sich mit Fremdwortschreibung, zu DDR-Zeiten an der Ostberliner Akademie, später wurde er, wie viele andere auch, vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS) übernommen.

Experte in Fragen der Getrennt- und Zusammenschreibung

Der Sekretär der Kommission ist Autor des Hauses Bertelsmann. Dem Vernehmen nach fiel er weniger durch wissenschaftliche Brillanz als dadurch auf, daß er der freien Wirtschaft Seminare anbot, die Firmen auf die neue Rechtschreibung vorbereiten sollten. Auch Dieter Herberg kommt aus dem Stall von Nerius, auch er wirkt heute am IDS. Der hochspezialisierte DDR-Wissenschaftler gilt als ordentlich, aber unauffällig. Er ist Experte in Fragen der Getrennt- und Zusammenschreibung, deren neue Regelung besonders großen Unmut hervorruft.

Rudolf Hoberg lehrt seit 1974 in Mannheim germanistische Sprachwissenschaft, bekannter wurde er jedoch als Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden, welche er gegen interne Widerstände auf eine Pro-Reform-Linie getrimmt hat; auch er ist Duden-Autor. Der Österreicher Richard Schrodt ist außerordentlicher Professor am Germanistischen Institut der Universität Wien, man hat ihn der Kommission empfohlen, weil er als glühender Reformverehrer galt; er ist nicht spezialisiert auf Fragen der Orthographie und zeigt in seinen Publikationen ein breiteres, auch historisch ausgerichtetes Themenspektrum.

Gegenspieler von Nerius

Der gebürtige Böhme Horst Sitta ist emeritierter Professor für Deutsche Sprache der Universität Zürich. Als Germanist ist er anerkannt, zu Fragen der Rechtschreibreform hat er nur wenig publiziert; er ist in der Kommission der Gegenspieler von Nerius, verfolgt aber im wirklichen Leben für den Duden-Verlag eine erfolgreiche Strategie der Besitzstandswahrung in der Schweiz.

Zusammen mit Peter Gallmann hat er mehrere Bücher zur neuen Schreibweise herausgebracht. Ulrike Steiner ist Redakteurin des Österreichischen Wörterbuchs, an dem auch Karl Blüml mitarbeitet. Dieses Wörterbuch zielt auf eine größere Abgrenzung des Österreichischen vom Hochdeutschen, in dem es Austriazismen kanonisiert. Frau Steiner ist das jüngste und am wenigsten beschriebene Blatt im Zwölferrat.

Zweckbündnis aufrechterhalten

Der langjährige Leiter der Duden-Redaktion Günther Drosdowski hat die Zustände in der deutschen Rechtschreibkommission in einem Brief an den Germanisten Theodor Ickler bereits im November 1996 festgehalten. Die Reformer, schreibt Drosdowski, "mißbrauchten die Reform schamlos, um sich Ansehen im Fach und in der Öffentlichkeit zu verschaffen, Eitelkeiten zu befriedigen und mit orthographischen Publikationen Geld zu verdienen. Selten habe ich erlebt, daß Menschen sich so ungeniert ausziehen und ihre fachlichen und charakterlichen Defizite zur Schau stellen."

Die Kultusbürokratie, die diese Kommission einsetzte, sieht aus naheliegenden Gründen nicht ein, daß man einem Fluidum wie Sprache nicht mit dem germanistischen Schraubenschlüssel allein beikommt. Dazu hätte es feinerer Instrumente bedurft, als sie Politik und generative Grammatik zur Verfügung stellen. Aber beide schützten einander über die Jahre und hielten ihr Zweckbündnis noch aufrecht, als sich längst abzeichnete, daß der Auftrag "Vereinheitlichung und Vereinfachung" gescheitert war.

„Einige wenige Personen"

Im Chor der Politikerstimmen, der sich seit kurzem erhebt, waren vereinzelt auch Kommissionsmitglieder zu vernehmen. Im "Tagesspiegel" etwa brachte Gerhard Augst gleich schwere Geschütze in Stellung: Er glaube nicht, daß die Rechtschreibung das eigentliche Thema sei, man wolle "vielmehr den ganzen Unwillen gegen die anstehenden Sozialreformen auf der Rechtschreibung symbolisch abladen".

Und Klaus Heller sattelte in der "taz" noch drauf: Nur "einige wenige Personen" versuchten aufgrund ihrer publizistischen Macht, "einen demokratischen Prozeß auszuhebeln, der über Jahrzehnte in vielen Ländern durch viele wissenschaftliche, politische und andere gesellschaftliche Gremien gestaltet worden ist".

Es war nicht gut, daß die Kommission so lange die Deckung gesucht hat, aber es wird nun immer deutlicher, daß sie dies mit guten Gründen tat. Nun, auf dem Scherbenhaufen und kurz bevor im Herbst ein Rat für die deutsche Rechtschreibung die Aufräumarbeiten übernehmen soll, zeigt sich vollends, auf welch fragwürdigen Prämissen sie ihr Regelwerk gründete.

Bislang war stets zu hören, daß der künftige Rat für Rechtschreibung im Kern aus den Mitgliedern ebenjener Kommission bestehen soll, die er ablöst, weil ihr Scheitern sogar von den energischsten Verteidigern nicht länger abgestritten werden kann. Unglaublich? Ja, aber nicht unglaublicher als die Vorgeschichte der Kommission.

Heute trifft sich in Wien die Zwischenstaatliche Kommission für die deutsche Rechtschreibung zur Krisensitzung. Obwohl das Gremium die Verantwortung für das Scheitern der Reform trägt, ist es seinen Mitgliedern bisher gelungen, fast vollständig im Hintergrund zu bleiben. Kaum jemand kennt die Namen der Experten, die das mißlungene Regelwerk ausgeheckt haben. Auch in Wien wird wieder hinter verschlossenen Türen getagt. Wir haben sie einen Spalt geöffnet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2004, Nr. 195 / Seite 33
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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