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„Quantified Self“ : Das Handy wird zum Körperteil

Gut geschlafen? Die App „Sleep Cycle“ dokumentiert unsere Nächte Bild: Maciek Drejak Labs

Die technischen Spielereien, mit denen wir unseren Körper überwachen können, werden immer ausgefeilter. Wohin führt die obsessive Selbsterkundung mit dem Smartphone?

          Es ist ein ziemlich merkwürdiges Gefühl, neben seinem Smartphone einzuschlafen. Es ist auch merkwürdig, nachts zu tasten, ob es noch unter dem Spannbettbezug in der Nähe des Kopfkissens liegt. Sollte es das nicht tun, versagt die App „Sleep Cycle“ ihren Dienst, anstatt die Qualität des Schlafs börsenkursartig festzuhalten, jeden Moment der nächtlichen Ruhe oder Unruhe. Morgens, und auch das ist merkwürdig, fällt dann der erste Blick automatisch aufs Smartphone. Wie habe ich geschlafen?

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Mensch ist vermessbar. Das ist nicht neu. Neu ist, dass er dank der Technik nun die Möglichkeit hat, es ohne größeren Aufwand selbst zu tun - und zwar bei so ziemlich allem, was er macht. Inzwischen gibt es mehrere hundert Smartphone-Apps und Tools, die diese Arbeit erledigen, und täglich kommen neue hinzu. Sie messen unseren Puls, unsere Lungen- und Herzfunktion, den Blutzuckerspiegel, wie viele Kalorien wir verbraucht haben, wie viele Schritte und Stufen wir gegangen sind und was das in Kilometer und Höhenmeter umgerechnet bedeutet. Sie messen, wie wir uns fühlen und wie produktiv wir sind. Ein „Neuroheadset“, das die Gehirnströme aufzeichnet, kostet nur wenige hundert Euro. Die Liste ließe sich ins Endlose erweitern.

          Je mehr Zahlen, desto besser

          Das britische Gesundheitsministerium stellte Ende vergangenen Jahres auf seiner Internetseite rund fünfhundert Apps und technische Anwendungen für Selbstoptimierer vor und rief die Bürger zur Abstimmung auf. Damit zeigte es unmissverständlich, dass es den Selbstvermessungstrend nicht als Spinnerei abtut. Andrew Lansley, Gesundheitsminister des Landes, sagte: „Ich wünsche mir, dass es ganz normal wird, eine App auch zu nutzen, um den Blutdruck zu messen.“ Den ersten Platz belegte schließlich das Stimmungsbarometer „Moodscope“. Man fragt sich damit regelmäßig „Wie geht es mir heute?“, am besten mehrmals täglich, und bewertet seine aktuelle Stimmungslage. Aus diesen Eingaben errechnet das Gerät dann unsere Befindlichkeitskurve.

          „Ich wünsche mir, dass es ganz normal wird, eine App auch zu nutzen, um den Blutdruck zu messen“: Der britische Gesundheitsminister Andrew Lansley zeigt, dass er den Selbstvermessungstrend nicht als Spinnerei abtut
          „Ich wünsche mir, dass es ganz normal wird, eine App auch zu nutzen, um den Blutdruck zu messen“: Der britische Gesundheitsminister Andrew Lansley zeigt, dass er den Selbstvermessungstrend nicht als Spinnerei abtut : Bild: Reuters

          „Wir brauchen die Hilfe von Maschinen.“ Diesen Satz schrieb der „Wired“-Journalist Gary Wolf in einem Artikel in der „New York Times“. Die Überschrift lautete: „The Data-Driven Life“. Die Maschinen, von denen Wolf spricht, sollen uns bei allem, was wir tun, überwachen, wie winzige Assistenten, die nicht mehr von unserer Seite weichen. Sie sollen uns produktiver und unser Leben effizienter machen. Das funktioniert laut Wolf am besten, wenn wir uns der Technik ganz und gar ausliefern.

          Um das Verwachsen von Mensch und Maschine mit Macht voranzutreiben, gründete er 2007 mit Kevin Kelly die Internetseite quantifiedself.com, die, wie der Name schon sagt, auf die Quantifizierung des Ichs abzielt. Sie markiert den Ausgangspunkt einer Bewegung, die weltweit schnell wächst. Inzwischen haben sich in mehr als zwanzig Ländern Quantified-Self-Gruppen zusammengeschlossen, auch in Deutschland. Ihre Mitglieder begreifen sich selbst als Forschungsvorhaben und kreisen um sich und ihre Befindlichkeiten, als läge ihr Körper pausenlos unter einem Mikroskop. Das Ziel ist seine absolute Beherrschung durch das Sammeln von Zahlen - je mehr Zahlen, desto besser, sagt Gary Wolf. „Self Knowledge Through Numbers“. Selbsterkenntnis durch Zahlen.

          Ein Blick in Montaignes Essais

          Im Netz gibt es ein Video, in dem Wolf eindrucksvoll die Vorzüge der Selbstquantifizierung preist, als ginge es um eine neue Religion. Wir sehen einen smarten, leicht gebräunten Mann, der freundlich ins Publikum blickt und seinen kurzen Vortrag mit ein paar persönlichen Lebensdaten beginnt: Er sei vergangene Nacht um 0.45 Uhr ins Bett gegangen, einmal aufgewacht und schließlich um 6.10 Uhr aufgestanden. Seine Herzfrequenz betrug 61 Schläge pro Minute und so weiter. Wozu diese ganzen Zahlen dienten, fragt er, und gibt gleich die Antwort. Sie seien der Spiegel, der uns am Ende ein besseres Leben beschere. Besser heißt glücklicher. Und das ist der entscheidende Punkt: Die Quantified-Self-Bewegung spielt mit dem Versprechen eines glücklicheren Lebens. Es wäre also naiv, sie zu unterschätzen.

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