Marcel Proust war krank, fast immer. Seit er mit zehn Jahren seinen ersten Asthma-Anfall erlitt, war sein Leben vom Leiden bestimmt. Ausgezehrt und eingehüllt in viele Decken, verbrachte er die letzten zehn Jahre in einem eisig feuchten Zimmer in der Rue Hamelin. Er lüftete nicht, aß wenig und verließ kaum noch das Bett, in dem er an der Grenze zur totalen Erschöpfung sein Werk fortschrieb. Proust, selbst Sohn eines angesehenen Hygieneforschers, war ein schwieriger Patient, der ärztliche Diagnosen verwarf und die Einnahme von Medikamenten verweigerte. Noch gegen die Behandlung der Lungenentzündung, an der er schließlich starb, setzte er sich zur Wehr. Neben dem Asthma, seinem Hauptleiden, plagte ihn eine halbe Legion echter oder eingebildeter Krankheiten von Verdauungsstörungen über Schlaflosigkeit bis zur Neurasthenie. Mit Asthmazigaretten und Legras-Pulver versuchte er, sich selbst zu kurieren und verstrickte sich nur weiter in den Leidenskreislauf. Die oft überdosierten toxischen Wirkstoffe seiner Kuren brachten psychische Auflösungserscheinungen in Gang.
Proust wusste um die schöpferische Potenz der Leidenszustände, die geschärfte Wahrnehmung des Kranken, und kultivierte seine Krankheit strategisch im Dienst seines Werks. „Obschon es mich erbittert, dass ich an so unerträglichen physischen Schmerzen leide, die besonders in den letzten Monaten die unentrinnbaren Begleiter meines Kummers gewesen sind, hänge ich an diesen, meinen Leiden, und der Gedanke ist mir verhasst, sie könnten von mir gehen“, schrieb er 1917 an die Prinzessin Soutzo. Von hier hat die Proust-Forschung ihren morbide funkelnden Mythos, dass ihm das Leiden gewissermaßen die Feder führte. Sein Opus Magnum „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist dann nichts anderes als die planvolle Überführung seiner Lebenskräfte in die höhere künstlerische Form.
Das profunde medizinische Wissen, das Proust sich erwarb, ist an vielen Stellen in sein Werk eingegangen. Die „Recherche“ ist eine detaillierte Bestandsaufnahme der Symptomleiden der Belle Epoque, bevölkert von Neurasthenikern, Aphasikern und Asthmakranken. Proust selbst sprach vom radiographischen Blick, mit dem er das Personal seiner Époche durchleuchtete. Es war ein physiologisch geschärfter, aber mitfühlender Blick. Aus der eigenen Leidenserfahrung öffnete Proust die Begriffsränder des medizinischen Diskurses.
Lesen als Therapie?
Die Marcel-Proust-Gesellschaft wunderte sich in Lübeck selbst etwas darüber, dem in Leben und Werk des Autors so dominanten Motiv des Medizinischen erstmals zum Gegenstand ihrer Jahrestagung gemacht zu haben. Die späte Themenwahl verdankt sich der Zusammenarbeit mit dem lokalen Institut für Wissenschaftsgeschichte, was damit zu tun hat, dass die Neurowissenschaften Proust als Inspirationsfigur entdeckt haben.
Man hört in der Hirnforschung neuerdings viel von „Proustian Effect“ und „Proustian Memory“. Die neurologisch angeleitete Leseforschung entdeckte mit Proust die Tiefenlektüre. Was das Körperliche, das Emotionale und das synästhetische Zusammenspiel bei Wahrnehmung und Gedächtnis für eine Rolle spielen, wie Repräsentationen unterdrückt werden und wieder ins Bewusstsein gelangen, das sei bei Proust intuitiv vorausgedacht und werde erst jetzt von den neurowissenschaftlichen Modellen eingeholt. „Sollte der Suhrkamp Verlag die ,Recherche’ in Apotheken verkaufen?“, fragte der Hamburger Romanist Marc Föcking kokett.
An der Physiologie geschult
Proust war zunächst ein Nachahmer. Seine Gedächtnistheorie baute er auf den medizinischen Schriften seiner Zeit auf. Der Genfer Proust-Forscher Edward Bizub zeigte in kunstvollem Wechsel zwischen Leben und Werk, wie ihm die Experimentalpsychologie Théodule Ribots die Vorlage für den Mechanismus der unfreiwilligen Erinnerung liefert und jene Epihanie-Momente herleitet, in denen die verlorene Erinnerung im Ringen mit der Gegenwart die Schwelle des Unbewussten überschreitet und ein tieferes Selbst die Regie übernimmt.
Das Vorbild für die Theorie des körperlichen Gedächtnisses entnahm Proust der psychotherapeutischen Methode Paul Solliers, von dem er sich im Kampf gegen seine Schreibhemmung selbst behandeln ließ. Sollier setzte auf die Stimulierung des Körpers und die Steigerung der Empfindung, in der frühen Erkenntnis, dass die spontane Erinnerung des Körpers der bewussten vorausgeht. Ganz in diesem Sinn begibt sich auch der Erzähler der „Recherche“ schließlich ins Sanatorium, um jene andere Persönlichkeit zu erwecken, die er zum Autor seiner Erinnerungen bestimmt.
Verlorene Erinnerung, gewonnene Pfunde
Die Vertreter der Neurowissenschaften, durchweg Proust-Kenner, führten die Analogien auf molekularer Ebene weiter. Die Heidelberger Neurobiologin Hannah Monyer verortete die neuronalen Korrelate für die körperliche und räumliche Erinnerung in Hippocampus und enthorinalem Kortex und lieferte den gehirnphysiologischen Nachweis für Prousts Einsicht in die Veränderlichkeit der Erinnerung.
Der Lübecker Mediziner Achim Peters ging noch einen Schritt weiter und brachte Prousts Theorie emotionaler Erinnerung in immerhin nachvollziehbaren Zusammenhang mit der Übergewichtsforschung. Die Energieversorgung des Körpers und das emotionale Gedächtnis laufen beide über die Amygdala. Wird diese Zone durch Trauma oder Stress deaktiviert, kann sich dies psychisch in der Blockade der emotionalen Erinnerung und physisch in Gewichtszunahme niederschlagen. In der „Recherche“ betrifft es die verlorene Erinnerung an die Zeit von Combray, die erst durch das von Peters filigran nachgezeichnete Zusammenspiel aller Sinne beim Schmecken der Madeleine wiedererwacht. Bewundernd sprach Peters von Prousts tiefem Einblick in die Gleichgewichtszustände des Körpers.
Die Proust-Forschung musste sich von ihm auch die Frage gefallen lassen, ob der feingliedrige Proust einen Stressbauch als Zeichen einer depressiven Veranlagung hatte. Was immer noch etwas komisch wirkte und für die Werkdeutung steril bleibt, aber das ernsthafte Interesse war doch erkennbar. Zumal erst gar nicht versucht wurde, die Deutungshoheit über die ästhetische Erfahrung zu fordern.
Überwindung des Terminus
Vom Übergewicht naturwissenschaftlicher Sprechweisen doch etwas erdrückt, versuchten mehrere Vorträge die ästhetische Erfahrung zu retten. Prousts Ästhetik ist physiologisch fundiert, aber keine physiologische Ästhetik. Proust steht nicht mehr auf dem Boden der Erkenntniseuphorie des neunzehnten Jahrhunderts und des Glaubens an die Beherrschbarkeit psychischer Phänomene. Wie umspielt er das Regime des positiven Wissens?
Die Oxforderin Anna Magdalena Elsner zog als Beispiel die „intermittences du coeur“ heran, denen in der „Recherche“ ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Der Begriff lässt sich physiologisch im Anklang an den Physiologen Xavier Bichat als Herzrhythmusstörung verstehen, knüpft aber auch an die philosophische Tradition des Vitalismus an. Elsner sah die „Recherche“ im Übergang von der Tradition des philosophisch und humanistisch gebildeten Arztes zum professionellen Diagnostiker. Bichat steht noch für das doppelte Profil. Doktor Cottard ist in der „Recherche“ schon stumpf für das humanistische Ethos, das man an ihn heranträgt.
Boris Gibhardt (Paris) sprach über Prousts Skepsis, Krankheiten über ihre Symptome fassen zu können, am zentralen Beispiel der Melancholie. Proust zog sie dem medizinischen Terminus Neurasthenie bei ähnlicher Symptomlage vor. Die Melancholie bleibt resistent gegenüber dem terminologischen Zugriff. Wie die Neurasthenie meint sie Antriebsschwäche und Gleichgültigkeit, steht aber auch für schöpferische Genialität, höchste Erregbarkeit und die Konzentration aufs Abwesende und Unerreichbare. In dieser Ambivalenz werde bewusstgehalten, was sich der präzisen Sagbarkeit entzieht: ein Tieferes, Vieldeutiges, das sich erst aus der Lebensgeschichte und in der Nuance erschließt. In der „Recherche“ steht sie für den Zweifel am Sinn der Kunst.
Vom Zweifel beschlichen, ob die neurowissenschaftlich informierte Ästhetik tiefere Gründe nicht durch einfache Stimuli ersetzt, wahrte man in Lübeck bei der freundlichen Umarmung maßvolle Distanz. Es gelang die Verteidigung ästhetischer Erfahrung gegen die therapeutische Vereinnahmung. Man konnte von einem wiedergefundenen Proust sprechen.