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Nährboden des Terrors : Die Vergeltung der einsamen Wölfe

Einsamer Wolf, der seinen Zorn aber nicht gegen alle Welt, sondern gegen das Verbrechen richtet: Robert de Niro als Travis Bickle in Martin Scorseses „Taxi Driver“ Bild: Allstar/COLUMBIA

Warum gibt es immer mehr Menschen, die ihr Leben so sehr verachten, dass sie auch das aller anderen zerstören wollen? Die Antwort führt in die Ambivalenz der virtuellen Welt.

          Ich bin Gottes einsamster Mann“, sagt Travis Bickle, während er in Martin Scorseses Film „Taxi Driver“ durch die Straßen von New York steuert, eine Stadt, die er hasst, voller Dreck und Drogen, ein Nährboden für Fanatiker. Ist Travis Bickle einer von ihnen? Vielleicht. Wer will ihn richten? Bickle ist von einem Dämon besessen, den man Ehrgefühl nennt. Durch den Alltag bewegt er sich ungelenk, als müsste er sich eine fremde Welt erst zurechtlegen. Ob er religiös ist, lässt sich nicht sagen. Er hat einfach keinen anderen Gesprächspartner als Gott.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Bickle lebt in seiner eigenen Wirklichkeit, die er für die bessere hält. Sieht er aber die Gelegenheit, in die Wirklichkeit der anderen zu treten, ergreift er die Initiative. Seine Worte werden flüssig und artikuliert. Mit einem Charme, den man nicht für möglich hält, führt er die Dame seiner Wahl in ein Porno-Kino, für ihn das Normalste der Welt, und sieht mit Befremden, dass das erste Date das letzte ist. So kreuzt er weiter durch die Straßen von New York als wildfremder Wolf. Würde man ihm sagen: Bei dir geht was schief, würde er vermutlich antworten: „Eben gerade nicht.“

          Das Taxi ist heute noch mehr als 1976, dem Entstehungsjahr des Films, Metapher eines ortlosen Lebensgefühls. Einer Umwelt, in der Zugführer zu Zugfahrtbeobachtern werden und Fabrikangestellte Maschinen bei der Arbeit betrachten: tatenlose Beobachter abstrakter Prozesse, auf die sie keinen Zugriff haben; deswegen auch die Wut auf das Establishment, bei dem sie alle Macht vermuten. In seinem Roman „Cosmopolis“ verdichtete Don DeLillo dieses Lebensgefühl, angereichert um den Klassenkonflikt, an der Figur des Finanzmilliardärs Eric Packer, der sich in einer Stretchlimousine quer durch den Tumult der Finanzkrise kutschieren lässt. Nach einem missglückten Anschlag auf sein Leben stellt Packer den Täter, einen entlassenen Kollegen, der in der Blutrache an seinem früheren Boss die einzige Chance sieht, seinem wertlosen Leben neuen Sinn einzuflößen. Die walten gelassene Gier der Finanzwelt ist sein Vorwand, sich noch in der Bluttat im Recht zu fühlen. Würde man ihm sagen: Gewalt ist kein Mittel, würde er wahrscheinlich antworten: „Eben gerade doch.“

          „Eben gerade nicht“ waren die Worte des Münchner Attentäters, der dem heidnischen Kult des Nationalsozialismus opferte, als ihn ein Baggerfahrer während der Mordtat für verrückt erklärte. Die fast täglich mit dem Terror konfrontierte Gesellschaft hat kaum eine andere Wahl, als die Täter zu pathologisieren. Anzeichen gibt es in allen Fällen: Gefühl der Ausgrenzung, Depression, Suizidversuch, Verlust des Umwelt- und Selbstgefühls und schließlich die Machtgeste eines wahnhaften, an sich selbst berauschten Ichs, das zwischen Selbstverachtung und Heroismus schwankt. Das Internet, der Zufluchtsort der Täter in einer feindlichen Welt, bietet keinen Realitätswiderstand, aber die Gelegenheit, der ganzen Welt den Krieg zu erklären. Man wird die letzten Worte hören.

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