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Ragip Zarakolu : Der Verdächtige

Ragip Zarakolu Bild: Katherine E. Holle

Am Geburtstag seiner Frau wird Ragip Zarakolu offiziell zum Terroristen erklärt. Seit Jahren wird der Verleger und Menschenrechtsaktivist von der türkischen Justiz verfolgt und bedroht. Der 63-Jährige erträgt es mit viel Sarkasmus.

          Der Tag, an dem der bedeutendste türkische Verleger und Menschenrechtsaktivist Ragip Zarakolu zum Terroristen erklärt wurde, war der 28. Oktober, der Geburtstag seiner Frau. Etwas Besonderes unternehmen wollten sie an diesem Abend, und als Zarakolu merkte, dass er sich verspäten würde, rief er von unterwegs aus an. Er sei gleich da, schon auf der Fähre über den Bosporus, sagte er, und seine Frau, die amerikanische Fotografin Katherine E. Holle, hörte im Hintergrund die Möwen kreischen. Doch Ragip Zarakolu kam nie an. Vor dem Haus wurde er von zwei Polizisten in Zivil abgefangen. Sie stopften ihn in ein Auto und fuhren mit ihm davon. Das Telefon seiner Frau klingelte kurz vor Mitternacht wieder. Eine Stimme sagte: Wir haben Ihren Mann verhaftet, er ist ein Terrorist.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Fast ein Jahr später steht Ragip Zarakolu in seinem Wohnzimmer, lächelt freundlich und sagt:. „So enden Geburtstage eben manchmal in der Türkei.“ Er trägt Jeans, ein schwarzes T-Shirt, ein weißes, offenes Hemd. Die Füße stecken in schwarzen Socken. Fünf Monate und dreizehn Tage saß er in einem Hochsicherheitsgefängnis bei Istanbul in Untersuchungshaft, in einer Zelle ohne Tageslicht, aus Beton und Eisen. Zarakolu soll die „Union der Gemeinschaft Kurdistans“ unterstützt haben; sie gilt als ziviler Arm der PKK. Am 2. Oktober beginnt sein Prozess, die Staatsanwaltschaft fordert 15 Jahre Haft. Gut möglich, dass der Verleger verurteilt wird - Zarakolu ist der türkischen Justiz schon seit langem ein Dorn im Auge. Vielleicht wird er auch der nächste Friedensnobelpreisträger. Das schwedische Parlament hat ihn im Februar nominiert.

          Mit viel Sarkasmus

          Zarakolu setzt sich, schlägt die Beine übereinander. 63 Jahre ist er alt, seine Augen sind jünger, das Gesicht ist gebräunt und faltenlos, der Kopf kahl, er ist klein, hat einen buschigen Bart und eine helle Stimme. Er verströmt die Aura eines Menschen, der immer sehr mächtige Gegner hatte und deshalb einen Sarkasmus entwickelt hat, der manchmal nur schwer zu ertragen ist. Würden juristische Auseinandersetzungen Spuren auf dem Körper hinterlassen, dann wäre er voller Wunden und Narben. Mehr als vierzig Mal ist er schon vor Gericht gezerrt worden. Mehrmals kam er in Haft. Zum ersten Mal 1971 wegen eines Berichts, den er für Amnesty International über türkische Gefängnisse geschrieben hatte. Ein Jahr später wegen eines Artikel über Ho Tschi Minh. Zarakolu sagt: „Die türkische Justiz bestraft den Angeklagten nicht, weil er gegen ein Gesetz verstoßen hat, sondern sie bestraft ihn für seine Identität.“

          Der ideale türkische Bürger hat nämlich nur das zu wissen und zu meinen, was sich konform zur Ideologie des Staates verhält. Dagegensein ist in der Welt des EU-Anwärters nicht vorgesehen. Türken werden nicht zum freien Denken, sondern zur Unmündigkeit erzogen. Alles andere widerspräche den Prinzipien des Kemalismus. Zarakolu sagt: „Sie wollen alles kontrollieren, wie bei George Orwell. Sie sind verrückt.“

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