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Psychotherapie im Fernsehen : Die schmutzige Schwester der Soap

Die Therapeuten-Serie „In Treatment“ nimmt die Fernsehbeichte wörtlich und legt ihr Personal vor aller Augen auf die Couch. In Amerika sorgte sie für verliebte Zuschauerinnen und in Israel für volle Praxen. Jetzt kommt sie auch ins deutsche Fernsehen.

          Es gab nicht viel zu lachen im amerikanischen Fernsehen, als der Sender HBO vor zwei Jahren die ersten Folgen der neuen Serie „In Treatment“ begann: Wegen des Streiks der Drehbuchautoren mussten sich nicht nur die Late-Nite-Moderatoren ihre Witze selbst ausdenken, auch mit fiktionalen Programmen wurde sparsam hausgehalten, man wusste ja nicht, wann es wieder neue geben würde. Und als sich damals viele Kritiker einig waren, dass es sich bei der innovativen Serie um „das Beste“ handelt, „was gerade im Fernsehen läuft“: Dann klang das immer auch ein wenig wie die Freude eines Verdurstenden über die Qualität des Wassers.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man kann aber den begeisterten Stimmen ruhig glauben, die von der unwahrscheinlichen Faszination einer Serie berichten, deren Kurzbeschreibung so spektakulär langweilig klingt: Zwei Menschen sitzen in einem Zimmer und reden. In 25-minütigen Folgen blickt „In Treatment“ in die Praxis des Psychotherapeuten Paul Weston (Gabriel Byrne), einem gut durchgesessenen Raum irgendwo in Baltimore, und widmet sich pro Episode jeweils einem einzigen Patienten: Am Montag kommt die attraktive Laura (Melissa George), am Dienstag der Bomberpilot Alex (Blair Underwood), am Mittwoch die junge Turnerin Sophie (Mia Wasikowska), am Donnerstag das Ehepaar Jake (Josh Charles) und Amy (Embeth Davidtz). Und jeden Freitag setzt sich Paul selbst bei seiner Kollegin Gina (Dianne Wiest) auf die Couch.

          Vorwürfe an die falsche Adresse

          Wer aber angesichts der dramaturgischen Tristesse, die der enge Rahmen zu garantieren schien, ein eher depressives Kammerspiel erwartet, der sollte vielleicht besser die Verrisse lesen, die es natürlich auch gab: Die lagen nämlich gar nicht so falsch mit ihrer humorlosen Diagnose, die der Serie die üblichen Formatierungen des Fernsehens ankreidet. Mit den tatsächlichen Erfahrungen psychotherapeutischer Sitzungen habe das Ganze wenig zu tun, hieß es, Pauls Verhalten sei teilweise völlig unprofessionell, die Probleme der Patienten seien viel zu überspitzt und die Dialoge irgendwie viel zu drehbuchartig. Das ist schon ein absurder Vorwurf für ein Werk, das sich bereits im Titel den Spaß macht, mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs „treatment“ zu spielen, der im Englischen nicht nur „Behandlung“ bedeutet, sondern auch eine Art Kurzdrehbuch beim Film bezeichnet.

          Und natürlich ist es eher eine gute Nachricht, dass sich der Regisseur und Drehbuchautor Rodrigo García, der Sohn des Schriftstellers Gabriel García Márquez, eher der Ethik des Skripts als jener der therapeutischen Praxis verpflichtet sieht, weshalb er im Zweifelsfall eher an Dramatik als an Gefühlsduselei interessiert ist. Zum übrigen Emotionskitsch jedenfalls, der täglich im Fernsehen so tut, als handle er von großen Gefühlen, verhält sich die Serie wie Speed zu Opium: „In Treatment“ ist die schmutzige Schwester der Soap.

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