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„Pussy Riot“-Sängerin Tolokonnikowa : Nachrichten aus dem GULag

Im Griff eines perfiden Strafsystems: Nadeschda Tolokonnikowa Bild: dpa

Nadeschda Tolokonnikowa berichtet aus ihrem russischen Straflager. Dort werden Menschen entrechtet, erniedrigt und zu Tode geschunden. Wenig später kommt die „Pussy Riot“-Sängerin in Einzelhaft.

          „Vielleicht“, schrieb der frühere Mitherausgeber Joachim Fest in dieser Zeitung, werde „Alexander Solschenizyns ,Archipel GULag’ einmal zu den Markierungspunkten zählen, die den Verfallsprozess der kommunistischen Idee anzeigen.“ Fest schrieb das im Januar 1974. Alexander Solschenizyn war zum Ende des Zweiten Weltkriegs verschleppt worden, bis Mitte der fünfziger Jahre saß er im Straflager, er wurde verbannt, später rehabilitiert. Seine Erlebnisse flossen in die Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ und in den Roman „Der erste Kreis der Hölle“ ein, „Der Archipel GULag“ erschien 1974. Das Ende der Sowjetunion sollte Solschenizyn im Dezember 1991 erleben. Er starb im August 2008 in Moskau. Der GULag aber existiert bis heute.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das bezeugt der Offene Brief, den Nadeschda Tolokonnikowa, die Sängerin der Punkband „Pussy Riot“, aus dem Straflager IK 14 in Mordowien, fünfhundert Kilometer von Moskau entfernt, geschmuggelt hat. Sie wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt und sitzt dort noch bis zum Frühjahr 2014 ein. Nadeschda Tolokonnikowa berichtet von einem System, das sich seit der Zeit der Zaren und der Oktoberrevolution nur in Nuancen verändert hat: Menschen werden gedemütigt, entrechtet und zu Tode geschunden. Die Drecksarbeit der Unterdrückung erledigen die Häftlinge dabei selbst. Die Gefängnisleitung gibt die Befehle, die Kapos führen sie aus. Von dem, was hier geschieht, darf nichts nach außen dringen.

          Jeder soll gebrochen werden

          „Wenn sie früher entlassen werden wollen, müssen sie Ihre Schuld anerkennen,“ sagt die stellvertretende Lagerleiterin zur Begrüßung. „Wenn Sie nicht gestehen, werden Sie das nicht erleben.“ Die vorgeschriebenen acht Stunden pro Tag wolle sie arbeiten, sagt die Gefangene Tolokonnikowa, wird jedoch sofort eines anderen belehrt. „Sie müssen die Norm erfüllen. Wenn Sie das nicht tun, machen Sie Überstunden. Vorschrift ist Vorschrift. Wir haben schon ganz andere gebrochen.“

          Der Arbeitstag in der Nähbrigade hat nicht acht, sondern sechzehn bis siebzehn Stunden, von halb acht Uhr morgens bis nachts um halb eins, schreibt Nadeschda Tolokonnikowa. „Schlaf gibt es höchstens vier Stunden pro Tag.“ Fast jeden Sonntag wird gearbeitet, in anderthalb Monaten gab es einen Tag frei. Die Gefangenen werden gezwungen, in Briefen um Sonntagsarbeit zu bitten. Niemand begehrt auf. Wer es doch wagt, etwa um acht Stunden Schlaf einmal in der Woche bittet, wird von der Gruppe erniedrigt. „Hast du es eher nötig, zu schlafen als die anderen? Dich sollte man richtig einspannen, du Pferd!“

          Ein rechtloses „Stück Vieh“

          Dabei gehe es ihr als prominenter Gefangener noch gut, bekommt Nadeschda Tolokonnikowa zu hören: „Die Wärter werden davor zurückschrecken, dich zu erpressen. Das lassen sie andere Knastschwestern erledigen.“ Und so ist es. Das System, so schildert es die „Pussy Riot“-Sängerin, sei darauf ausgerichtet, die Gefangenen zu „stummen Sklaven“ zu machen. Es werde alles dafür getan, dass man sich wie ein „rechtloses, schmutziges Stück Vieh“ fühlt.

          Dafür sorgen auch die hygienischen Bedingungen. Ein Waschraum, in dem nur fünf Frauen gleichzeitig Platz finden, muss für achthundert Gefangene reichen. Die Frauen waschen sich im Schnelldurchgang an einem Zuber, aus drei Wasserhähnen tropft kaltes Wasser. „Von dem Recht, die Haare zu waschen, machen wir einmal in der Woche Gebrauch.“ Doch auch das fällt oft aus, die Wasserpumpe ist defekt, die Abwasserrohre sind verstopft, irgendwann fließt der Urin aus dem Waschraum.

          Nichts darf nach außen dringen

          Die Strafen sind ausgeklügelt. Einer Frau, die trotz der Kälte die Baracke nicht betreten durfte, mussten ein Bein und mehrere Finger amputiert werden. Ehe sie ins Lager kam, schreibt Nadeschda Tolokonnikowa, sei eine Roma-Frau „zu Tode geprügelt“ worden – vom dritten Trupp, der in der Regel für Prügelstrafen eingesetzt werde. Die Todesursache wurde vertuscht und mit „Schlaganfall“ angegeben. Die Gefangenen seien jederzeit bereit, aufeinander loszugehen. „Einer jungen Frau wurde der Kopf mit einer Schere eingeschlagen, weil sie eine Hose nicht rechtzeitig fertig genäht hatte.“ Eine andere wollte sich „den Bauch mit einer Säge aufspießen“. Neunundzwanzig Rubel (umgerechnet ein Euro) habe sie im Juni verdient, ihre Gefängnisbrigade nähe pro Tag 150 Polizeiuniformen. Von einem Tag auf den anderen sei die Norm für das Lager um „fünfzig Einheiten erhöht“ worden. „Wohin geht das Geld?“ Zu essen gibt es hartes Brot, verdünnte Milch und verfaulte Kartoffeln. Doch das seien nicht einmal ihre wichtigstes Einwände, heißt es in dem Offenen Brief. Das Schlimmste sei, dass die Gefängnisleitung die Menschen zwinge, zu schweigen. Nichts dürfe über die Zustände nach draußen sickern.

          Nadeschda Tolokonnikowa will nicht schweigen. Sie forderte eine Herabsetzung der Arbeitszeit und bekam von der Lagerleitung zu hören, was ihre Mitgefangene wohl davon hielten, wenn sie die Norm nicht mehr erfüllen könnten. Am Montag ist Nadeschda Tolokonnikowa in Hungerstreik getreten. Tags darauf wurde sie in Isolationshaft verlegt, wegen angeblicher Drohungen von Mitgefangenen. Im russischen Behördenjargon heißt das: Sie ist „an einem sicheren Ort“. Dies sei keine Strafe, sondern eine Reaktion auf den Offenen Brief, sagte der Menschenrechtler Gennadi Morosow.

          Verurteilt worden war Nadeschda Tolokonnikowa wie ihre Mitstreiterin Marija Aljochina, weil sie in der Christ-Erlöser-Kirche in Moskau ein „Punk-Gebet“ veranstaltet hatten, mit dem sie Kritik am russischen Präsidenten Wladimir Putin üben wollten. Dass ihr Bericht aus dem GULag IK14 „einmal zu den Markierungspunkten“ zählt, „die den Verfallsprozess“ dieses Regimes anzeigen, darf man wohl nicht hoffen.

          Quelle: F.A.Z.

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