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Raubkunst Die neunzehnhundert Bilder des Hermann Göring

23.03.2009 ·  Hitlers Reichsmarschall raffte sehr viel mehr Gemälde zusammen, als bisher bekannt war. Nancy Yeide hat nun das erste vollständige Bestandsverzeichnis der Kunstsammlung Hermann Görings zusammengestellt: Ein Interview.

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Nancy Yeide hat das erste vollständige Bestandsverzeichnis der Kunstsammlung Hermann Görings zusammengestellt: Er raffte sehr viel mehr Gemälde zusammen, als bisher bekannt war (siehe auch: Kunst: Görings Beutezug).

Ms. Yeide, Sie legen ein Buch vor, in dem Sie alle Gemälde, die sich im Besitz Hermann Görings befanden, beschreiben und ihrer Provenienz und ihrem Verbleib nachgehen. Wie kam dieses Projekt zustande?

Es ist aus meiner Arbeit als Provenienzforscherin hier an der National Gallery of Art hervorgegangen. Als ich damit begann, die Nachkriegsgeschichte von einigen unserer Gemälde zu erforschen und dabei Unterlagen vor allem in den National Archives zu sichten, musste ich feststellen, dass es kein umfassendes Bestandsverzeichnis gab. Anfangs wollte ich nur meinen Kollegen in anderen Museen und Institutionen helfen, die nicht wie ich Zugang zu den Dokumenten hatten, aber das Vorhaben nahm allmählich viel größere Ausmaße an. Ich war mehr und mehr daran interessiert, den Bogen weiter zu spannen und Görings Sammlung als Ganzes zu untersuchen.

Und damit fingen Sie vor sieben Jahren an?

So ungefähr, ja. Es war nicht die einzige Aufgabe, die ich zu erfüllen hatte, aber in einem Forschungsjahr, das mir die National Gallery gewährte, habe ich nichts anderes getan.

Was waren Ihre wichtigsten Quellen? Wo wurden Sie fündig?

In amerikanischen und deutschen Archiven. In den National Archives hier in Washington werden, wie Sie wissen, die wichtigsten Unterlagen zur Nachkriegsrestitution aufbewahrt, und auch im Bundesarchiv in Koblenz hatte ich Einsicht in Akten über Nachforschungen, die von deutscher Seite nach dem Krieg unternommen wurden. Ich habe zudem in Archiven in Den Haag, London, Paris und in traditionellen kunsthistorischen Quellensammlungen wie jenen im Getty Center oder der Bibliothek der National Gallery geforscht. Es war alles mit viel Zeitaufwand und vielen Reisen verbunden.

War aber nicht schon 1945 ein erster Versuch gestartet worden, ein Verzeichnis von Görings Kunstsammlung zu erstellen?

Das Verzeichnis von 1945 listet nur die Werke auf, die damals von den Alliierten sichergestellt wurden. Es gab danach bedeutende Nachforschungsprojekte, und darauf konnte ich mich auch bei meiner Arbeit immer wieder stützen. Überhaupt habe ich den Einsatz zu schätzen gelernt, mit dem diese Nachforschungen betrieben wurden. Aber es war kein Verzeichnis vorhanden, das vor dem Krieg angelegt wurde. Aus dem Jahr 1940 stammt zwar eine Art Verzeichnis der Sammlung, aber es ist bloß ein Mischmasch von Papieren, die irgendwie in einem Ordner gelandet sind. Und es gibt unvollständige Listen von Gemälden, die Anfang 1945 aus Carinhall evakuiert wurden, und andere Listen konfiszierter Werke. Aus all dem musste ich nun das filtern, was, wie ich meine, als definitive Gesamtliste anzusehen ist.

Worin bestanden für Sie die Hauptschwierigkeiten?

Das waren Probleme, wie sie bei jeder Provenienzuntersuchung und bei jeder Arbeit mit Archivmaterial auftauchen. Unterlagen waren widersprüchlich, und die Bezeichnung von Werken war unterschiedlich und widersprüchlich, so dass bisweilen ein und dasselbe Werk unter verschiedenen Titeln aufgeführt oder verschiedenen Künstlern zugeschrieben wurde, von fehlerhaften Dimensionsangaben ganz zu schweigen. Die Forschungsarbeit selbst war natürlich auch nicht einfach, weil sie eben überall in der Welt stattfinden musste.

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch, wie Görings Sammlung zustande kam.

Ja, das ist ein unentbehrlicher Teil der Provenienzforschung. Das Buch behandelt die Sammlung als Ganzes, und über ihre Zusammensetzung können sich die Leser darin auch visuell informieren, als befänden sie sich in einer Galerie. Es gibt darüber hinaus einen substantiellen Katalogteil, in dem die Provenienz und die von mir benutzten Archivquellen jedes einzelnen Werks beschrieben werden. Wenn ich etwas zu bedauern hätte, dann wäre es wohl, dass ich nicht über genügend Zeit verfügte, noch weiter zu gehen. Aber die Zeit drängte, und so bleibt auch für die künftige Forschung noch einiges übrig.

Zieht sich denn in Ihren Augen ein roter Faden durch die Sammlung?

Nein, das kann ich nicht feststellen. Es war eine sehr eklektische Sammlung. Vorwiegend sind es holländische und deutsche Alte Meister, dazu kommen ein paar französische und italienische Gemälde, und unter den deutschen gibt es auch eine begrenzte Zahl von damals zeitgenössischen Arbeiten.

Göring soll eine Vorliebe für Akte gehabt haben?

Es gibt viele Akte, ja, aber es gibt auch in der Kunstgeschichte viele Akte. Daran hat mich nichts überrascht.

Wer hat Göring geholfen, die Werke auszuwählen?

Er hatte einen Stab von Mitarbeitern, sogar in Paris, und es gab Kuratoren und technisches Personal, das den Versand regelte. Es fehlte ihm nicht an Helfern.

Was passierte bei Kriegsende mit der Sammlung?

Göring hatte die Sammlung von Carinhall, seiner Hauptresidenz bei Berlin, wo die meisten Gemälde sich befanden, evakuieren lassen. Es ist eine ziemlich komplizierte Geschichte, aber, in ihrer Kurzform erzählt, wird der Großteil der Sammlung, nach späteren Schätzungen so um die neunzig Prozent, von amerikanischen Streitkräften bei Berchtesgaden sichergestellt. Einiges ging unterwegs verloren, und diese Gemälde gehören zu den Objekten, über die auch ich nicht weiter Auskunft geben kann. Ich hoffe jedoch, das Buch wird dazu führen, noch mehr Informationen freizulegen.

Wie viele Gemälde waren es nach Ihrer Schätzung?

Aufgrund des Berchtesgadener Verzeichnisses schätzte man bisher, dass es rund dreizehnhundert waren. Ich würde jetzt eher, ganz konservativ, auf achtzehn- oder neunzehnhundert tippen. Ich habe das Buch wie einen Catalogue raisonné angelegt, mit einer Gruppe von Objekten, über die ich keinerlei Zweifel hege, und einer kleineren Gruppe, über die ich mir recht sicher bin, aber es Unklarheiten gibt, die ich nicht aus der Welt schaffen kann. Dann gibt es noch eine Gruppe, die ich, im Gegensatz zu anderen Wissenschaftlern, nicht dazurechne. Eine genaue Zahl ist also schwer zu nennen.

Das sind aber nur Gemälde?

Ich habe mir ausschließlich die Gemälde vorgenommen. Er hatte aber auch Skulpturen, Waffen, Grafiken, Zeichnungen, Münzen, Tapisserien. Darum muss sich jemand anderes kümmern.

Wie steht es um Gemälde, die Göring zwischendurch verkaufte? Trennte er sich nicht von zwei Werken von Matisse und van Goghs Porträt des Dr. Gachet?

Den van Gogh erwarb er im Zuge der Kampagne, die deutsche Museen gegen „entartete Kunst“ führten. Ich habe aber auch Gemälde miteinbezogen, die vor allem in Frankreich konfisziert und gleichsam als Zahlungsmittel benutzt, aber nicht wirklich in Görings Sammlung aufgenommen wurden. Er tauschte etwa zehn Impressionisten gegen einen Cranach ein, den er haben wollte. Ich habe alle Bilder aufgelistet, die er über einen bestimmten Zeitraum besaß und als Teil seiner Sammlung ansah, auch wenn er sie später verkaufte oder gegen andere Gemälde einhandelte. So ist in meinem Buch auch der falsche Vermeer zu finden, für den er mehr als hundert Alte Meister hergab.

Könnte es auch nach Ihrer erschöpfenden Recherche noch Überraschungen geben?

Vielleicht einige unbedeutende. Ich erwarte jedoch, dass wir mehr über viele Bilder erfahren, die ich im Buch erwähnt habe. Andere Leute könnten etwas erkennen, was ich nicht erkannt habe. Ich glaube aber nicht, dass es viele Gemälde gibt, die ich übersehen habe.

Welche Rolle wird das Buch bei der Restitution von Kunst spielen?

Ich hoffe, dass es dabei als Ressource dient. Wir sollten aber daran denken, dass jedes Objekt eine ganz eigene Geschichte hat, die gründlich durchforscht werden müsste, bevor es zu einer Restitution, gestützt auf meine Forschungen, käme. Ich liefere nur ein Fundament, auf dem andere Leute bauen können.

Das Gespräch führte Jordan Mejias.

Quelle: F.A.Z.
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