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Proteste vor Bellevue : Bitte keine Vuvuzelas

  • -Aktualisiert am

Eigentlich sind Vuvuzelas untersagt vor dem Schloss Bellevue Bild: Reuters

Hunderte Demonstranten kommen zum Zapfenstreich für Christian Wulff zum Schloss Bellevue. Was hinter den Mauern passiert, ist nur zu erahnen. Der Lärm außerhalb ist vielschichtig, die Meinungen der Versammelten eindeutig. Eine Reportage vom Protest.

          „Den Personalausweis, bitte!“ Vier Polizisten stehen im Halbkreis vor einem jungen Mann, der eben noch in seine Vuvuzela blies. In diesem Gebiet sei dieses Instrument für diesen Abend verboten, sagt einer von den Vieren. Anderweitiger Krach sei aber erlaubt.

          Die Menschen sammeln sich auf der Spreeseite gegenüber von Schloss Bellevue. Die andere Seite ist abgesperrt. Im Internet war zum Protest aufgerufen worden, der Zapfenstreich für Christian Wulff solle mit Lärm der Vuvuzela, die durch die Fußball-WM in Südafrika weltbekannt wurde, übertönt werden. Noch ist es still im letzten Licht des Abends. Vögel singen. Das schrammende Geräusch einer vorüber fahrenden S-Bahn. Einige haben Bier mitgebracht. Es wird Frühling.

          Die versammelten Menschen blicken zur Rückseite des Schlosses, die rot angestrahlt ist. Die Fahne weht auf dem Dach: der Bundesadler auf gelbem Grund mit rotem Rahmen. Fackelträger finden sich auf dem Balkon ein. Ein paar weitere Flammen kann man beim Blick über die Mauer erkennen. Man glaubt eine Tribüne auszumachen.

          Die goldene Victoria steht zweihundert Meter weiter südlich auf der Siegessäule, doch von hier drüben sieht es aus, als sei sie auf das Schlossdach geflattert. Venus und Jupiter stehen über dem Schlosspark. Die großen Wagen stehen vor dem Schloss. Vor dem Vorgarten ist die Straße gesperrt, vier Spuren liegen brach - ein weites Feld für den Aufmarsch der Fackelträger und Übertragungswagen vom Fernsehen.

          „Was?“

          Mit den Fackeln flammt auch der Lärm auf. Vuvuzelas, Seilzugsirenen, Trillerpfeifen, Ratschen und die bloßen zwei Finger von jeder Hand. Jemand steckt ein Megafon in ein zweites und trötet mit Horn von hinten hinein. Irgendwo in der Menge röhrt ein Hirsch, so meint man.

          Doch lange können die Ohren so scharf nicht hören, bald ist es ein dröhnender Brei. Jeder hat hier Stöpsel in den Ohren: dreihundert Paar Ohropax. Friede den Ohren, Krach den Palästen. Und im Lärm nur Verschwiegenheit. Jeder Satz, jede Frage ist sinnlos, denn die Antwort ist immer nur: „Was?“

          Sie gehören nicht zum Stabsmusikkorps der Bundeswehr Bilderstrecke

          Der Mond geht auf. Gegenüber auf der Promenade im Laternenschein stehen ein Polizist und eine Polizistin, sagen einander Dinge ins Ohr. Ein Boot der Wasserschutzpolizei patrouilliert auf der Spree. Nicht auszudenken was los wäre, brächte ein protestierender Kapitän ein Nebelhorn in Stellung.

          Von hier drüben weiß man nicht recht: Hat es überhaupt schon angefangen? Man sieht nur Fackeln brennen und die Beleuchtung hinterm Schloss. Vereinzelt drängeln nun Polizisten durch das Dröhnen, suchen wohl nach Vuvuzelas. Die Menschen halten ihre Plakate hoch. Wulff solle den Ehrensold spenden. Gemalte Transparente findet man spärlich, die meisten sind fein säuberlich ausgedruckt.

          Zehn Polizisten und eine Tröte

          Das Polizeiboot dreht wieder seine Runde, doch diesmal verlangsamt es die Fahrt. An Bord werden die Scheinwerfer angeworfen, die Menschenmenge mit Licht geflutet. An der Seite der Versammlung formt sich eine Reihe von Polizisten in Rüstung. Sie nähern sich und durchkämmen die Menge. Wer aufhört zu tröten, darf bleiben.

          Ein junger Mann besteht auf seiner Pumptröte, das sei sein gutes Recht, nirgends stünde das Gegenteil, doch die Polizisten haben Staatsaktstörungen zu unterbinden. Der junge Mann steht auf, hält die Tröte hoch, sodass sie niemand greifen kann. Schließlich scharen sich an die zehn Polizisten um ihn und schaffen ihn zu den Mannschaftswagen.

          Echo von den Bellevue-Mauern

          Manche beschimpfen die Polizisten. Der Lärm jedenfalls geht weiter mit den verleibenden Mitteln. Sogar der Zugführer der Regionalbahn tutet im Vorbeifahren solidarisch. Was nun manchmal durch das Dickicht aus Lärm schillert, müsste Beethovens Neunte sein, die „Ode an die Freude“: „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein“. Der Zapfenstreich geht dem Ende entgegen.

          Aus der Menge formiert sich ein Sprechchor. „Schande!“, rufen sie. Drüben sieht man die Soldaten in einem langen Fackelzug aus dem Schlosspark marschieren. „Schande!“ hallt es von den Mauern des Schlosses zurück. Das Echo klingt als hätten die Soldaten im Abmarsch in die Protestrufe eingestimmt.

          Christian Wulff, „Held der Arbeit“

          Die Demonstranten setzen sich in Bewegung, manche gehen nach Hause, andere drängen sich an den Absperrungen vor dem Schloss, wo nun die Soldaten ausmarschieren und die Gäste weggefahren werden. Die Scheiben der Limousinen sind verdunkelt, deshalb ruft man jedem Auto „Schande!“ hinterher. Die Polizisten sind gelassen. Sie wissen, es ist schon alles vorbei. Aber sie wissen auch, dass die Erregung der Demonstranten nur langsam abklingt.

          An der S-Bahnstation Bellevue quellen die Mülleimer über. Die meisten Protestler sind schon abgefahren. Ein brauner Lederschuh blieb einzeln auf einer Bank zurück, daran gebunden eine Grußkarte, adressiert an Wulff. Auf der Bildseite steht in weißer Schrift auf rotem Grund: „Held der Arbeit“.

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