27.12.2011 · Der heroische Anführer steht auf der Liste der bedrohten Arten: Proteste organisieren sich heute ohne ihn. Wer sie verstehen will, muss sich an die Sache halten.
Von Nils MinkmarJede Protestbewegung geht einen anderen Weg, und die Geschichte ist selten gnädig, aber eine Botschaft können wir aus dem verrückten Jahr 2011, aus der Arabellion, aus den russischen, ukrainischen, ungarischen Protesten, aus den Zeltlagern in Israel und Madrid, der Indignés und aus der Occupy-Bewegung schon ziehen: Sie folgen niemandem mehr.
Damit können wir eine neue Spezies auf die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten setzen: den heroischen Anführer, der eine Bewegung sammelt und ihr eine Richtung weist - jedem kommen da die Posen von Lenin und Bonaparte in den Sinn; im Wissen um das, was dann in der gewiesenen Richtung wartete, finden wir sie traurig und ermüdend. Aber es gab ja auch weit harmlosere Varianten, eigentlich kennt jeder WG-Erfahrene, einstige Aktivist den Typus des grimmig dreinblickenden Daueragitierers mit dem sonoren Bass, der noch aus jeder Wartegemeinschaft an der Bushaltestelle einen sturmbereiten Mob zu machen versteht, der von Frauen und Männern gleichermaßen angeschmachtet wird und sich durch die Klarheit seiner Meinungen ebenso auszeichnet wie durch seinen fehlenden Sinn für Humor. Solche brauche man eben, flüsterten sich die anderen zu, ebenso bewundernd wie bedauernd. Es war lange vor den digitalen sozialen Netzwerken.
Dass sich die Energie der Masse nur über den Willen eines Einzelnen in Kraft umsetzen lässt, das galt lange als eine Art Naturgesetz der sozialen Welt. Über Jahrhunderte nahm man an, die Menschen seien, en gros, wie Kinder, denen man klare Ansagen und eine Richtung vorgeben müsse, sonst verlören sie sich in alle Richtungen wie wilde Eichhörnchen, die verwirrt und sorgenvoll ihre persönliche Haselnuss suchen. Geschichte schreiben, das konnten solche nervösen Leichtgewichte nicht, dazu bedurfte es immer des einen. Nur mit sehr guter Laune sollte man bedenken, was für Gestalten schon mit Erlöserqualitäten bedacht wurden, was für Titel man sich hat einfallen lassen, um dann doch recht beliebige Menschenkinder mit exorbitanten Eigenschaften auszustatten, beispielsweise für einen Ceausescu: Koryphäe der Wissenschaften, Mathematiker von Rang, bester Freund aller Kinder und noch vieles mehr. Größe liegt eben im Auge des Betrachters. Und eine Zeitlang galt auch so einer als ernstzunehmender Verhandlungspartner. Die amerikanischen Analysten attestierten ihm, wenn schon sonst nicht viel, so wenigstens Leadership. Als sei das eine besondere menschliche, männliche Tugend.
Überrascht haben uns die Bewegungen in ihrer völligen Abkehr von diesem Denken, und das konnten sie mühelos, weil sie zum Teil seit Generationen mit dem Konterfei eines Herrn aufwachsen und nun mitbekommen haben, dass sie der große Führer mit seinem ausgestreckten rechten Arm nur im Kreis herum führt, endlich ist allen schwindlig. Einfach kann es nicht gewesen sein. Der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman erinnert in seinem neuen Buch „Thinking, Fast and Slow“, an das Kaffeekassenexperiment. Mehrere Monate wurde beobachtet, wie die Mitarbeiter einer Firma in die Kaffeekasse einzahlten, eigentlich nur eine alte Schachtel, die uneinsehbar in einem Pausenraum aufgestellt worden war. Jeder und jede zahlte freiwillig ein, eine unmittelbare Kontrolle gab es nicht. Zur Überraschung der Beobachter gab es recht heftige Schwankungen in der Zahlungsmoral, obwohl sich gar nichts verändert hatte - außer dem Motiv des Posters, das über der Kasse hing. Waren dort Blumen, Landschaften oder Tiere zu sehen, wurde eher wenig gezahlt, bemerkenswert mehr, wenn auf dem Bild ein Paar scharf blickender Augen in Großaufnahme zu sehen war. Bei kontextualen Befragungen war dann übrigens keinem der Benutzer irgendeine Veränderung in dem Raum aufgefallen. Allein der Eindruck eines überwachenden Blicks hatte für ein angepasstes Verhalten gesorgt. Welche Auswirkungen mag es also haben, fragt Kahneman, wenn Menschen in einer Kultur aufwachsen, in der sie bei jedem Behördengang, auf allen Plätzen sowie in den Medien permanent den Blicken irgendeines erleuchteten Schnauzbartträgers ausgesetzt sind, und zwar seit der Kindheit? Werden sie asozial und unberechenbar, wenn die Blickkontrolle wegfällt?
Nach den Ereignissen in den arabischen Staaten könnte eher der Schluss naheliegen, dass der Bann, einmal gebrochen, nie mehr wirkt. Es gibt in den Ländern dort keinen neuen starken Mann, wird vielleicht nie wieder einen geben.
Im Westen fällt es uns perverserweise schwerer, obwohl unser System eigentlich auf dem Willen der vielen und dem Ausgleich der Interessen basiert. Doch je mehr die Geschichte sich von Willy Brandts berühmtem Satz, er wolle „mehr Demokratie wagen“, entfernt, desto unreflektierter wird der Kult der Alphapersönlichkeit überhöht, hebt auch die politische Berichterstattung darauf ab, nach dem Basta-Sager zu suchen. Das ist längst kein konservatives Gedankengut mehr. Auch für die französische Linke etwa passte der Satz, den ein belgisches Model über Dominique Strauss-Kahn sagte: „Er wurde erwartet wie der Messias.“ Dabei hatten seine Genossen den Élysée-Palast im Sinn, die Dame eher Hotelzimmer, aber in der Fixierung auf einen dann doch wenig empfehlenswerten Mann waren sich alle Freunde DSKs gleich. Harmloser war die Selbstüberhöhung bei Guido Westerwelle, als er kantig behauptete, der zu sein, „der das regelt“ - „das“ stand, wie wir heute wissen, für den Untergang des Kahns mit Mann und Maus, Dampf und Segel. Doch immer noch reden wir über Machtfragen, über politische Prozesse so, als seien wir die ausgehungerten Bewohner eines von seinen Betreibern verlassenen rumänischen Tierheims.
Daher sind wir so überrascht, dass es von den entscheidenden Akteuren des magischen Jahres keine Homestorys geben wird, nicht mal eine Magazingeschichte: „Time“ wählte diesmal keine Person zur Jahresendtitelfigur, sondern eine durch eine gemeinsame Aktivität definierte Gruppe, die Protestierenden. Es ist gerade eine Strategie des Protests dieser Dekade, die Personalisierung der Medien nicht mitzumachen. In vielen Ländern ist das schlicht Selbstschutz, in anderen immerhin noch Schutz der geistigen Gesundheit. Die amerikanischen Medien etwa flippen aus, sobald sie eine Person so richtig im Fokus haben, und das ist dann bald wechselseitig, die neue Version des Rätsels um Henne und Ei: Wer hat sich zuerst in den Surrealismus verabschiedet, die Republikanische Partei oder Fox News?
Der gemeinsame Protest verbindet durchschnittliche Leute, die wenig Glamour verbreiten. Der „New Yorker“ wagte sich an ein langes, trauriges Porträt eines Occupy-Aktivisten, eines einsamen Mannes ohne Familie und Berufsperspektive, der wahrlich wenig zum Helden taugte und auch nach keinem verlangte. Wer darüber berichten will, muss sich schon an die Sache halten, und das ist der Trick. Seit die Berichterstattung über „Occupy Wall Street“ begann, fand der Slogan von den 99 Prozent jedes Mal seinen Weg in alle Medien, es gab eben keinen „roten Dany“, auf den Fox News und die Murdoch-Blätter ihre Zwangsvorstellungen hätten projizieren können.
Es ist eine wegweisende Entwicklung, die die politischen Bewegungen weltweit prägen wird. Sie ist auch zeitgemäß, denn die Komplexität der Probleme wird größer, die Entscheidungsfristen werden kürzer, die Wechselwirklungen zahl- und folgenreicher als früher. Das politisch-mediale Geschäft lässt sich mit dem von vor der digitalen Revolution nicht mehr vergleichen, ist aber nach wie vor genau so organisiert. Neue Parteien zeichnen sich dadurch aus, dass ihre gewählten Repräsentanten und Sprecher seltsam aussehen und oft wechseln, das ist in der gegenwärtigen Lage ein echter Vorteil, etwa für die Piraten. Aber auch Ländern kann eine Phase guttun, in der die Politik und ihre Analyse nicht von den immer gleichen Darstellern, sondern von Sachthemen, Arbeitsgruppen und speziell zusammengestellten Teams bestimmt wird. Länder, die ihren Bürgern, nach allen Indizes, eine hohe Lebensqualität bieten, werden von Leuten gelenkt, die kein Mensch kennt, nur Spezialisten könnten sagen, wer die letzten Jahre in Finnland regiert hat, in Norwegen oder Belgien. Die saßen nie bei „Wetten, dass . . .“ auf dem Sofa. Selbst Schulkinder wissen hingegen, wer in Kuba und Nordkorea das Sagen hatte.
Natürlich operieren nicht nur die Proponenten guter Anliegen in einer vernetzten, entcharismatisierten Form. Auch die unfasslichen Neonazis bleiben führerlos, was ihnen insofern nutzt, als Polizei, Verfassungsschutz und die Öffentlichkeit die ganze Zeit nach einem neuen Adolf Ausschau halten und darum, auch weil sie es nicht für so bedrohlich halten, gar nicht merken, was die anderen so treiben. Hat man aber mal den Fokus auf die vielen erweitert, statt die einfachen Aktivisten nur als hirtenlose braune Schafe zu verharmlosen, ändert sich auch die Bewertung des Mitläufertums. Dann könnte sich empfehlen, alle Mitglieder der Nazibewegung zur Verantwortung zu ziehen, das Netz weiter auszuwerfen und auch gegen den, der sich singend, tanzend, musizierend über Morde freut, zu ermitteln. Die vielen sind ja nicht immer die besseren Menschen, man kann auch gemeinsam dem Bösen huldigen. Wenn sich viele an den Filmen, den Bildern, den Moritaten rassistischer Serienmörder delektieren, wenn viele sie unterstützen und gut finden, dann werden eben viele festgenommen.
Protest = Mehrheit = Wahrheit ???
Helmut Heckner (hecknerh)
- 28.12.2011, 09:23 Uhr
Anonymer Widerstand im Zeitalter totaler Überwachung
Erich Heimstätter (EHeimstaetter)
- 28.12.2011, 00:24 Uhr
Zufall? Occupy Frankfurt ohne Siener?
Manuel Seyffarth (mseyffarth)
- 27.12.2011, 16:24 Uhr
interessanter Beitrag
Markus Paa (Markus_Paa)
- 27.12.2011, 11:41 Uhr
1984?
Bernd H. Rust (xbhr)
- 27.12.2011, 11:22 Uhr