Home
http://www.faz.net/-gqz-76r1s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Qualitätszeit Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Jetzt genieß doch endlich mal! Mit seinen Lieben soll man Qualitätszeit teilen. Sogar mit den lieben Haustieren. Warum der Begriff „Quality Time“ unterkomplex und anmaßend ist.

© dpa Vergrößern

Es gibt kein Entrinnen mehr vor ihr. Ob auf dem Spielplatz oder in der Paartherapie, in Talkshows oder in der Ratgeberliteratur - überall lauert heute „quality time“ und in ihr der implizite Imperativ, mehr solche zu verbringen. Erfunden wurde der Begriff hauptsächlich für den Umgang mit Kindern, aber auch mit Haustieren kann man angeblich Qualitätszeit verbringen. Die Soziologin Arlie Russell Hochschild behauptet, diese diene der Festigung von Beziehungen. In der Quantitätszeit dagegen liefen die Beziehungen zwar notgedrungen auch weiter, würden aber nicht „mit ganzem Herzen“ verfolgt.

Bei manchen Menschen hilft die schönste Qualitätsoffensive nichts

Wie man diese Unterscheidung von Herzlichkeitsgraden beim Gassigehen mit dem Hund treffen soll, bleibt ziemlich rätselhaft. Das Schlimme an der zwanghaften Einteilung des Daseins in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ist aber nicht nur, dass sie wieder einen jener dreisten Übergriffe der Ökonomisierung auf alle Lebensbereiche darstellt, sondern vielmehr das schlechte Gewissen, das damit erzeugt werden soll. Quality time - das klingt wie eine neue Bonbonmarke und wird ausgeschmückt wie ein bunter Reisekatalog, hat aber letztlich Erpressungscharakter so wie alle Manifeste der Selbstoptimierung. Das Gerede von der Qualitätszeit ist ein moralischer Imperativ an alle Eltern, Babysitter, Tierhalter und was es sonst noch für Menschen in Beziehungen gibt. Fußballspieler zum Beispiel. Die könnten noch deutlich mehr „quality time“ miteinander verbringen, wenn man sich manche Partien so anschaut.

Das Leben der meisten anderen ist aber nicht jeden Tag ein Champions-League-Spiel. Angesichts des großen Welttheaters wirkt der Begriff der Qualitätszeit sowohl anmaßend als auch unterkomplex. Anmaßend, weil er die Gestaltung einer Lebenszeit als gehaltvolle, eben qualitätsreiche Zeit ausschließlich in die Hand des Menschen legt - im Gegensatz etwa zu dem Psalmwort „Meine Zeit steht in Deinen Händen“, aber einen derartigen Kontrollverlust kann man heute nur schwer bewerben. Und unterkomplex ist der Ausdruck, weil er unterstellt, dass mit der Absicht, Qualitätszeit zu verbringen, immer Gutes erreicht wird. Hier könnte wiederum der Fußball als Lehrbeispiel dienen: Bei manchen Menschen hilft die schönste Qualitätsoffensive nichts, die spielen stur Catenaccio und stellen sich hinten rein. Vor allem Kinder können da total gnadenlos sein.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.02.2013, 17:06 Uhr

Die „Spiegel“-Fechter

Von Michael Hanfeld

Der Kampf in Hamburg ist noch nicht entschieden: „Spiegel“-Chefredakteur Büchner will zwei Ressortchefs loswerden, doch die wollen nicht gehen - und die restliche Redaktion steht geschlossen hinter ihnen. Mehr