Im Schulorchester
Eigentlich war der Musiklehrer schuld. Schließlich war er es gewesen, der mir nahe gelegt hatte, ein Streichinstrument zu lernen. In der Familie gab es keinen bildungsbürgerlichen Auftrag, der mir das aus eigenem Antrieb mitgegeben hätte. Es war auch der Musiklehrer gewesen, der meinte, für mich sei die Bratsche das passende Instrument. Dass dieser Rat weniger seinem psychologischen Blick auf die Bedürfnisse des kleinen Jungen entsprungen war als vielmehr einer akuten Knappheit im Schulorchester, hatte sich mir erst später erschlossen. Bratscher sind immer knapp, was ihre Chancen im Wettbewerb zwar auch bei minderer Leistung erhöht, aber trotzdem nicht verhindert hat, dass seit jeher blöde Witze über sie und auf ihre Kosten gerissen werden. Womöglich ahnte mein Musiklehrer auch damals schon, dass aus mir einmal kein begnadeter Musiker würde und dass ich, selbst für die genügsamen Ansprüche eines Schulorchesters, in der mittleren Lage der Bratsche weniger Unheil anstellen würde denn als Geiger oder Cellist.
Eine ganze Weile hatte ich es tatsächlich an das erste Bratscherpult im Schulorchester gebracht, was per se noch keine besondere Auszeichnung bedeutete, es gab nur zwei Bratscher und an ein Pult passen eben zwei Streicher. Als dann aber dank des anhaltenden Werbefeldzugs des Lehrers ein neuer Bratscher nachwuchs, musste ich nach hinten weichen. Einen Jüngeren hatte man mir vorgezogen; mein Downgrading war eine Zurücksetzung. Das fährt in die Magengrube. Gewiss, ich hatte mich nicht überschätzt, auch für mich war nicht zu überhören, dass ich manchmal einen Takt zu früh einsetzte, dass die schnellen Sechzehntel wackelten und die Stimmung nie ganz rein war. Aber, ehrlich gesagt, um mich herum saßen auch nicht lauter angehende Oistrachs.
Abwertungen sind Entwertungen. Zurücksetzungen lösen Scham aus, zumal dann, wenn der psychisch attraktivere Ausweg, einem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben, verstopft ist. Scham vergisst Du nie, ein ganzes Leben nicht. Scham ist etwas, das körperlich haftet: Erröten oder Erblassen, das Herz klopft das nächste mal schneller, die Finger auf dem Griffbrett des Instruments fangen an zu zittern, obwohl die Noten kein Vibrato verlangen. Der Ton quietscht dann, hört sich wiehernd oder klagend an. „Die Maske der Scham“ schreibt der Psychoanalytiker Léon Wurmser, macht aus der Abwehr einer Kränkung einen Wunsch: den Wunsch, sich zu verbergen. „Scham“, so Wurmser, „bezieht sich auf ein eigenes Versagen, darauf, dass man schwach, fehler- und mangelhaft ist.“ Die von der Zurücksetzung ausgelöste Scham funktioniert als „Machtschranke im menschlichen Leben“, was letztlich irgendwie heilsam ist, was die Kränkung deshalb noch lange nicht leichter ertragen lässt.
Blöd, dass ein Downgrading in der Regel nicht gerade zur Verbesserung der Qualität und Wettbewerbsfähigkeit beiträgt. Eher zum Gegenteil: Man wird schlechter, was im Nachhinein das Urteil der Ratingagentur bestätigt. Der Ausblick ist negativ. Am Ende Ramsch. Soweit habe ich es dann nicht mehr kommen lassen.
Rainer Hank ist Redakteur der F.A.S..
Von den Ärzten
Es fing gar nicht so schlecht an mit mir und den Ärzten. Beim Augenarzt sah ich so gut, dass ich ein Bonbon bekam, ich sah sogar so gut, dass ich meiner kurzsichtigen Mutter die Buchstaben vorsagen konnte, ich flüsterte ihr die richtigen Antworten ins Ohr, damit sie sich nicht blamierte. Meine Abwertung durch Ärzte begann mit einem Paukenschlag. Meine gerade noch so vorbildlichen Zähnchen wurden in eine Klammer gepresst, der Kiefer hieß es, sei zu eng.
Wenn der Arzt etwas „zu“ findet, zu eng, zu klein, zu groß, zu erhaben, zu dunkel, dann hat er in der Regel diesen entschlossen zwischen Ernst und Unbekümmertheit schwankenden Ton, der dem Patienten signalisiert: Sie könnten daran sterben, aber Gottseidank gibt es ja mich. Außerdem schwingt in diesem Ton natürlich mit: Früher wäre so etwas wie Sie einfach ausgemendelt worden, aber jetzt gibt es eben Krankenkassen.
Lange Zeit hatte ich den Ehrgeiz, die Prüfungen der Ärzte zu bestehen, bei keinem Bluttest durchzufallen, ja sogar das „Aaa“ im „Sagen Sie jetzt einmal Aaaa“ versuchte ich möglichst laut und vollendet zu sprechen.
Und doch: Einen weiteren Tiefpunkt erreichte meine Patientenkarriere, als meine Zahnärztin, eine ältere Dame mit einem ehrfurchtgebietenden Bariton und nur leicht zitternden Händen, meine Zunge für zu groß befand (und das in einem zu engen Kiefer!). Wenig später fand sie auch noch erste Spuren von Karies, und ich gestand mit weit aufgerissenem Mund Eisteetrinken nach Mitternacht. Mit meiner riesigen, gierigen Zunge habe ich ihn runtergeschleckt, ja genau, ich habe es eigentlich gar nicht verdient, noch behandelt zu werden.
Der einzige Ort, an dem ich mir brutalere Beleidigungen anhören muss als in der Arztpraxis, ist der Bodycheck im Fitnessstudio, bei dem mir regelmäßig bei der Messung des biologischen Alters von einem stiernackigen Solariumbewohner nebensatzlos attestiert wird, ich sei schon tot. Ärzte bringen dieselbe Botschaft rüber, allerdings im oben beschriebenen, an der Universität erlernten Ton, und es läuft dabei nicht Rihanna.
Mittlerweile gilt meine Nierenfunktion als lachhaft, meine Netzhaut wird Prognosen zufolge bald hinten in der Augenhöhle rumhängen wie die Baggypants an Eminems Hintern, und als meine Cholesterinwerte bekanntgegeben wurden, knallten bei Pfizer die Sektkorken.
Ich lebe auf Abruf, und ich kann nicht leugnen, dass meine Gesundheitsdisziplin begonnen hat darunter zu leiden. Als ich die letzte große Gewichtshürde gerissen habe, bin ich bewusst von Cola Zero auf Cola (die mit den siebzig Zuckerwürfeln) umgestiegen, weil es einfach albern wäre, dass ein so schwerer Mann Lightprodukte trinkt.
Von meinem Beschluss, mich erst dann todkrank zu fühlen, wenn mir tatsächlich etwas fehlt, darf natürlich die Krankenkasse nichts erfahren. Ich werde also weiter gewissenhaft bei jeder sich bietenden Gelegenheit Schläuche in meinem Darm nach Abweichungen suchen lassen, werde sogar darauf drängen, dass meine Frau die Lage ihrer Gebärmutter überprüfen lässt, Spermienproben abgeben und Prostataabstriche vornehmen lassen, werde mein Blut auf seinen Zinkgehalt testen lassen und einem Homöopathen dreihundert Euro zahlen, damit er mir sagt, dass ich ein Sulfurtyp bin und weniger Cola trinken soll. Ich werde alles machen und auf die Ergebnisse pfeifen, solange ich es kann. Mit meiner zu großen Zunge.
Malte Welding ist Autor.
Im Literaturbetrieb
Vor vielen Jahren, als ich mich eines Morgens bereit machte und meinen Koffer packte für eine zweiwöchige Lesereise durch Deutschland, hörte ich in der Morgensendung des lokalen Schweizer Radios eine Frauenstimme plötzlich meinen Namen erwähnen. Ich horchte auf. Die Stimme sagte, Zoe Jenny sei nun endgültig von der Bildfläche verschwunden. Kurz darauf nahm ich meinen Koffer und stieg ins Taxi zum Flughafen. Als die Schweiz ziemlich schnell, genauer gesagt, nach fünf Minuten von der Bildfläche des Flugzeugfensters verschwunden war, überlegte ich mir, was das zu bedeuten hat: Von der Bildfläche verschwinden. Klingt so, als wäre man verschollen oder tot. Es hat durchaus etwas Bedrohliches. Aus der Vogelperspektive eines Flugzeugs ist die Bildfläche allerdings groß und der Horizont weit.
Autoren sind den Gesetzten des Wettbewerbs nicht weniger ausgesetzt als die Broker an der Wall Street. Es geht nur um weitaus weniger Geld. Das Prinzip ist dennoch das Gleiche: Hire and fire. Ein besonderes Merkmal unserer Zeit ist es, kreative Tätigkeiten eifrig zu bewerten, ob singen, tanzen, oder kochen für alles gibt es eine Sendung mit einer Jury von Experten. Nach dem gleichen Prinzip, wenn auch weitaus weniger glamourös funktioniert der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Man trägt seinen Text vor, und eine Jury von Experten entscheidet, ob man in die nächste Runde kommt oder nach Hause gehen muss. Als ich 1997 daran teilnahm, bekam ich einen Blumenstrauß und einen Preis. Danach war es dann aber auch schon bald vorbei mit den Nettigkeiten.
Die Bezeichnungen die ich in den letzten fünfzehn Jahren über mich lesen durfte, sind ausgesprochen vielfältig. Rückblickend hatte mein medialer Aufstieg und Fall etwas geradezu Exemplarisches. Es begann mit Literaturhoffnung, Schneewittchen und Fräuleinwunder. Dann folgten Zicke und Hexe.
Ein Verleger erklärte mir einmal: „Ob ein Autor gut ist oder nicht, entscheidet sich einzig und allein an der Ladenkasse.“ So einfach ist das. Und er meinte es ernst.
Der Verleger ist inzwischen übrigens bankrott gegangen. Auch sie unterliegen den erbarmungslosen Gesetzten des Marktes. Im Grunde sitzt jeder, vom Autor zum Lektor bis zum Verlagsleiter auf seinem eigenen heißen Stuhl. Nur der Autor hat einen erheblichen Vorteil: Wer schreiben kann, hat das letzte Wort.
Der Marktwert eines Autors hängt längst nicht nur von der Qualität des Geschriebenen ab. Wer das Glück hat, lange genug im Rampenlicht zu stehen, eine dicke Haut hat und mit den Medien langfristig umzugehen weiß, kann sich einen gewissen Celebrity Faktor aneignen. Der kann helfen, aber nicht immer.
Wenn man nicht mehr in der Gunst steht, hilft auch ein fünf Meter großes Plakat vom eigenen Konterfei auf der Frankfurter Buchmesse nichts. Auch nicht das Blitzlichtgewitter, das mich dort erwartete, als mich eine ganze Horde von Fotografen verfolgte. Danach war ich so erschöpft, dass ich mich hinter dem Verlagsstand verkroch und auf den Mänteln der Verlagsangestellten einschlief. Als ich aufwachte, kam ein Autor auf mich zu und drückte mir nicht ohne Schadenfreude einen gigantischen Verriss in die Hand.
„Na, Literaturstar ist die Gunst der Stunde vorbei? Jetzt ist es fertig mit lustigen Talkshows, jetzt kommen die Einladungen nach Sibirien.“
Wenn man wie ich nach einer Lesung in Paris statt mit Kollegen Essen zu gehen in seinem Hotelzimmer liegt, die Minibar ausräumt und danach das starke Verlangen empfindet, die Einrichtung zusammenzuschlagen, weiß man, dass es nicht mehr besser wird. Ein Autor ist ein Angestellter des Literaturbetriebs. Man hat zu funktionieren, auch wenn man schon hunderte von Lesungen brav absolviert hat. Zusammenbrechen ist nicht drin.
Der Jargon wird schnell kriegerisch. „Das ist wie beim Tontauben schießen“, erklärte mir ein älterer Autor und klopfte mir auf die Schulter. Da muss man durch. Zerreißen. Vernichten. Häme. All inclusive. Bei dem außerordentlichen Erfolg, der mir schon in jungem Alter zuteil wurde, ist die Fallhöhe entsprechend tief und lang. Die Talsohle ist erreicht, wenn man keine Lust mehr hat zum Schreiben und von der eigenen Bildfläche verschwindet, bzw. wegrutscht in den totalen Stillstand. Apathie. Panik. Writers Block.
Wenn das alles stattgefunden hat und die lange Jugend endlich zu Ende ist, stellt sich dann allerdings eine gewisse Befreiung ein. Wer das sehr weite Spektrum von Erfolg und Misserfolg durchlebt bzw. überlebt, wer sich dem ganzen Wahnsinn, der die Welt ist, hingegeben hat, der darf tief durchatmen, aufstehen und weiterschreiben.
Zoё Jenny ist Schriftstellerin und lebt in der Toskana. Zuletzt erschienen ist von ihr der Roman „The Sky is Changing“.
Beim Versandhändler
Vor gut zehn Jahren, es muss um die Zeit des beängstigenden „Spiegel“-Artikels über die südöstlichen Stadtteile Berlins gewesen sein, in denen die Kugeln nur so fliegen, wenn man sich morgens auf den Weg in die Kneipe macht, wollte ich mir einmal einen neuen Kühlschrank kaufen. Der alte kam mit dem Champagnerkühlen einfach nicht mehr hinterher. Ich wälzte also die Kataloge der damals noch existierenden deutschen Versandhäuser, und entschloss mich zur Bestellung eines energieeffizienten, linksöffnenden BEKO mit ***-Eisfach.
Nachdem ich alle Daten ausgefüllt und mich für einen Rechnungskauf entschieden hatte, wartete ich gespannt auf die Lieferung. Stattdessen kam ein Brief vom Versandhaus, in dem ein Kundenbetreuer sich bei mir entschuldigte. Leider habe man sich entschlossen, meine Bestellung zu ignorieren. Wieso, schrieb ich aufgebracht zurück, was habe ich denn getan? Gehöre ich zu den Hausfrauen, die den ganzen Tag bei HSE24 Sammlerpuppen und Hüftspeck-Weg-Gürtel bestellen, obwohl sie weder über Hüftspeck noch über eigene Penunzen verfügen?! War ich in den Siebzigern Mitglied einer terroristischen Vereinigung, die eine Filiale genau dieses Versandhauses in die Luft sprengen wollte?! Oder passt Ihnen einfach meine Nase nicht?! Die Sie ja gar nicht kennen können, denn das ist mein erster Versuch, mit Ihnen Geschäfte zu machen.
Ein zweiter Brief flatterte ins Haus, in dem man sich noch mal kratzfüßig bei mir entschuldigte. Mein Gesuch könne dennoch nicht berücksichtigt werden. Ich bin total kreditwürdig, fragen Sie meinen Vermieter, schrieb ich zurück, ich bade in Geld, ich benutze zusammengerollte Fünfziger als Fidibus zum Havanna-Zigarren-Anzünden, und werde ausschließlich Nebukadnezar-Flaschen Bollinger in meinem Kühlschrank lagern! (Natürlich nehme ich dafür die Metallroste heraus. In der Tür ist ja noch genug Platz für den Kaviar). Aber das Versandhaus wollte nicht.
Nach ein paar gekonnt investigativen Fachrecherchen entdeckte ich schließlich, wo der Hase im Pfeffer lag: Ich wohnte in Kreuzberg! Und zwar im schlimmen, bettelarmen Teil, dem so genannten 36, wo weiland am 1. Mai noch ganze Supermärkte dem Erdboden gleichgemacht wurden, und nichts von den heutigen Entwicklungen mit skandinavischen Investoren, Massen von gentrifizierenden Lohas und geldbeutelschwingenden Touristen zu erahnen war. Wo man stattdessen Dosenbier in die Kneipen schmuggelte, weil man sich kein aus dem reichen Bremen importiertes Becks leisten konnte, und wo die Menschen zu zwölft in Einzimmer-Hinterhauswohnungen neben Kohleöfen knieten und gen Mekka beteten.
Kein Wunder, dass das Versandhaus mir die Zahlungsfähigkeit absprach. Und Recht hatten sie. Wenn man es genau betrachtet: Wozu brauchen arme Kreuzberger überhaupt einen Kühlschrank? Höchstens doch als Ablage für die Playstation, mit der sie sich ihre arbeitslosen Vormittage versüßen. Ich resignierte und bestellte stattdessen eine Palette Hansa-Pils beim Discounter. Die auch prompt geliefert wurde. Und die ich so schnell trank, dass sie gar nicht erst warm werden konnte.
Jenni Zylka ist Geheimagentin, schreibt für Zeitungen, verfasst Bestseller und Drehbücher, und wohnt leidenschaftlich gern im unordentlichsten Teil Berlins.
Auf dem Spielplatz
Es wurde schon dunkel, als Sonja und ich nach Hause liefen. Wir kamen vom Abenteuerspielplatz, mit Sand in den Schuhen und hochzufrieden, denn die Keksdose, die wir vor zwei Tagen unter der Rutsche vergraben hatten, war noch da gewesen. Es sah gut aus für unsere Karriere als erstes Piratinnen-Duo der Welt, die wir, Drittklässlerinnen, klar vor uns sahen. Auf dem Heimweg trugen wir die Keksdose zwischen uns, jede mit einer Hand, und übten Sätze in unserer Geheimsprache. Schatz hieß Schahalefatz.
Sonjas Haus lag ein paar hundert Meter vor meinem. Es hatte einen Vorgarten, den eine Hecke hoch umwuchs, und vor dieser Hecke blieb Sonja stehen. „Also, tschüss“, sagte sie. „Ich komm’ noch mit zur Tür“, antwortete ich. Die Keksdose sollte über Nacht bei Sonja bleiben, und da wollte ich sie wenigstens so lange wie möglich tragen. Aber Sonja schüttelte den Kopf. Sie wurde rot. „Wenn meine Mutter dich sieht, kriege ich Ärger. Die hat mir verboten, mit dir zu spielen.“ Ich konnte mir nicht vorstellen, was das bedeuten sollte. Sonjas Mutter hatte mich überhaupt noch nie getroffen, warum sollte sie so etwas verbieten? Sonja sagte: „Weil deine Mutter Ausländerin ist.“
Das stimmte. Ich verstand bloß nicht, was das mit dem Spielen zu tun haben sollte. Wenn meine Tanten aus Israel anriefen, sprach meine Mutter in einer Sprache ins Telefon, die ich nicht verstand. Aber Sonja und ich sprachen ja auch in einer Sprache miteinander, die andere nicht verstanden. Meine Mutter hatte schwarze Haare, aber Sonja hatte Hasenzähne. Das war auch nicht normal. Nun ging es aber nicht mehr um „anders“. Sonja war meine Freundin, und wenn ihre Mutter nicht wollte, dass ich mit ihr spielte, musste ich schlechter sein als sie. Weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, sagte ich bloß „Na gut, tschüss“.
Auf dem Heimweg bekam ich große Angst. Ich dachte daran, dass Sonja allen Kindern von dem Spielverbot erzählen könnte. Sie würden es ihren Eltern erzählen. Und die würden sich genau wie Sonjas Mutter entscheiden. Am Ende dürfte ich nur noch mit den Kindern spielen, deren Mütter auch Ausländerinnen sind. Auf der katholischen Grundschule in unserem niederrheinischen Kleinstadtvorort kannte ich aber nur ein einziges solches Kind: Murat aus der 3b, der auf dem Klettergerüst immer allen Mädchen unter den Rock guckte. Ich fing an zu weinen.
Zu Hause sagte ich, dass ich geweint hätte, weil ich mich mit Sonja gestritten hätte. Die Wahrheit konnte ich meiner Mutter unmöglich sagen. Ich kroch unter die Bettdecke und überlegte, wie das Leben nun noch weitergehen könnte. Die Piratinnen-Karriere konnte ich vergessen, Sonjas Mutter würde sie verhindern. Mir fiel ein, dass ich behaupten könnte, dass meine Mutter gar keine Ausländerin sei, sie spreche schließlich gut Deutsch und habe zum Schulfest Zwetschgenkuchen gebacken. Aber für die Idee schämte ich mich gleich wieder. Die einzige Lösung, dachte ich unter der Decke, konnte sein, zu meiner Oma in den Taunus zu ziehen, bis Gras über die Sache gewachsen war.
Aber das erübrigte sich. Ein paar Tage später sagte Sonja, dass sie die Keksdose jetzt nur noch bei sich zu Hause aufbewahren wollte und das Piratinnen-Duo löste sich auf.
Friederike Haupt ist Redakteurin der F.A.Z..
Von den Eltern
Ein kleines Kind, die Eltern sind Schausteller, er Schwertschlucker, sie Schlangenfrau. Die beiden haben den ganzen Tag Auftritte. Ihren Sohn schieben sie während der Vorstellungen unter die Bühne, sie haben keine Wahl. Aus seinem Wagen sieht dieses Kind das Publikum auf seine Eltern reagieren. Die Jahrmarktbesucherlachen und klatschen, sie staunen und haben Angst um seine Eltern, sie fiebern mit und sind am Ende erleichtert, dass alles gutgegangen ist. Der Applaus kommt von Herzen, er übersetzt starke Gefühle in eine körperliche Reaktion.
Der Junge sieht das Publikum, nicht seine Eltern. Der Junge sieht das Publikum etwas anstarren, das er nicht sieht; er sieht gerührte, strahlende, glückliche und besorgte Gesichter und weiß, dass seine Eltern all das machen. Dass seine Eltern all diese Menschen bewegen, aber er kann sie nicht sehen. Wo seine Eltern sind, sieht der Junge nur Holzbretter. Manchmal sind sie so nah, dass er nur einen Arm ausstrecken müsste. Aber der Himmel über seinem Kopf ist vernagelt.
Das größte Bedürfnis dieses Jungen ist es, bei seinen Eltern zu sein. Er will mit ihnen auf der Bühne stehen; er will auch angesehen werden von diesen Augen, die Liebe verströmen, Schrecken, Angst; er will baden in all den Gefühlen, die das Publikum seinen Eltern spiegelt und wissen, das alles bin ich, das und das und das und es gibt keinen Unterschied zwischen ihnen und mir und ich will: da hin.
Zwei andere Kinder. Sie kommen aus einfachen Verhältnissen und haben sehr strenge Väter, die ihnen beibringen, dass nichts umsonst ist im Leben. Dass man für alles bezahlen muss und auch Liebe nicht geschenkt bekommt. Die Väter dieser Kinder entwickeln ein emotionales Belohnungssystem, das gut funktioniert. Es funktioniert deswegen so gut, weil die Väter ihre Liebe so geschickt dosieren, dass die Kinder bei der Stange bleiben, aber nie satt werden. Die Kinder müssen sich anstrengen. Noch härter an sich arbeiten, um sich eine Liebe zu verdienen, die ihre Väter - und das ist das Tragische - gar nicht in der Lage sind zu geben. Aber das wissen die Kinder natürlich nicht. Sie machen einfach so lange weiter, bis es nicht mehr weiter geht, bis sie die größten Stars der Welt sind. Die Kinder heißen Madonna und Michael Jackson, und der Motor in ihrem Leben heißt Sehnsucht nach Liebe. Das Kind unter der Bühne ist heute einer der bekanntesten deutschen Schauspieler, und sein Motor ist durch einen einfachen und sehr klaren Grundimpuls aktiviert worden.
Jedem, der schon einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, bei der Mannschaftswahl als Letzter auf der Bank zu sitzen und die kaum verbissene Häme in den Gesichtern seiner Mitschüler zu sehen, bleiben zwei Möglichkeiten: Er kann entweder alles daran setzen, dass so etwas nie wieder passiert und dafür sorgen, dass in Zukunft er derjenige ist, der die Mannschaften wählt. (Das kann ein paar Jahre dauern, aber dann ist er Vorstandsvorsitzender.) Oder er kann den Zahnrädern des äußeren Bewertungssystems jede Angriffsmöglichkeit nehmen und den emotionalen Motor in sich selbst finden. Also nicht aus einem Mangel, einer Angst heraushandeln, sondern aus Liebe. Bewertet werden kann nur, wer sich auch bewerten lässt.
Stefan Beuse lebt als Autor in Hamburg. Zuletzt von ihm erschienen ist der Roman „Alles was du siehst“.
Danke
George Rauscher (misterpocket)
- 03.08.2012, 09:47 Uhr
Abwertung ist immer auch eine Sache der Betrachtung
Jürgen Wenz (satyrffm)
- 03.08.2012, 09:44 Uhr
EgonOne
Egon Weissmann (EgonOne)
- 02.08.2012, 23:28 Uhr
Danksagung
Norman Eckhardt (noreck1)
- 02.08.2012, 20:50 Uhr