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Protestkunst in Syrien Der Albtraum des Diktators und seiner Idioten

04.01.2012 ·  Puppentheater und Waffen aus Gemüse - die syrischen Demonstranten finden immer neue Ausdrucksmöglichkeiten für ihren Protest gegen das Regime. Dieses schreckt dagegen vor keiner Grausamkeit zurück.

Von Gabriela M. Keller
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© Youtube Politsatire unter hohem persönlichen Risiko: In Syrien spielt man mit dem eigenen Leben ...

Ein dünnes Männchen im rosa Herzchenschlafanzug wälzt sich in seinem Bett hin und her. Präsident Baschar al Assad kann nicht schlafen. "Warum liebt mich das syrische Volk nicht mehr?", wimmert er. Erst als sein Lieblingsmilizionär ein Schlaflied anstimmt, sinkt er schnarchend zurück in die Kissen. "Nein, nein, nein", jammert er im Schlaf, "das Regime ist gestürzt!" Der Milizionär feuert sein Maschinengewehr ab. "Schabih, du Idiot", ruft der Präsident, "das war doch nur ein Albtraum."

"Top Goon - Die Tagebücher eines kleinen Diktators" ist eine Mischung aus Puppentheater und politischer Satire. Die erste Folge erzählt von der Realitätsverweigerung eines Präsidenten, dessen Niedergang längst eingeleitet ist. "Wir lieben dich, wir lieben dich", singt der Milizionär und intoniert damit einen Slogan, der auf zahllosen Propagandapostern in Syrien zu lesen ist. Doch die Schlummerlieder wirken nicht mehr; von draußen dringen Protestrufe in den Präsidentenpalast.

Das aufgeblähte Regime

"Wir haben nach Wegen gesucht, herüberzubringen, was derzeit in Syrien geschieht", sagt Jamil, ein Künstler aus Damaskus, "wir haben uns für Handpuppen entschieden, damit uns die Sicherheitsdienste nicht identifizieren können." Deswegen muss auch Jamils richtiger Name verschwiegen werden. Er gehört zu einer Gruppe von zehn namhaften syrischen Künstlern, darunter Drehbuchautoren, Theaterregisseure und Maler. Der Name des Kollektivs, "Masasit Mati", bezeichnet auf Arabisch den Strohhalm, mit dem Matetee getrunken wird. Der südamerikanische Aufguss ist in Syrien beliebt, wegen der internationalen Sanktionen aber nicht mehr erhältlich.

Acht von fünfzehn Folgen hat die Gruppe bislang produziert und auf Youtube veröffentlicht. "Puppen eignen sich ideal, um den aufgeblähten Persönlichkeitskult des Regimes zu untergraben", erklärt Jamil. "Wenn man den Präsidenten als kleines Figürchen sieht, kann man ihn nicht mehr ernst nehmen." Damit illustrieren die Episoden der Serie den erstaunlichen Wandel in Syrien: von einem der weltweit am strengsten kontrollierten Polizeistaaten, in dem offene Kritik am Präsidenten undenkbar war, zu einem Land in Aufruhr. Mindestens fünftausend Zivilisten sind nach UN-Angaben gestorben, seitdem der Aufstand Mitte März begann. Doch die Proteste lassen nicht nach. Und obwohl es nach wie vor keine Anzeichen für einen Sturz des Regimes gibt, haben sich die Syrer bereits eine Freiheit ertrotzt, die das Land bislang nicht kannte.

Provokation gegen Heuchelei

"Bischu", so die Koseform von Baschar, ist in jeder Folge mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Mal muss er in seinem Wohnzimmer einen familiären Aufstand niederschlagen, mal tritt er als Kandidat in der Quizsendung "Wer wird die Millionen töten?" an. Der Sprecher parodiert das deutliche Lispeln des Präsidenten. Auf der Bühne des Puppentheaters wird der Konflikt wie ein Kammerspiel inszeniert. "Schabih", der vierschrötige Paramilitär, steht für die Repression. Seine reale Entsprechung sind die Schabiha-Milizionäre, die im Dienste des Regimes Angst und Schrecken in den syrischen Städten verbreiten. Hinzu kommen die "Rose von Damaskus", eine weibliche Symbolfigur für die Opfer des Konflikts, und natürlich der "friedliche Demonstrant".

Damit hat die Gruppe mächtige Feinde gegen sich aufgebracht. "Es ist offensichtlich, dass Profis hinter der Produktion stecken, und es gibt nicht viele Menschen in Syrien, die dafür in Frage kommen", so Jamil, "wir müssen davon ausgehen, dass die Sicherheitskräfte schon nach uns suchen." Das Regime hat begriffen, welche Bedrohung die neue kulturelle Freiheit bedeutet. Ali Farsat, der zu den bekanntesten Karikaturisten des Nahen Ostens zählt, wurde im August im Zentrum von Damaskus von maskierten Männern überfallen. Sie schlugen ihn bewusstlos, brachen ihm einen Arm sowie mehrere Finger und ließen ihn blutend an einer Ausfallstraße liegen. Farsat richtet seinen beißenden Spott seit vielen Jahrzehnten gegen die korrupten Bürokraten und heuchelnden Staatsmänner im Nahen Osten. Allerdings waren die Machthaber in seinen Bildern selten zu identifizieren. Das änderte sich mit dem Beginn der Proteste: Seither tauchte auch Assad selbst in seinen Karikaturen auf. Ein Bild zeigt den Präsidenten ratlos auf der Lehne eines Sessels kauernd. Auf der Sitzfläche kann er nicht Platz nehmen, weil spitze Sprungfedern aus dem Polster spießen.

 

Gassenhauer statt Feingeist

Farsat ist nach dem Überfall nach Kuweit geflohen. Im Dezember ist er von der Organisation Reporter ohne Grenzen mit dem Preis für Pressefreiheit ausgezeichnet worden. Andere kritische Stimmen haben die Schergen des Regimes für immer zum Schweigen gebracht. Ibrahim Kaschusch aus der westsyrischen Stadt Hama hat Hunderttausende Syrer mit seinem Ohrwurm "Yalla Baschar, Zeit zu gehen" bewegt und damit die inoffizielle Hymne der Protestbewegung geschaffen. Im Juli trug er sein Lied bei einer Massenkundgebung vor. Wenige Tage später wurde er tot aus dem Orontes gezogen. Seine Kehle war durchgeschnitten, seine Stimmbänder wurden herausgetrennt. Die Verbreitung des Songs aber hat das Regime nicht stoppen können. "Jedes Kind in Syrien kennt den Text, wann immer die Leute protestieren, stimmt die Menge dieses Lied an", sagt Majid, ein junger Demonstrant aus Hama, "das ganze Volk singt: ,Yalla, Baschar, Zeit zu gehen!"

Über Ibrahim Kaschousch selbst ist nur wenig bekannt. Er hat einen Gassenhauer geschaffen, keine feingeistige Komposition. Damit steht das Lied beispielhaft für die Kreativität der Regimegegner: Die Kultur der Revolte ist überwiegend volkstümlich, so wie auch der Protest vor allem ein Aufstand des einfachen Volkes ist. Jeden Tag verbluten in Syrien Demonstranten auf den Straßen, doch das bedeutet nicht, dass es bei den Protesten verbissen und freudlos zugehen würde. Häufig herrscht eine ausgelassene, fröhliche Stimmung: Die Menschen sind euphorisch, sie singen und tanzen traditionelle Volkstänze. Majid, der junge Aktivist, ist in Hama Mitglied einer Arbeitsgruppe, die sich um das musikalische Programm bei den Protesten kümmert. "Musik ist eine Waffe, die wir gegen das Regime richten", erklärt er, "sie hilft den Menschen, ihre Angst zu überwinden, und gibt ihnen ein Gefühl des Zusammenhalts und der Stärke."

Ein satirisches Angebot zur Panzerwäsche

Meist treten Unbekannte auf die Bühne, Menschen wie Ibrahim Kaschousch, die während der Proteste nebenbei ihr Talent entdeckt haben. Allerdings hat der Protest auch ein paar richtige Stars auf seiner Seite: Fadwa Soliman, eine prominente Schauspielerin, schloss sich der Protestbewegung im November an. Sie ist in der Protesthochburg Homs untergetaucht, weil der Geheimdienst nach ihr fahndet. Doch sie tritt immer wieder bei den Demonstrationen auf, gibt Sprechchöre vor, feuert die Massen an und ermutigt die Menschen, auf die Straße zu kommen. Ein weiteres Beispiel ist der bekannte Fußballspieler Abdul Basset Sarout. Der ehemalige Torwart des Jugend-Nationalteams hält sich ebenfalls in Homs versteckt. Wann immer er kommt, um bei den Kundgebungen Revolutionslieder zu singen, bricht frenetischer Jubel aus, schildert Fadi, ein Aktivist aus Homs: "Es ist unglaublich, was passiert, wenn Fadwa Soliman und Sarout auftauchen. Sie haben wirklich die Fähigkeit, die Leute zu mobilisieren."

Die beiden spielen eine Schlüsselrolle, da sie dem führungslosen Aufstand ein prominentes Gesicht geben. Doch ihre Auftritte sind nur ein Teil eines viel breiteren kulturellen Aufbruchs. Die Kundgebungen auf der Straße wie auch die Sozialen Netzwerke im Internet haben der Bevölkerung eine Plattform verschafft, die ihnen vorher nicht zur Verfügung stand. Vor allem aus der Stadt Homs kommt eine gewaltige Menge satirischer Beiträge. Zum Beispiel haben Aktivisten auf Facebook die Seite "Syrian Tank Wash" gestaltet. Dort bieten sie den Streitkräften ironisch an, ihre Fahrzeuge aufzupolieren.

In einer Reihe von Amateur-Videos verhöhnen Anwohner der Stadt die Propaganda des Regimes, wonach es sich bei den Demonstranten um bewaffnete Terroristen handelt. In einem der Clips posiert eine Gruppe von Männern mit Waffen, die sie aus Gemüse gebastelt haben. Patronengürtel aus Okraschoten, ein Kürbis auf einem Besenstiel als Panzerfaust, Auberginen anstelle von Handgranaten. "Wir Homsis sind berühmt für unseren Humor. Wann immer der Präsident eine Rede hält, haben wir Ideen für neue Witze", sagt Fadi, der Aktivist. "Mit diesen Videos wollen wir ausdrücken, dass wir das Leben lieben, dass wir diesen Konflikt überleben wollen. Obwohl es jeden Tag neue Beerdigungen in unserer Stadt gibt, lassen wir uns unsere Heiterkeit nicht nehmen."

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