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Protestzüge Frustfahrt mit Udo Lindenberg

27.08.2003 ·  Udo Lindenberg, der einst mit dem „Sonderzug nach Pankow“ unter der Mauer durchschlüpfte, nimmt abermals Fahrt auf: Mit Gerhard Schröder, Boris Becker und anderen will er in einem Zug von Berlin nach Magdeburg die „Frustmauer“ durchbrechen.

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Das Ärgerlichste an all den Ärgernissen, die unser Land so lähmen, ist die Tatsache, daß sie praktisch nicht greifbar sind. Der Reformstau ließe sich leichter ertragen, wenn man ihn, wie den täglichen Stau auf unseren Straßen, einfach umfahren könnte, die demographische Zeitbombe, die wir immer lauter ticken hören, könnte von ein paar versierten Sprengmeistern kurzerhand entschärft werden. Solange unsere Probleme oder deren Ursachen rein virtueller Natur sind, lassen sie sich nicht durch praktisches Handanlegen beseitigen.

In früheren Zeiten konnte der Zorn sich noch auf konkretere Ziele richten - etwa auf die Berliner Mauer. Ein schweres Ungetüm aus Beton und Eisen, so mächtig und furchteinflößend, daß einer, der den Angriff wagte, heldenhaft wie ein Drachentöter wirkte - erst recht, wenn die Attacke mit der sanften Gewalt der Popmusik erfolgte. Udo Lindenberg war es, der sich mit seiner Ballade „Sonderzug nach Pankow“ in die Ohren des Staats- und Parteichefs Honecker einschmeichelte und prompt unter dem eisernen Vorhang hindurchschlüpfen durfte, der daraufhin wieder ein Stückchen mehr verrutscht war.

Durch die Frustmauer

Längst ist die Mauer gefallen, ihre Trümmer hinweggeräumt, die Mädchen aus Ost-Berlin in die weite Welt gereist und Udo Lindenberg aus den Höhen der Musikdiplomatie zurückgefallen in den rauhen Alltag des Altrockers. Befriedet aber ist das Land noch lange nicht, dessen Weg in die Zukunft von neuen Betonklötzen und -köpfen versperrt wird. Deshalb hat sich Udo Lindenberg entschieden, wieder etwas in Bewegung zu setzen - und zwar einen Zug. Am Tag der Deutschen Einheit will der Sänger, wie der „Stern“ vorab berichtet, mit einem Sonderzug aus Pankow nach Magdeburg fahren und dabei etwas durchbrechen, was er die „Frustmauer“ nennt. Weil bei den Deutschen der Frust zwar grassiert, sich aber nicht in einer realen Mauer manifestiert, wird für den Ausflug kurzerhand eine errichtet - aus Pappmaché.

Mit auf Lindenbergs Zug springen sollen Bahnfreunde aus Politik, Sport und Showbusiness, bei denen es sich in der Tat um ausgewiesene Frustexperten handelt: Der jüngst ausgezählte Boxer Witali Klitschko ist dabei, der private und geschäftliche Dauer-Verlierer Boris Becker oder Eric Burdon, der seit vierzig Jahren „House of the Rising Sun“ singen muß. Gerhard Schröder fährt natürlich ebenfalls mit, der zwar über ein eigenes Panik-Orchester gebietet, aber trotzdem von seiner Hauskapelle Scorpions begleitet wird. Auch Bahnchef Mehdorn wird sicher noch ein Ticket lösen.

Lindenbergs Protestzug ist der eigentümlichste Kulturbetriebsausflug seit jener Rheinschiffahrt auf der „MS Enterprise“ im Januar dieses Jahres, als sich Wolfgang Niedecken, Wolf Maahn und andere Aktivisten in Anwesenheit von vierzig Schönheitsköniginnen Günter-Grass-Essays vorlasen, um damit gegen den drohenden Irak-Krieg zu demonstrieren - bekanntermaßen vergeblich. Auch Lindenbergs Projekt scheint zum Scheitern verurteilt. Die Frustgrenze verläuft schließlich nicht nur zwischen Berlin und Magdeburg, sondern scheint das gesamte Land eingemauert zu haben - weshalb der Sonderzug eigentlich wochenlang unterwegs sein müßte. Bei diesem soll es sich übrigens um eine „Taigatrommel“ handeln, eine russische Dampflokomotive, die ihren Spitznamen einst deshalb erhielt, weil sie so viel Lärm machte. Insofern hat Lindenberg für seine Frustfahrt wenigstens das richtige Gefährt gewählt.

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