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Berlinale 2015 : Eine unbehauste Wüstenfüchsin

Werner Herzog holt mit Nicole Kidman noch einmal neu aus: „Queen of the Desert“ ist ein kraftvoller Seeleneinsatz inmitten von Sandstürmen, der sich dem alten Heldenkonzept verweigert.

          Juliette Binoche im Eis, Nicole Kidman in der Wüste – die großen Frauen der ersten beiden Berlinale-Tage bewegen sich nicht im Lauwarmen. Emotional nicht, politisch nicht. Sie stehen mitten im Sturm, auch in dem der Geschichte. Beide Frauen gab es tatsächlich, und beiden begegneten wir kurz hintereinander als Filmheldinnen. Ein starker Auftritt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch abgesehen davon, haben der Film von Isabel Coixet und Werner Herzogs Beitrag zum Wettbewerbsprogramm, der einen Tag später Premiere feierte, nichts gemein. Herzogs „Queen of the Desert“ folgt der Geschichte von Gertrude Bell, Historikerin, Schriftstellerin, Reisende in Arabien. Sie reiste, um zu verstehen, um zu lernen, verzaubert von der arabischen Dichtkunst wie von der Einsamkeit der Wüste; sie reiste auch, weil sie keinen festen Ort für sich fand. England war kein guter Platz für sie gewesen, sie hatte sich gelangweilt, wollte fort.

          Zur Neuordnung des Nahen Ostens

          So reiste sie nach Teheran, erlebte eine unglückliche Liebe und entschloss sich, als Forschungsreisende und Übersetzerin in der Region zu bleiben, wo gerade das Osmanische Reich auseinanderfiel. Es heißt, die im Jahr 1868 geborene Frau, gut ausgebildet und vielleicht auch deshalb schwer zu verheiraten, sei wesentlich beteiligt gewesen an den Verhandlungen, die 1920 zur Neuordnung des Nahen Ostens führten.

          Hat Werner Herzog jemals einen Film über eine Frau gedreht? Wenn sein Name fällt, denken die meisten ja immer noch erst mal: „Fitzcarraldo“ und Klaus Kinski. Beides lange her, mehr als drei Jahrzehnte, in denen der weltweit als genialischer Filmemacher verehrte Regisseur seinem Geburtsland vorübergehend abhandenkam. Er lebt seit langem in den Vereinigten Staaten, und erst seit einigen Jahren nimmt auch Deutschland wieder Notiz von ihm – was nicht heißt, dass alles, was er dreht, auch bei uns zu sehen wäre. Wer kennt schon „Rescue Dawn“, seinen Vietnam-Film mit Christian Bale von 2007, von vielen seiner Dokumentationen zu schweigen. Sein letzter Spielfilm, „Bad Lieutenant: Port of Call“, immerhin hat es auch bei uns in die Kinos geschafft. Und seit Herzog 2010 als Jurypräsident zur Berlinale kam, hat er eine besondere Beziehung zum Festival.

          Berlinale-Premiere : Nicole Kidman als „Queen of the Desert“

          Was würde er aus dem Stoff machen, von dem es seit Bekanntwerden der ersten Details im PR- und Spekulationsgeplapper hieß, wir könnten mit einem „weiblichen Lawrence von Arabien“ rechnen? Ist Gertrude Bell eine Frau, die ins Heldenschema der früheren Herzog-Filme passt? Müssen wir überhaupt so fragen?

          Nein, das brauchen wir nicht, wie uns „Queen of the Desert“ zeigt. Für diese Frau, die Nicole Kidman mit zunehmender Stärke und vollem Körper- und Seeleneinsatz spielt, holt Herzog noch einmal neu und ganz weit aus. Er folgt ihr durch Sandstürme und lässt sie ziehen, bis sie im Grau verschwindet, und er plaziert sie auf Cocktailparties, wobei er sie umkreist, als wollten er und die Kamera – wieder hat er mit Peter Zeitlinger gearbeitet – sie stützen. Wo sie nicht sein will, da sind die Filmemacher für sie da, so sieht es aus; wo sie sich frei fühlt, lassen sie sie los. Freiheit – darum geht es, Einsamkeit, Begreifen. Es gibt keine Ablenkung von dieser Figur, die sich im Lauf des Films formt, die Arabisch lernt, die zwei Männer verliert (James Franco und Damian Lewis) und den Briten zum Ende des Ersten Weltkriegs Informationen über die sich verändernden Machtverhältnisse der Scheichs liefert. T.E. Lawrence, der hier von einem charmanten, spitzbübisch dandyhaften Robert Pattinson gespielt wird (und beim ersten Auftritt mit dem typischen Kopfputz das knallvolle Kino zum Lachen brachte), ist ihr Verbündeter im Geiste: „Sollte Gott gerecht sein, fürchte ich für mein Land.“

          Auch in der Wüste wallen Nicole Kidmans Haare so wie sie sollen. Bilderstrecke
          Auch in der Wüste wallen Nicole Kidmans Haare so wie sie sollen. :

          Sie vertiefte sich in die Geschichte der Stammeskriege, ohne auf einer Seite zu sein; sie wollte nichts verkaufen, um nichts kämpfen, nichts erobern oder zivilisieren. Das ist kein Heldenkonzept, auch im Kino nicht. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis sich einer dieser Figur annahm. Glücklicherweise war es Werner Herzog. Es brauchte einen unerschrockenen Filmemacher für diese Geschichte, die in Landschaften, Zuständen, Sehnsüchten dem „Lawrence of Arabia“ von David Lean so ähnlich sein könnte, in der Poesie und dem Sich-Vertiefen in die Denk- und Handlungsweisen einer Frau, für die ihre Gesellschaft kein Zuhause hat, aber so ganz andere Fragen stellt. Dass am Ende noch ein Bild von der Lächerlichkeit großer Männer dabei herausspringt, wenn Churchill sich auf ein Dromedar wuchtet, umso besser.

          Quelle: F.A.Z.

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