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Rechtschreibreform : Die letzte Chance

  • -Aktualisiert am

Deutsche Rechtschreibung: Ein neuer Rat soll Klarheit bringen Bild: dpa

Der neue Rat für Rechtschreibung soll das viel diskutierte Regelwerk so ändern, daß es 2005 verbindlich in Kraft treten kann. Damit steht ihm eine langwierige Aufgabe bevor.

          Am heutigen Freitag findet im Institut für Deutsche Sprache in Mannheim die konstituierende Sitzung des neuen Rats für Rechtschreibung statt. Er soll, wo er es für nötig hält, Änderungen an dem neuen, bereits mehrfach korrigierten und uminterpretierten Regelwerk vorschlagen, damit es wie geplant zum 1. August 2005 verbindlich eingeführt werden kann.

          Eigentliche Aufgabe dieses neuen Gremiums ist es aber, den Konflikt um die Rechtschreibreform friedlich zu beenden. Das wirft Fragen auf. Ist ein Gremium von 36 Personen, die von über dreißig Verbänden und Institutionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz delegiert wurden, überhaupt arbeitsfähig? Können sie innerhalb eines halben Jahres zu einem tragfähigen Ergebnis kommen? Ist diese Auswahl, die die Beamten der Kultusministerkonferenz getroffen haben, repräsentativ - und zwar im Hinblick auf den Konflikt?

          Gleiche Aufgabenstellung

          Das Gremium ähnelt in seiner Zusammensetzung (2:1:1 für die drei Länder) der jetzt aufgelösten zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung und deren Beiräten. Neu dabeisein sollte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (zwei Sitze), doch hat sie eine Teilnahme abgelehnt, nachdem namhafte Schriftsteller, darunter Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, zum Boykott aufgerufen hatten. Vertraut ist auch die organisatorische Anbindung an das Institut für Deutsche Sprache, das seit seiner Gründung im Jahre 1964 ein Motor der Rechtschreibreform war.

          Und sogar die Aufgabenstellung beider Gremien gleicht sich bis in den Wortlaut hinein. Von der ehemaligen Rechtschreibkommission hieß es in der Präambel der Gemeinsamen Erklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung vom 1. Juli 1996: „(Sie) wirkt auf die Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum hin. Sie ... beobachtet die künftige Sprachentwicklung. Soweit erforderlich, erarbeitet sie Vorschläge zur Anpassung des Regelwerks.“ Das klingt nachträglich wie Hohn, haben doch gerade die Mitglieder dieser Kommission die deutsche Einheitsorthographie ihrem Reformeifer geopfert.

          Bewahrung der Einheitlichkeit

          Ganz ähnlich verkündet die KMK, was der neue Rat zu tun habe: „(Er) hat die Aufgabe, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren. Er wird die Entwicklung der Schreibpraxis beobachten und die Rechtschreibung auf der Grundlage des orthographischen Regelwerks im notwendigen Umfang weiterentwickeln.“ Diese Textverwandtschaft weist auf eine weitere Gemeinsamkeit hin.

          Sie liegt in der Arbeitsgruppe Rechtschreibreform der KMK, die die politischen Vorgaben an die Sprachexperten weitergab und die politische Umsetzung organisiert hat. Diese aus verschiedenen deutschen Bundesländern abgeordneten Kultusbeamten sind in einem Jahrzehnt zur treibenden und bestimmenden Kraft der Rechtschreibreform geworden. Sie blieben als die Stichwortgeber der Kultusminister stets im verborgenen, sie diskutieren mit keinem Kritiker, werden aber gewiß auf der konstituierenden Sitzung des Rats wieder dabeisein.

          Unterschied: der Vorsitzende

          Nur eines unterscheidet den Rat grundlegend von der Vorgängerkommission: der Vorsitzende. Damals wurde er aus dem Kreis der Kommission gewählt, diesmal schlägt ihn die KMK selbst vor und erwartet, daß der Rat ihren Kandidaten, den ehemaligen bayerischen Kultusminister Zehetmair auch wählt. Er steht, wie er wiederholt erklärt hat, für die Einsicht, „daß die Politik keine Rechtschreibung verordnen sollte“, eine späte Einsicht zwar, denn Zehetmair hat 1996 die sofortige Einführung der neuen Regeln in den Schulen Bayerns angeordnet. Aber gerade darum ist diese Wahl zu begrüßen. Überdies erklärt Zehetmair, er sehe sich nicht „als Erfüllungsgehilfe der Kultusminister“.

          Wo sollte der Rat mit seiner Arbeit beginnen? Zunächst muß er sich die Situation der Rechtschreibung ungeschönt vor Augen führen: Die meisten Schriftsteller und belletristische Verlage, viele Fachverlage und zahlreiche Zeitungen weigern sich, die für Schulen verordneten Regeln anzuwenden. Bei den Schülern herrscht Verwirrung, bei den Lehrern Frust. Die Mehrzahl der Bürger war nie für eine Rechtschreibreform, sie erduldet sie nur.

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