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Raumfahrt Teilungsmission

03.02.2004 ·  Ob im Auftrag der NASA oder mit Unterstützung privater Raumfahrtvisionäre. Wie es scheint, werden wir zum Mars fliegen. Klar ist jedoch: Die Sache wird ein Vermögen kosten und die Ziele sind ungewiß.

Von Charles Simonyi
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Ich bin auf einem Schiff, das vor Montserrat kreuzt. Aus dem Brockhaus in der Bordbibliothek und per Satellit über die Suchmaschine Google erfahre ich, daß Kolumbus diese Insel vor fünfhundert Jahren mit einem winzigen, zerbrechlichen Schiff entdeckte, auf dem zahlreiche Seeleute an Skorbut und anderen Krankheiten litten. Fasziniert lese ich, wie falsch damals der Plan unserer Vorfahren und welch ein zweifelhafter Typ dieser Kolumbus war, doch all diese falschen Berechnungen, das Leid und die Grausamkeit wurden Teil dessen, was wir heute sind. Insgesamt zog Europa aus diesen Fahrten einen gewaltigen Nutzen, und Google ist nur das jüngste Beispiel dafür.

Was sagen die Nachrichten? Wie es scheint, werden wir zum Mars fliegen. Die Leute spekulieren bereits über ein winziges, zerbrechliches Schiff, in dem die Astronauten offensichtlich unter der tödlichen Strahlung der Sonne und den schrecklichen Auswirkungen der Langeweile werden leiden müssen. Die Sache wird ein Vermögen kosten, die Ziele sind ungewiß, und die Beteiligten sind von zweifelhaftem Charakter. Daraus kann nichts Gutes entstehen. Oder doch?

Falten und Entfalten

Aber wir sind doch schon auf dem Mars. Gerade sehe ich mir den Marsrover "Opportunity" an, der immer mehr Bilder der Marswüste aufnimmt und nach Spuren von Wasser sucht. Da ich ständig meine Brille suche, kann ich den Wissenschaftlern sagen, wo sie Wasser finden werden, nämlich genau dort, wo sie zuletzt danach suchen. In der Zwischenzeit mache ich Stimmung für sie.

Es gibt noch andere Nachrichten. Bert Rutans privates Raumflugzeug - das von dem Visionär Paul Allen finanziert wird - hat gerade bei seinem Aufstieg die Schallgeschwindigkeit überschritten. Das geschah genau hundert Jahre nach dem ersten Flug der Gebrüder Wright. Rutan ist ein Fliegergenie ganz nach Art der Wrights. Sein Raumflugzeug besteht aus Plastikverbundstoffen. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zerlegt es sich in zwei Teile und fällt eine Weile wie ein Federball, bis es sich auseinanderfaltet und wie ein Segelflugzeug landet. Durch dieses Falten und Entfalten und durch eine geschickte Steuerung lassen sich die Kräfte, denen das Gefährt ausgesetzt ist, in Grenzen halten. Die Ingenieure haben eine etwas seltsame Bezeichnung für das Verhältnis zwischen Luftwiderstand und Geschwindigkeit in Höhe des Meeresspiegels. Sie sprechen von der "angezeigten Fluggeschwindigkeit".

Bei Rutans Raumflugzeug liegt diese angezeigte Fluggeschwindigkeit niemals über 260 Knoten oder 505 Stundenkilometern, selbst wenn das Flugzeug die Schallmauer durchbricht, und auch nicht beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Die Luftfahrtindustrie freut sich über so niedrige Geschwindigkeiten, denn so kann Rutans raketengetriebenes Raumflugzeug etwa dieselbe Form haben wie ein düsengetriebenes Frachtflugzeug; beide können auf einem kleinen Zivilflugplatz in Kalifornien starten und landen, vielleicht sogar unter der Aufsicht des Fluglotsen, mit dem ich sprach, als ich in dieser Gegend flog.

Fotoalbum der Menschheit

Diese Nachrichten lassen mich darüber nachdenken, was ich vom Mars und dem Weltraum halte. Uns allen sind die Fernsehprogramme und Internetdienste längst selbstverständlich geworden, die über Satellit zu uns kommen, so daß wir Google auf einem Schiff oder sogar während des Flugs in einem Passagierflugzeug nutzen können. Ich bewundere Rutan und seinen Mut, seinen Einfallsreichtum und seine Fähigkeit, mit einem so kleinen Team so große Leistungen zu vollbringen. Und ich begeistere mich für die wissenschaftlichen Erkenntnisse - oder aufrichtig gesagt, eher für die Bilder -, die uns die Raumsonden verschaffen. Dabei denke ich nicht nur an den Mars, sondern auch an den Kometen, der bei der Stardust-Mission Anfang Januar fotografiert wurde, oder an die Bilder von der Geburt der Sterne im Zentrum der Milchstraße, die man mit dem neuen Infrarotteleskop aufgenommen hat. Als vor einigen Jahren ein anderer Komet in den Jupiter stürzte, beobachteten mehrere Raumsonden die gigantischen Explosionen, und wir alle dachten: "Das war gefährlich nahe." Das Fotoalbum der Menschheit von der näheren Umgebung, dem Sonnensystem und dem Universum wird Jahr für Jahr voller, schärfer und schöner.

Vor allem nach dem tragischen Verlust des zweiten Spaceshuttle wurden nachdenkliche Stimmen laut, die darauf hinwiesen, daß viele wichtige wissenschaftliche Projekte wegen der gewaltigen Kosten der bemannten Raumfahrt zurückstehen müßten. Nach der Ankündigung des Marsprogramms hören wir solche Stimmen nun wieder. Der Flug zum Mars wird wahrscheinlich noch teurer sein. Wären die Mittel an anderer Stelle nicht sinnvoller eingesetzt, zum Beispiel für unbemannte Erkundungsflüge?

Großartige Institutionen

Ich bin immer amüsiert, wenn ich solche Fragen höre. Das Geld könnte man doch auch für andere Dinge ausgeben, etwa für die wohltätigen Zwecke, die mir so am Herzen liegen. Tatsächlich konkurriert alles, was wir tun, mit allem, was wir vielleicht tun könnten. Wie sollten wir da jemals zu einer Entscheidung gelangen? Aber irgendwie schaffen wir es, denn wir besitzen großartige Institutionen, die in wechselseitigem Einvernehmen oder Widerstreit dazu beitragen, daß die Gesellschaft sich ein Bild macht, eine Bewertung vornimmt und schließlich eine Entscheidung über ansonsten unlösbare Fragen trifft. Doch diese Institutionen müssen unabhängig sein, damit viele Ideen entstehen und in Wettbewerb zueinander treten können.

Darum sei hier ein bescheidener Vorschlag gemacht. Übertragen wir die Verwaltung der wissenschaftlichen Erforschung des Alls einer wissenschaftlichen Organisation, zum Beispiel der National Academy of Sciences. Dann könnte die Nasa sich auf die bemannte Raumfahrt einschließlich der Marsmission konzentrieren, die ja für sich allein schon eine großartige Herausforderung darstellt. Und um auch Rutan eine Chance zu geben, sollten wir die Regulierung des Zugangs zum Weltraum einer unabhängigen Organisation übertragen, zum Beispiel der Federal Aviation Administration, die den Luftverkehr seit siebzig Jahren kompetent fördert und reguliert.

Russische Erfahrungen

Für die Erforschung des Weltalls durch eine nationale Akademie der Wissenschaften gibt es ein interessantes Vorbild. Während des Wettrennens zum Mond war die Sowjetische Akademie der Wissenschaften nach außen hin zuständig für die Raumfahrt. Doch während die Sowjets ihre politischen Abenteuer in einer wissenschaftlichen Organisation versteckten, könnten wir in den Vereinigten Staaten unsere wissenschaftlichen Abenteuer in einer politischen Organisation verstecken. Wir sollten unsere russischen Freunde nach ihren Erfahrungen fragen.

Die Teilungsmission der Nasa brächte keine Lösung im Streit um die bemannte oder unbemannte Raumfahrt, aber sie könnte beide Seiten ermuntern, ihre Argumente klarer zu formulieren und die Kosten genauer auszuweisen. Heute ist es fast unmöglich, präzise Angaben über die Kosten zu machen. Wir hören, das Shuttle sei äußerst wertvoll, weil dadurch teure Raumschiffe unnötig würden. Aber es ist auch nicht ausgeschlossen, daß wir zum Preis eines Shuttleflugs, der eine Reparaturmission erfüllen soll, ein ganz neues Raumschiff mit einer unbemannten Rakete ins All schießen könnten. Wir bringen ja auch nicht unsere enorm teuren, zehn Jahre alten Videorekorder zu einem enorm teuren Reparaturdienst, wenn wir im Supermarkt einen weitaus besseren Rekorder für weniger als hundert Dollar kaufen können.

Innovative Trägersysteme

Kann Rutan uns zum Mars bringen? Leider nein. Aber seine Bemühungen - und die Bemühungen einer Reihe anderer Gruppen um die Entwicklung einer unabhängigen privaten Raumfahrt - könnten noch sehr wichtig werden. Einer Marsmission - aber auch wissenschaftlichen und kommerziellen Missionen - könnte es sehr zugute kommen, wenn man innovative Trägersysteme für Frachtflüge entwickelte, die mit der gegenwärtigen Generation der nicht wiederverwendbaren Raketen konkurrierten. Für den Transport von Treibstoff oder anderen schweren, aber nicht besonders wertvollen Materialien, die man für die Projekte benötigt, wäre die unglaubliche Zuverlässigkeit und Effizienz der heute in der bemannten wie auch unbemannten Raumfahrt eingesetzten Trägersysteme gar nicht erforderlich.

Warum macht man keine Ausschreibung für den in zehn Jahren durchzuführenden Transport von tausend Tonnen flüssigem Sauerstoff in erdnahe Umlaufbahnen, in Chargen von jeweils mindestens zehn Tonnen, und wartet dann, welche Ideen und Innovationen kommen? Manche würden vielleicht leere Tanks hinaufschießen und anderen die Füllung überlassen, mit jeweils nur einer halben Tonne Nutzlast pro Flug. Viele Flüge würden scheitern, aber die Federal Aviation Administration könnte dafür sorgen, daß die Sicherheit gewahrt bliebe. Ich möchte wetten, daß eines der innovativen Raumfahrzeuge, das als unzuverlässiges, aber billiges Projekt begann, am Ende zuverlässiger sein wird als die unendlich teuren Raketen.

Privates Engagement

Auch das Humangenom-Projekt basierte mehr oder weniger auf diesem Prinzip: Die Regierung bestimmte das Ziel, und Wissenschaftler, Privatindustrie und Finanziers kooperierten und wetteiferten, um Geld und Aufmerksamkeit zu erlangen. Viele Methoden wurden ausprobiert, bis hin zum Gebrauch von billigen Tintenstrahldruckerteilen, mit denen man Millionen von kleinen chemischen Experimenten durchgeführt hat. Dadurch sind wir nun in der Lage, täglich mehr DNS zu sequenzieren als in den ersten fünf Jahren des Programms zusammen.

Privates Engagement also für die neuen Probleme. Währenddessen könnte die Nasa sich auf die Probleme bemannter Raumflüge konzentrieren und müßte diese Projekte der Öffentlichkeit mit vernünftigen Argumenten verkaufen. Mit Vision und Begeisterung, nicht aber mit dem Hinweis auf pseudowissenschaftliche Probleme wie die Frage, auf welche Weise Spinnen ihre Netze in der Schwerelosigkeit weben, und nicht mit Pseudoargumenten wie der Behauptung, nur ein Astronaut könne entscheiden, welche Steine er mit zurückbringen soll. Auch die Wissenschaftler müßten Verantwortung übernehmen und ihr Versprechen einhalten, mehr Wissenschaft für weniger Geld zu bieten. Beide Seiten würden aufregende Bilder schießen oder für Telepräsenz sorgen, damit wir alle unsere Freude daran haben und unsere vielfältigen Interessen befriedigen können.

Falls die Vergangenheit hier als Maßstab dienen kann, wird es den Aufwand wert sein.

Charles Simonyi ist ein Pionier der Software-Entwicklung und steht dem Unternehmen "Intentional Software" vor. Er wurde 1948 in Budapest geboren, studierte in Berkeley und wurde an der Stanford-Universität in Computerwissenschaften promoviert. 1981 wurde er in einem damals winzigen Start-up namens Microsoft Chefarchitekt von Programmen wie "Word" und "Excel". Seitdem genießt er Reichtum, besitzt einen Privatjet und hat an Einsteins Forschungsstätte in Princeton einen Charles-Simonyi-Lehrstuhl eingerichtet.

Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff.

Quelle:
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