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Psychiatrie in Frankreich Diese Anstalt bleibt geschlossen

09.01.2009 ·  In Frankreich will Präsident Sarkozy der Psychiatrie einen deutlich restriktiveren Kurs verschreiben. Sein Kulturkampf gegen die Anti-Psychiatrie der 68er stößt auf harten Widerstand.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Das neue Jahr begann mit einer guten Nachricht: In der Nacht zum ersten Januar wurde in Aix-en-Provence Joël Gaillard verhaftet. Gaillard, der bei seiner Festnahme ein Messer bei sich trug, war seit Weihnachten die meistgesuchte Person des Landes. Am Stephanstag war er in Marseille aus einer geschlossenen Anstalt entkommen. Offenbar hatte er einen Brandalarm ausgelöst. Auf seiner Flucht bedrohte er eine Gruppe von Jugendlichen mit dem Stellmesser. In den letzten zehn Jahren waren ihm Vandalismus, Diebstähle, Gewaltanwendung zur Last gelegt worden Doch Gaillard kam nur selten vor Gericht. Die Psychiater diagnostizierten eine schwere Schizophrenie. Eingeschlossen wurde er erst, nachdem er einen Achtzigjährigen umbrachte. An Silvester wurde er dank der veröffentlichen Fahndungsfotos in einer Bar erkannt. Gaillard war betrunken. Seine Flucht hatte in Südfrankreich zuvor die eigentliche Psychose ausgelöst. Die beruhigende Nachricht von seiner Festnahme kam aus dem Pariser Innenministerium.

Seit zwei Monaten lebt Frankreich in der Angst vor seinen Schizophrenen. Am 12. November befand sich der seit den achtziger Jahren behandelte Michel Gellion auf seinem Freigang. Auch er hatte mehrere Gewalttaten verübt, war aber nie verurteilt und ins Gefängnis gesteckt worden. Er war stets pünktlich in die Klinik zurückgekehrt. Diesmal klaute er ein Messer und tötete einen sechsundzwanzig Jahre alten Studenten, der ihm zufällig über den Weg lief. Umgehend wurde der Direktor der Klinik entlassen. Nichts habe auf eine Tragödie gedeutet, erklären die Ärzte und Pfleger, die mit Gaillard zu tun hatten. Seine Messerstiche haben Frankreich aufgewühlt und neue Debatten ausgelöst.

Die Anti-Psychiatrie der 68er

Schon im Wahlkampf hatte Sarkozy die Psychiatrie zum Thema gemacht. Er führte seine Kampagne als Kulturkampf gegen das Erbe des Mai 68, zu dem er auch die „Antipsychiatrie“ zählt. Frankreich debattierte damals unter dem Einfluss von Michel Foucault wie der Philosophen Deleuze und Guattari über den Wahnsinn und die Gesellschaft. Jacques Lacan entwarf ein neues Bild der Psyche. Es galt als schick, sich bei einem der Modedenker und Antipsychiater – wie Daniel Sibony oder David Cooper, der den Begriff geprägt hatte – in die Analyse zu begeben.

Die Kranken und die Eingeschlossenen wurden als Prototypen der Repression verstanden. Foucault beschrieb die Krankenhäuser und Gefängnisse als Avantgarde einer zukünftigen Gesellschaft. Die im Vergleich zu den viel pragmatischeren nördlicheren Ländern eher konservative und von viel Theorie überlastete französische Psychiatrie blieb von dieser optimistischen Stimmung des Aufbruchs und der Emanzipation keineswegs unbeeinflusst. Doch bezüglich der Öffnung der Anstalten ging man sehr viel weniger weit als zum Beispiel in Italien.

Restriktive Maßnahmen

In seinem Gespräch mit dem Philosophen Michel Onfray, das die Zeitschrift „Philosophie“ im Wahlkampf organisierte, präzisierte Sarkozy seine Vorstellungen. Die Päderastie bezeichnete als genetisch bedingtes Übel. Er war Innenminister, als in der südfranzösischen Stadt Pau ein als geheilt entlassener Schizophrener in das Krankenhaus zurückkehrte und zwei Pflegerinnen umbrachte. Nach dem Tod des Studenten in Grenoble begab er sich als erster französischer Staatspräsident in eine psychiatrische Klinik. In Anthony hielt er einen Vortrag, der die anwesenden Ärzte und Pfleger schockierte. Die Tragödie von Grenoble wäre vermeidbar gewesen, wetterte Sarkozy: „Sie hat mich schockiert“.

Zur Überwachung der Ein- und Ausgänge in den Kliniken kündigte er Maßnahmen in der Höhe von dreißig Millionen an. Zweihundert Einzelzellen für gefährliche Patienten werden eingerichtet, Videoüberwachung inklusive. Auf Freigängen sollen Kranke mit einem GPS ausgestattet werden – wenn sie zu weit gehen, wird Alarm ausgelöst. Der Präfekt als oberster Polizist entscheidet über die Zwangseinlieferungen, das Mitspracherecht des behandelnden Arztes wird eingeschränkt. Alle in einer psychiatrischen Institution behandelten Patienten sollen in einem landesweit einsehbaren Verzeichnis festgehalten werden.

Keine Zeit für Betreuung

Seit Jahren beklagen die Pfleger in den Anstalten die zunehmende Gewalt vieler Patienten, mit der sie täglich konfrontiert sind. Im Oktober streikte das Personal einer Klinik in Marseille einen ganzen Monat lang, um gegen die Aufnahme eines als extrem gefährlich bekannten Kranken zu protestieren. In Lyon wurde die Arbeit nach einem Angriff auf eine Krankenschwester niedergelegt: sie wurde von einem Patienten zusammengeschlagen, der die Klinik nicht verlassen wollte.

Das Personal in den Kliniken wäre für Sarkozys Anliegen durchaus ansprechbar gewesen. Doch seine Rede wurde wegen ihrer direkten Schuldzuweisungen und pauschalen Verunglimpfungen als Kriegserklärung verstanden. Überall sind die finanziellen Mittel radikal gekürzt worden. Pfleger müssen manchmal alleine Nachtdienst leisten. Nicht aus antipsychiatrischer Überzeugung, sondern aus Sparmaßnahme wurde die Zahl der Betten um 50.000 reduziert. Aber man hat sie nicht durch Institutionen für die ambulante Betreuung ersetzt. Die Ärzte haben den Eindruck, dass sie nur noch Notfälle abwickeln, aber für das Heilen der Patienten und ihre Betreuung kein Geld und keine Zeit haben.

Maßnahmen ohne Dialog

Auch die Familien fühlen sich im Stich gelassen. Für zahlreiche Kranke gibt es keine Therapie. Die Schriftstellerin Anne Poiré, die über diesen Notstand ein Buch veröffentlicht hat, berichtet von einer jungen Frau, die nach einem akuten Delirium in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Gegen ihren Willen wurde sie entlassen. Eine andere Klinik, bei der sie anklopfte, verweigerte die Aufnahme – danach brachte sich die Frau um.

„Man redet nur von uns, wenn es einen Toten gibt“, klagt eine Krankenschwester: „Doch wir sind täglich mit gravierenden Fällen und Problemen konfrontiert.“ Sarkozy hat es verpasst, den heilsamen Schock, der alle ergriffen hat, in einen Dialog münden zu lassen. Dutzende von Petitionen laufen gegen seine Erklärungen und Versprechungen, an die niemand glaubt. Bei den Psychologen erweckt der Präsident den Eindruck, als ginge es ihm nur um „die Obsession von der großen Einschließung“. Vielleicht ist es ihm gelungen, die verängstigte Gesellschaft vorübergehend zu beruhigen. Gelöst hat er ihr Sicherheitsproblem in keiner Weise. Dazu fehlen ihm die Mittel und die Worte.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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