Home
http://www.faz.net/-gqz-13j9x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ratgeber für Lehrer Emma war nicht so teamfähig

25.08.2009 ·  Rezepte zur Erziehung der Erzieher: Lehrer-Ratgeber versprechen heute einfach alles, und das ganz schnell. Wer zählt die vermeintlichen didaktischen Zaubertricks, die den Durchbruch beim anstrengungsfreien Lehren bringen sollen?

Von Jürgen Kaube
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

Die letzten Meldungen zum Ende der Ferien in vielen Bundesländern: „Einigung auf höhere Gehälter für junge Lehrer in Berlin“, „Zum Schulbeginn mehr Lehrer gefordert“, „Immer mehr Brandenburger Lehrer melden sich krank“, „NRW-Ministerin kann sich Schulen vorstellen, die auf Hausaufgaben ganz verzichten“, „Insgesamt dreißig neue Quereinsteiger in den Lehrberuf in Hessen“.

Datieren kann man solche Meldungen nur, wenn sie schon datiert sind. Denn es sind die Meldungen, die jedes neue Schuljahr eröffnen, vorsichtig geschätzt: seit Jahrzehnten. Mehr Geld, kleinere Klassen, die nichtverbesserbaren Krankenstände, die Vorstellungskraft von Bildungsreformern, auf was alles man verzichten kann, der Ruf nach mehr Praktikern oder neuen Schulfächern oder mehr Computern. Kindgerechter, weltgerechter, sozial gerechter, individueller, leistungsfähiger, einfühlsamer soll die Schule sein, alles zugleich. Bildungshistoriker sind Chronisten einer ewigen Wiederkehr der gleichen Wertappelle.

Bühnenjubiläum für das gehetzte Kind

Für keine dieser Forderungen gibt es dabei stichhaltige Hinweise, ihre Erfüllung ändere die Lage an den Schulen maßgeblich. Nicht einmal dafür, dass Klassen mit neunzehn Schülern besser lernen als solche mit zweiundzwanzig, spricht mehr als das Vorurteil derjenigen, die selbst in Klassen mit siebenundzwanzig Schülern aufwuchsen. Oder nehmen wir den Leistungsdruck, verursacht durch die gymnasiale und angeblich weltmarktkompatible Schulzeitverkürzung, die es nun nahelege, über den Wegfall von Hausaufgaben nachzudenken. Wie verhält sich die Diagnose, seit kurzem paukten die Schüler bloß noch, zu den seit Jahren steigenden Stundenzahlen des Medienkonsums? Oder zur Tatsache, dass es den Befund vom „gehetzten Kind“ längst in einer Jubiläumsausgabe zum fünfundzwanzigsten Jahrestag seines Erscheinens gibt, sinnigerweise in einem Verlag namens „Da Capo Press“.

David Elkind hatte 1981 in „The Hurried Child“ übrigens nicht nur die Schule und den Wahn im Blick, es könne gar nicht früh und schnell genug Bildung ins Kind gestopft werden, sondern auch das Anwachsen organisierter Freizeittätigkeit.

Schwellendidaktik pur

So wird die Diskussion um die Schule anschauungsfrei geführt. Das wäre gleichgültig, wären die Lehrer selbst robust gegen derlei Gerede. Sie sind es oft nicht. Dazu trägt nicht nur die rückläufige Unterstützung durch die Umwelt der Schule bei, durch Eltern, Behörden, Gesetzgeber, Medien also, die Lehrer inzwischen erleiden. Daran hat auch die Unterstützung einen Anteil, die sie seitens einer angeblich wohlwollenden, hilfegebenden Branche erfahren: der Ratgeberindustrie. Wer die Krise des Standesbewusstseins von Lehrern mit Händen greifen will, sollte die Kataloge von pädagogischen Verlagen lesen. Die Kataloge - denn die Titel selbst zu lesen kann nur unerschütterlichen Naturen mit einer robusten Daseinsfreude empfohlen werden; jeder andere nähme an seinem Weltvertrauen Schaden.

Nicht nur „Tausend Methoden“ beispielsweise, sondern „Tausend neue Methoden“, und zwar nicht metaphorisch, sondern ganz buchstäblich tausend, hält ein Elaborat für den „kreativen und aktivierenden Unterricht“ von Günther Gugel im Beltz Verlag bereit. Etwas weniger, aber irgendwie auch viel mehr, nämlich „99 Vertretungsstunden ohne Vorbereitung“, lassen sich mit einer „Schwellendidaktik pur“, erschienen im selben Verlag, seit 2008 vorbereiten. Oder für Referendare unter dem Titel „Hallo, ich bin der Neue“ im Klett-Kallmeyer Verlag: „In einem Vier-Wochen-Kurs lernen Sie Hindernisse - Ängste, Unsicherheit, negatives Selbstbild - zu erkennen und beiseitezu räumen. Es beginnt ein Prozess, in dessen Verlauf Sie Ihre Lehrerpersönlichkeit entfalten, indem Sie lernen, Selbstvertrauen, Individualität, Autonomie und Offenheit im Umgang mit sich und Ihrer Umgebung zu entwickeln.“

Kopfnoten werden Kerngesichtspunkte

Das „Methoden-Training“ des schlimmsten und zugleich absatzstärksten aller Ratgeber, Heinz Klippert, verspricht wie alle seine Bücher, den Lernerfolg der Schüler mit der Entlastung des Lehrers zu kombinieren, etwa durch die Einführung von „Schnippel-Übungen“, „Struktogrammen“ und „Karussell-Gesprächen“ im Unterricht. Den Lehrern wird hier wie in Hunderten von anderen Titeln versprochen, der erfolgreiche Unterricht sei eine Frage der Anwendung technischer Tricks mit kausal verlässlichen Wirkungen. In riesigen Auflagen werden Bücher „mit Methodenpool“ abgesetzt oder ein „MiniMax für Lehrer“: „Mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Erleichterungen im täglichen Umgang mit den Schülern“. Das Minimum liest sich dann beispielsweise so: „Die VW-Regel: Machen Sie aus Vorwürfen Wünsche“ oder „Sprechen Sie über Fehler eher in der Vergangenheitsform“. Also statt „2 und 2 ist nicht 5“ lieber „2 und 2 war nicht 5“?

Die Wirkungsversprechen selber sind dem allgemeinen Idiotienschatz entlehnt: Klippert etwa stellt die „Teamfähigkeit“ von Grundschülern in Aussicht, nicht ohne zugleich mehr Selbständigkeit bei ihnen bewirken zu wollen. Der Hinweis auf mögliche Widersprüche zwischen beiden Zielen unterbleibt, denn er würde nicht zum Entlastungsversprechen passen. Und abgesehen davon, dass nicht wenige Lehrer die Fähigkeit ihrer Schüler zu Gruppenhandeln vor allem gegen sich gerichtet erfahren - hier wird über Siebenjährige geredet, als befänden sie sich gerade in einem Bewerbungsgespräch oder stünden unmittelbar vor Gründung einer Werbeagentur. Die geschmähten Kopfnoten kehren, ins Berate-Blabla übersetzt, als Kerngesichtspunkte des Unterrichts zurück: „Emma war (!) in diesem Schuljahr nicht so teamfähig.“

Methodenklimbim

In diesem Stil geht es durch alle Themen, die man sich denken kann: Gewalt im Klassenzimmer, „Kommunikationskompetenz“, Streitschlichterprogramme für „Mediatoren“ ab Klasse 3, Demokratiepädagogik, „Doing Gender“ (Juventa Verlag), aber auch „Undoing Gender“ (Juventa Verlag), „Ökologisierung des Lernortes Schule“ - es gibt gar keine gesellschaftliche Norm, deren Erfüllung dem Unterricht nicht angesonnen würde. Ein Lehrer, der das alles läse, müsste verrückt werden. Insofern erzeugt das Beratungsgewerbe seine eigenen Grundlagen. Denn es geht ihm ja gar nicht darum, ein realistisches Verhältnis zur Schule zu entwickeln. Es kalkuliert vielmehr auf den vollständig ratlosen, zermürbten, erholungsbedürftigen Erzieher, der am Abstand der Ideale, die man ihm eingeimpft hat, zum Unterrichtsgeschehen leidet und bereit ist, nach jedem Strohhalm zu greifen.

Die Erfahrung, wird ihnen suggeriert, ist von gestern, und alles Gestrige hilft heute nicht, es müssen neueste Methoden, eine „neue Unterrichtskultur“, neue Materialien heran. Selbst das Lesenlernen wird mit jedem Verlagsprogramm neu erfunden. Weil aber auch der gesamte Methodenklimbim nicht hilft, darf man diese Art von Ratgeber-Leser-Symbiose sadomasochistisch nennen. Das und die entsprechenden Enttäuschungen hält auf Dauer keine Profession aus. Oder eben nur jene Naturen in ihr, die lachen, wenn man ihnen mit Weiterbildung dieser Art kommt, weil sie schon wissen, was sie zu unterrichten haben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3