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Skandal um Aktivistin Dolezal : Schwarze Lebenslüge

Rachel Dolezal erklärt sich in der Today Show: „Ich identifiziere mich als schwarz.“ Bild: Reuters

Die Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal hat für die Rechte der Schwarzen in Amerika gekämpft. Ihre eigenen schwarzen Wurzeln hat sie sich für die Karriere angedichtet. Jetzt hat sie sich im Fernsehen vor einem Millionenpublikum gerechtfertigt.

          Rachel Dolezal hat am Dienstagmorgen in der „Today Show“ auf NBC, der zweitbeliebtesten Frühstücksfernsehshow der Vereinigten Staaten, ein Interview gegeben. Am Tag nach ihrem Rücktritt vom Ortsvorsitz der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) stellte sich die siebenunddreißigjährige Künstlerin und Dozentin zehn Minuten lang den Fragen von Matt Lauer, einem der Moderatoren der Sendung.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am Donnerstag vergangener Woche hatte sie die Frage eines lokalen Fernsehreporters, ob sie Afroamerikanerin sei, mit der Auskunft beschieden, sie verstehe die Frage nicht, und das Interview abgebrochen. Matt Lauer bekam nun auf die gleiche Frage eine Antwort: „Ich identifiziere mich als schwarz.“

          Der Anpassung ihrer äußeren Erscheinung an das Idealbild einer schwarzen Frau ging nach ihrer Darstellung eine allmähliche innere Annäherung voraus, die praktisch ihr ganzes bewusstes Leben lang anhält. Schon als Fünfjährige habe sie beim Malen ihres ersten Selbstporträts für ihre Haut einen braunen und keinen pfirsichfarbenen Buntstift gewählt.

          Schwedisch, deutsch, schwarz

          Nach außen habe sie ihre freigewählte Identität dann als Erwachsene gezeigt, als sie ihr auch von außen zugeschrieben worden sei. Das sei geschehen, nachdem sie im Bundesstaat Idaho durch die Aufnahme ihrer Berufstätigkeit in der Menschenrechtspädagogik zur Addressatin anonymer rassistischer Drohungen geworden sei. Die Presse habe sie als typisches Opfer solcher Hassverbrechen beschrieben - als Schwarze.

          Rachel Dolezal verwahrte sich gegen den Vorwurf, ihr berufliches und politisches Umfeld über ihre wahre Herkunft aus einem Elternhaus mit schwedischen, deutschen und tschechischen Vorfahren getäuscht zu haben. Tatsächlich hat sie schon früher dieselbe Geschichte ihrer Schwarzwerdung mit den Stationen von den Buntstiften bis zu den Drohbriefen erzählt wie jetzt vor einem Millionenpublikum, so in einem 2014 aufgezeichneten Interview mit einer Kunststudentin, das diese bei Youtube publik gemacht hat.

          Schwarz durch Leiden

          Den von einem ihrer schwarzen Adoptivbrüder in die Debatte eingeführten Vergleich mit weißen Komikern, die sich früher die Gesichter schwarz anmalten, wies Rachel Dolezal zurück. Sie hat sich nach ihrem Verständnis nicht als Schwarze verkleidet, sondern durch Leidenserfahrungen, wie sie typisch für das Leben der Schwarzen seien, ein moralisches Recht auf Teilhabe an diesem Leben erworben. Das ist zunächst ein Hinweis auf die Serie der Hassverbrechen, die von der Polizei allerdings nicht aufgeklärt werden konnten, weil ungewiss ist, ob sie überhaupt stattgefunden haben.

          Rachel Dolezal deutete an, dass sie ihre Biographie auch jenseits politischer Anfeindungen in einem tieferen Sinne als Leidensgeschichte versteht. „Mein Leben ist das Leben einer Überlebenden.“ Und das bezieht sich nun nicht nur auf die gegebenenfalls auf Polizeischutz angewiesene öffentliche Person, sondern verweist auf private Traumata.

          Als Überlebende bezeichnen sich in der amerikanischen öffentlichen Rede, angelehnt an die davongekommenen Opfer von Kriegsverbrechen und Völkermorden, die Opfer von Vergewaltigungen. So hat Rachel Dolezal bei anderen Gelegenheiten ihre Eltern, ihren geschiedenen Ehemann sowie einen namenlosen akademischen Mentor sexueller Gewaltakte bezichtigt.

          Dem Sohn eine Mutter sein

          Ihr leiblicher Bruder, der College-Professor Joshua Dolezal, wird sich in diesem Jahr wegen des Vorwurfs des Kindesmissbrauchs vor Gericht verantworten müssen. Unterdessen wurde bekannt, dass diese Anklage sich auf Vorfälle im Elternhaus bezieht und ein schwarzes Kind betrifft, mutmaßlich eines der vier Adoptivgeschwister von Rachel und Joshua Dolezal.

          Einer der drei Adoptivbrüder, Izaiah, wohnt bei Rachel Dolezal. Ihr ist die Vormundschaft übertragen worden, sie bezeichnet ihn als ihren Sohn. Dass sie öffentlich als Schwarze in Erscheinung tritt, datierte sie im Interview mit Lauer nun familiengeschichtlich: Den Übergang vollzog sie, als Izaiah bei ihr einzog. Begründung: Izaiah sei sie eine schwarze Mutter schuldig gewesen.

          Als Bürgerrechtlerin, die für die Anerkennung der Normalität multikultureller Patchworkfamilien kämpft, kann Rachel Dolezal dieses Argument kaum verallgemeinern wollen. Man bekam eine Ahnung davon, wie stark sie bei ihren öffentlichen Aktionen der Emanzipation von der Herkunftswelt immer noch im Bann der Familiendynamik steht. Ihre eigene Mutter, so muss man ihr Postulat einer schwarzen Mutter für Izaiah übersetzen, war für die vier schwarzen Adoptivkinder die falsche Mutter.

          Unterschied zwischen Dad und Vater

          Auf Nachfrage Lauers erklärte Rachel Dolezal, dass sie im Rückblick keine Lebensentscheidung anders treffen würde. Die auch von Mitgliedern des Ortsvereins der NAACP geforderte Entschuldigung verweigerte sie. Sie gestand lediglich zu, dass sie sich in dem einen oder anderen Interview irreführend geäußert habe.

          Das bezog sich nicht auf das abgebrochene Fernsehinterview, in dem sie einen schwarzen Bekannten, Albert Wilkerson, als ihren „Dad“ bezeichnet hatte. „Albert Wilkerson ist mein Dad. Jeder Mann kann ein Vater sein, nicht jeder ein Dad.“ Näher führte sie zu ihrem Verhältnis zu Wilkerson lediglich aus, dass dieser ihre Freundschaft gesucht habe und nicht umgekehrt.

          Lauer, der im Ruf der Arroganz gegenüber Frauen steht, fragte präzise und hakte nach. Warum hat sie falsche Darstellungen der Presse nicht korrigiert? Warum zog sie gegen die Howard University, die Universität der schwarzen Elite, mit dem Vorwurf vor Gericht, sie sei dort als Weiße diskriminiert worden? Lauer vermied Fragen nach den Reaktionen auf die Enthüllungen unter den Kollegen und Mitstreitern, erkundigte sich auch nicht danach, ob Rachel Dolezal in der NAACP noch eine Zukunft für sich sieht.

          Akademische Leistungen und Hassverbrechen

          Die Eastern Washington University, auf deren Abschlussfeier am vergangenen Freitag sie eigentlich hatte reden sollen, hat mitgeteilt, dass ihr Vertrag mit dem Ende der Vorlesungszeit an diesem Freitag ausgelaufen sei.

          Von der Homepage des Fachbereichs für afrikanische Studien ist ihre Biographie entfernt worden, in der sie neben ihren akademischen Meriten auch die angeblich polizeilich verifizierten Hassverbrechen aufführte. Noch am Wochenende hatte der Dekan versichert, man plane auch für das kommende Quartal mit der Lehrbeauftragten, die als Professorin geführt wurde.

          Im Fernsehstudio waren beim Live-Interview der Sohn und der Ziehsohn Rachel Dolezals anwesend. Einen dieser Söhne - sie sagte nicht, welchen - zitierte sie mit einem Satz, der ihre Sicht auf ihren Fall zusammenfasst: „Mama, du bist rassisch gesehen ein Mensch und kulturell gesehen schwarz.“

          Quelle: F.A.Z.

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