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Rauchverbot in Italien Nichtraucher

12.01.2005 ·  Nichtrauchen ist modern, Italien rückständig. Wie paßt das zusammen? Soll das Rauchverbot in italienischen Bars etwa nur die Zurückgebliebenheit des anarchischen Landes kaschieren?

Von Dirk Schümer, Venedig
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Wie mißt man die Modernität eines Landes? An seinen Restriktionen gegen das Rauchen. Denn besonders komplex entwickelte Populationen, die naturgemäß ihre biologische Reproduktion nicht mehr gewährleisten, können es sich schlicht nicht leisten, den spärlichen Nachwuchs auch noch durch Teer und Nikotin zu dezimieren.

Daher wohl auch die einfallsreichen, ja geradezu rabiaten Nichtraucherkampagnen in den Vereinigten Staaten, die noch genug Probleme haben werden, aus ihrem massigen Haushaltsdefizit die medizinischen Folgekosten kollektiver Fettsucht zu bestreiten.

Camouflagetaktik landestypischer Rückständigkeit

Wenn nun auch Italien mit drakonischen Strafmaßnahmen dem Zigarettenqualm den Kampf ansagt, kann man dies auf zweierlei Weise deuten. Zum einen als die übliche Camouflagetaktik landestypischer Rückständigkeit: nach dem Muster, daß man dort die Steuern ins Abstruse erhöht, wo die Bürger sie sowieso nicht zahlen.

Nicht nur die Deutschen, die ja aus einem Land stammen, wo Autobahnmaut und Arbeitsmarkt, Ganztagsschule und Wissenschaft besser funktionieren als sonstwo in der Welt, haben es sich angewöhnt, nach diesem Muster in den Italienern die liebenswerten, doch hoffnungslos gestrigen Anarchos im europäischen Haus zu betrachten.

Auch die Italiener selbst haben es sich angewöhnt, vor aller Welt ihre Aufmüpfigkeit und ihren Rebellengeist zu preisen, so daß die ersten Reaktionen auf das Rauchverbot in Italiens Gastgewerbe vorhersehbar waren: Abgeordnete, die einen Volksentscheid fordern; Wirte, die ihre Stammkunden mit Zigarrenkisten locken; gutgelaunte Kunden, die sich - wie in Neapel geschehen - vor der Fernsehkamera von bereitwilligen Poliziotti mit einer saftigen Buße belegen lassen.

Eines der modernsten Länder Europas

Doch täuschen wir uns nicht: All das fällt unter die Rubrik Straßentheater und Folklore. Auch vor der Einführung der Helmpflicht auf Mopeds (ein versicherungsmathematisches Notopfer auch dies) hatten die Italiener bereits vom kollektiven Aufstand gegen die Verkehrspolizei getönt. Und nun tragen die Halbwüchsigen von Palermo nicht nur alle einen Helm, sondern halten auch noch bei Rot an.

Italien - das ist die zweite Deutung - ist, man blicke nur auf die Exportstatistik oder die Beschäftigungsrate, eben eines der modernsten Länder Europas und möchte höchstens noch bei der Papstwahl mit Qualm in die Schlagzeilen geraten.

Sicher, es gibt gerade im Mezzogiorno immer noch ein paar Enklaven, die sich mit asterixhafter Tapferkeit gegen die europäische Besetzung wehren. Doch in einem Deutschland, das in Sparten wie Steuerflucht, Sozialbetrug, Verschuldung und Schwarzarbeit Italien soeben den Rang abläuft, sollte man den Mund - pardon: die Lunge - besser nicht zu voll nehmen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.01.2005, Nr. 10 / Seite 33
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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