11.01.2009 · Direkt aus der Klinik ist Frankreichs Justizministerin Rachida Dati nach der Geburt ihres Kindes zur Arbeit zurückgekehrt - und löste damit eine Welle der Empörung aus. Hat Rachida Dati die Emanzipation verraten?
Von Jürg AltweggDie Schwangerschaft der Justizministerin und das Rätselraten über den Vater war das frivolste und überflüssigste Thema der französischen Medien, die im vergangenen Jahr mehr über die Welternährungskrise hätte berichten sollen. Das ist die Einschätzung der Konsumenten genau dieser Medien, denen ein Titelbild mit Rachida Dati höchste Kioskauflagen versprach. Doch fünf Tage nach der Geburt eines gesunden Töchterchens mit dem Namen Zohra ist aus der seichten Promigeschichte eine relevante Gesellschaftsdebatte mit sozialer Sprengkraft geworden.
Direkt aus der Klinik kehrte die ledige Mutter des unehelichen Kindes zur Arbeit zurück, die sie gar nicht wirklich aufgegeben hatte. In scheinbar bester Verfassung nahm Dati an der ersten Kabinettssitzung des Jahres teil. Und löste in den Kreisen der Konservativen wie unter den Feministinnen, welche die selbstbestimmte Schwangerschaft der selbstbewussten Powerfrau mit bewunderndem Wohlwollen beobachtet hatten, eine Welle der Empörung aus. Einen „Skandal“ nennt Maya Surduts vom „Kollektiv für die Rechte der Frauen“ das Verhalten der Ministerin: „Die Arbeitgeber werden sich auf ihr Beispiel beziehen und auf die Frauen Druck ausüben.“
„Vom Adrenalin der Macht gedopt“
Die sozialen Errungenschaften sind in Gefahr. Sechzehn Wochen beträgt der gesetzlich verankerte Mutterschaftsurlaub, für den jahrzehntelang gekämpft wurde. Hat Rachida Dati die Emanzipation verraten? „Sie ist vom Adrenalin der Macht gedopt“, empört sich Florence Montreynaud, Präsidentin der „Chiennes de garde“ (Wachhündinnen). Und dank dieses Dopings „reproduziert sie die Höchstleistungen, die man den Arbeiterinnen in den zwanziger Jahren abverlangte, von denen zwanzig Prozent ihr Kind in der Fabrik zur Welt brachten“. Man werde, so die Historikerin und vierfache Mutter, in Zukunft wieder zwischen den „Superwomen“ und den „Waschlappen“ unterscheiden. „Sie hatte gar keine andere Wahl“, bedauert Madame Martinez vom „Planning familial“ gleichermaßen Mutter und Kind. Wer an der Macht ist, muss omnipräsent bleiben.
Ségolène Royal kehrte unter Mitterrand ebenfalls sehr schnell aus der Maternité ins Ministerium zurück. Vier Tage nach der Geburt ihres fünften Kindes war auch Sarah Palin wieder im Amt. Frauen führen in der Politik ein Hundeleben wie einst die Fabrikarbeiterinnen. Am kommenden Mittwoch will Sarkozy seine Regierung umbilden. In der Klinik hat Rachida Dati zumindest ein wenig von der heftigen Kritik an ihrer umstrittenen Amtsführung ablenken können. Doch sie weiß genau: Für Ministerinnen gibt es auch als frisch gewordene Mutter keinen Kündigungsschutz.