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Veröffentlicht: 27.09.2016, 08:54 Uhr

Digitaler Stress Wir finden kaum inneren Abstand

Jan Kalbitzer forscht am Zentrum für Internet und seelische Gesundheit der Charité. Digitaler Stress muss nicht sein, schreibt er in seinem Buch. Denn das Internet ist das, was wir daraus machen.

von
© Andreas Pein Der Psychiater Jan Kalbitzer in der Charité Berlin

Herr Kalbitzer, in der S-Bahn auf dem Weg zu Ihnen haben alle um mich herum ständig auf ihr Handy gestarrt. Kulturpessimisten würden da wahrscheinlich von sozialem Autismus sprechen. Was geht in Ihnen als Psychiater vor, wenn Sie so etwas sehen?

Karen Krüger Folgen:

Ich denke, es ist wunderbar, dass man in diesem engen Raum der Stadt, in dem wir leben, auch mal ausweichen kann. Wenn es um bedenkliche Auswirkungen des Internets geht, wird oft das Starren auf das Smartphone angeführt. Aber das ist ja nicht das Internet per se. Ich höre am Wochenende oft stundenlang Internetradio, auch das ist das Internet. Ein Ehepaar hat sich mir gegenüber mal beklagt, ihr Sohn sei so viel online. Auf meine Frage, was sie sich denn als Erziehungsziele für ihn wünschen, antworteten sie, er solle später guten Sex haben, anderen beim Reden in die Augen schauen können und finanziell unabhängig sein. Ich finde, das bringt die Herausforderungen des digitalen Zeitalters gut auf den Punkt: Es geht darum, sozial fähig zu bleiben und Herausforderungen im analogen Leben annehmen zu können. Wenn das gelingt, kann man auch ruhig mal stundenlang aufs Smartphone starren.

Die Eltern haben Sex angesprochen. Das Netz ist voll mit Pornographie. Viele sehen darin eine Gefahr für ihre heranwachsenden Kinder. Zu Recht?

Studien haben gezeigt, dass Erektionsstörungen bei jungen Männern zugenommen haben. Betroffene geben an, dass sie durch die ständige Verfügbarkeit und hohe Intensität an sexuellen Reizen im Netz reale sexuelle Situationen und gleichaltrige Mädchen oder Frauen als weniger reizvoll empfänden. Das ist natürlich ein Problem.

Das Internet stellt generell unendlich viel zur Verfügung. Sobald uns etwas langweilt oder anstrengt, klicken wir weiter. Wirkt sich das auf unsere Fähigkeit aus, auch mal an etwas dranzubleiben?

Für manche ist es von Vorteil, ihre Aufmerksamkeit schwanken lassen zu können und von einem Nachrichtenportal zum nächsten zu springen. Andere brauchen eher eine Papierzeitung, weil sie ansonsten zu sehr abgelenkt sind. In einem weiter gefassten Sinn kann das Internet möglicherweise durchaus den Effekt einer Wohlstandgesellschaft verstärken, sich vor Herausforderungen im Leben zurückzuziehen. Auch werden Kontakte außerhalb des Internets mitunter nicht mehr als spannend erlebt.

Warum finden wir das Internet überhaupt so toll?

Etwas über unsere Mitmenschen zu erfahren ist ein sehr ursprüngliches Bedürfnis. Online geht das sehr schnell. Man muss aber aufpassen, dass einem die Fähigkeit, Abwesenheit zu ertragen, nicht verlorengeht. Die ist ganz wichtig dafür, dass wir rational mit bestimmten Dingen umgehen können. Wenn wir uns angewöhnen, immer sofort über alles zu kommunizieren, verlieren wir möglicherweise die Fähigkeit, auch mal pragmatisch zu sein im Umgang mit anderen Menschen. Insbesondere in Beziehungen, in denen wir ständig miteinander in Kontakt sind, finden wir weniger gut inneren Abstand. Das ist aber grundlegend, um Beziehungen überhaupt führen zu können. Wer ständig wissen will, was der andere gerade macht, fällt irgendwann zur Last.

In Ihrem Buch vergleichen Sie die Wirkung des Internets mit Zucker.

Das Internet ist ein Verführer. Jeder muss für sich herausfinden, was ihm guttut. Es gibt Tage, da brauche ich ein analoges Handy, weil mir das Smartphone zu viel wird. An anderen ist das Smartphone das Schönste überhaupt. Mit dem Erscheinen meines Buches habe ich angefangen zu twittern: Ständig Nachrichten über mein Buch. Das war toll, irgendwann bin ich mir aber selbst damit auf die Nerven gegangen. Ich habe eine Pause eingelegt.

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