Raul Hilberg genoss in Deutschland einen späten, aber umso größeren Ruhm, der oftmals, auf der Seite der Jüngeren, eine persönliche Verehrung des großen Gelehrten einschloss. Kein besserer Beleg dafür als die Tatsache, dass er, amerikanischer Staatsbürger seit langem, in diesem Frühjahr auf der vom Magazin „Cicero“ erstellten Liste der fünfhundert einflussreichsten deutschsprachigen Intellektuellen einen respektablen Platz erlangte.
Hilberg, am 2. Juni 1926 in Wien geboren, hatte sich in den fünfziger Jahren im Alleingang an eine historiographische Jahrhundertaufgabe gemacht: an die Erforschung der deutschen Vernichtungspolitik. 1961 erschien „The Destruction of the European Jews“ in den Vereinigten Staaten. Es dauerte zwanzig Jahre, bis sich ein kleiner deutscher Verlag zu einer Übersetzung entschloss, und seither wuchs das Buch, um immer neue Quellen bereichert; die überarbeitete dreibändige Ausgabe schließlich erschien im Verlag S. Fischer zuerst 1990 unter dem Titel „Die Vernichtung der europäischen Juden“.
Standardwerk - trotz Einwänden
Es bleibt ein Standardwerk, trotz der vielfachen Einwände, die man dagegen erhoben hat. Der gewichtigste unter ihnen lautet, Hilberg habe die jüdische Gegenwehr nicht wirklich ins Auge gefasst und so einer Legende von widerstandslosen Opfern Vorschub geleistet. Immerhin erwähnte er in seinem Buch aber die Berliner Gruppe junger jüdischer Kommunisten um Herbert Baum, die im Mai 1942 einen Brandanschlag auf eine antisowjetische Propagandaausstellung verübte. Andererseits fehlt im Namensregister dann doch Abba Kovner, ein bedeutender Partisanenführer, der jüdische Kämpfer im Raum Vilnius befehligt hat.
Hilberg seinerseits, der sich stets auf die Akten verließ, und seien es auch auf den ersten Blick wenig relevante wie die von örtlichen Feuerwehren im Baltikum, konnte diesem Einwand gegenüber geltend machen, dass er bei seinen Recherchen nach Brandursachen nur die alleralltäglichsten fand: hier einen Kurzschluss, dort eine brennende Zigarette. Seine Schlussfolgerung lautete deshalb: „Es gab keine Sabotage.“
Kaum glaubliches Kapitel
Es mag, was die Vorgeschichte des Holocaust in den judenfeindlichen Aktionen und bald auch Gesetzen im Hitlerstaat anging, eine weitere Lücke in Hilbergs Darstellung geben, die erst Edwin Blacks „The Transfer Agreement“ geschlossen hat. Gemeint ist das hierzulande fast unbekannte, kaum glaubliche Kapitel der Zusammenarbeit zwischen NS-Behörden und zionistischen Organisationen unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung.
Unendlich viel muss Raul Hilberg, dieser beste Kenner der Quellen, der bis in seine späten Jahre auf der Suche nach neuen Dokumenten war, stets beklagend, wie wenig er noch wisse, in sich verschlossen haben. Was davon nach außen drang, war geprägt von dem Bewusstsein, dass die dem Wissenschaftler auch in diesem Fall gebotene Sachlichkeit sich an dem objektiv irrsinnigen Material brechen musste, mit dem er es zu tun hatte. So kann man es verstehen, dass er beim mündlichen Vortrag, in dem er glänzte, nicht selten – und darin George Tabori ähnlich – einen auf unheimlichem Grund gebauten Witz spielen ließ: Von der Reichsbahn sprach er einmal als seiner „liebsten Behörde“.
Historiographischer Einzelgänger
Und man konnte erleben, dass er minutenlang aus Versicherungsakten der Zeit nach der „Kristallnacht“ von 1938 vortrug – ganz im Ton jener ratlosen Beamten, die sich nun fragten, ob ihre Anstalten wirklich für die angerichteten Schäden aufzukommen hätten, und wie das Finanzministerium sich „begütigend“ einschaltete. Und plötzlich, erschreckend, nur in einer Nuance, schlug die Stimme wieder um und konfrontierte den Zuhörer mit den wirklichen Konsequenzen.
Vor allem aber: Niemals hörte man von ihm eines jener deutschen Lieblingsworte „wider das Vergessen“. Offziöse Erinnerungspolitik war seine Sache nicht. Es mag in diesen Zusammenhang gehören, dass Hilberg kaum auf eine Orthodoxie, auf eine Generallinie festzulegen war. Und so konnte er auch seine Freunde gelegentlich irritieren. Dass er sich noch kürzlich für den in scharfe Kritik geratenen, von seiner Universität entlassenen Norman Finkelstein einsetzte und dessen Kritik an jüdischen Organisation in den Vereinigten Staaten „im Kern“ teilte, dass er, wie Finkelstein, die Entschädigungsforderungen an die Schweizer Banken für überzogen hielt (um das mindeste zu sagen), das mag sicher in der spontanen Sympathie des einen historiographischen Einzelgängers für den anderen begründet sein, aber es hatte auch Gründe in der Sache. Am vergangenen Samstag ist Raul Hilberg im Alter von einundachtzig Jahren gestorben.