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Proteste in Spanien Das Antisystem sind die anderen

21.05.2011 ·  Spaniens empörte Kinder: Die Puerta del Sol bleibt besetzt und die Protestbewegung wächst weiter. Wohin sie aber führt, das ist noch völlig offen. Es ist nicht zuletzt eine Frage der zukünftigen Organisation der Bewegung.

Von Paul Ingendaay, Madrid
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Demonstrationsabend an der Puerta del Sol, dem Herzen der Madrider Altstadt, dem Nullpunkt der spanischen Geographie. Diesmal kommen wir mit der Metro, um gleich am Ort des Geschehens zu landen. Aber sobald wir Neuen über die Treppe auf den Platz hinaufgestiegen sind, haben wir nur drei, vier Meter Bewegungsspielraum: Der Rest ist Menschenmasse, die schon vorher da war und den Zufluss der Neuen absorbiert.

Es geht entspannt zu, ein ständiges Schieben, Reiben, leichtes Knuffen, dem man sich klugerweise überlässt, und da es warm ist, sehen wir unsere Spezies aus größter Nähe. Die Typologie zielt in Richtung jung, angerauht, unternehmungslustig mit Tendenz zum Stadtpiraten. Weiter vorn spricht jemand in ein Megafon, der Beifall setzt sich bis zu uns fort. Was wir da beklatschen, keine Ahnung. Die Stimmung ist gut, Mobiltelefone und Kameras streichen über die Menge, die die Puerta del Sol seit fünf Tagen besetzt hält und in „Plaza de la Solución“ umbenannt hat: Noch weiß niemand, wie diese „Lösung“ aussehen soll, aber die Bilderflut des Geschehenen wird immens sein.

Ideenkatalog

Tagsüber kann man über den Platz spazieren, das Zeltlager bestaunen, das sich vom Reiterstandbild Karls III. aus ausbreitet, die Decken, Schlafsäcke und Vorratskisten inspizieren oder einfach nur Parolen lesen. So viele sind es, dass sofort klar wird: Diese Sammelbewegung lässt jede Straffheit, Organisiertheit und Vertikalität vermissen und setzt stattdessen auf Horizontalität, ja Amöbenhaftigkeit. Gegen die etablierten Politiker, die erstarrten Rituale der demokratischen Routine, gegen die Banken und die Kirche. „Das Antisystem sind nicht wir, sondern jene, die das System zerstört haben.“ Der Satz leuchtet den allermeisten ein. Gemeint sind die Finanzprofiteure, die verschwunden waren, als die Rechnung präsentiert wurde, und mit diesem Gedanken können sich auch ältere Spanier solidarisieren, denen plötzlich bewusst wird: Die Jungen dort auf dem Platz sind keine rebellischen Protestler, sondern die betrogene Hoffnung aller. Vom größten Wachstumsoptimismus vor vier Jahren ist Spanien zurückgefallen in wirkliche Not, die in manchen Gegenden die Hälfte aller Menschen unter fünfundzwanzig auf einen Job warten lässt.

Die propagierten Ideen werden zur Zeit in einem Katalog sortiert, aber wohin dieses Sortieren führen soll, ist völlig offen. Abgestimmt wird durch Handheben, zählen lassen sich die Voten nur ungefähr. Klar ist: Es sind viele Leute, und sie werden mehr. Es gibt sogar Hoffnung, schreibt die Zeitung „Público“, der Funke möge auf andere Länder überspringen. Die Twitterlosung lautet „#italianrevolution“ oder „#germanrevolution“, und wer nachschaut, wird zumindest erkennen, dass unfassbar viel gezwitschert wird. Doch es könnte auch das Zwitschern der Amöbe sein.

Viel leichter ist zu erkennen, was der sich ausbreitende Protest bisher schon bewirkt hat, nämlich große Betroffenheit links wie rechts. Eine gewisse pädagogische Besorgtheit hat die Politiker erfasst, die angeblich „zuhören“ wollen, doch nur zu hören bekommen: Lasst euer Blablabla. „Die Reaktion der beiden großen Parteien auf die Mobilisierung der Bürger hat bewiesen, was wir schon wussten“, schreibt der spanische Schriftsteller Isaac Rosa: „Dass sie nichts verstanden haben. Dass sie auf einem anderen Planeten leben, Lichtjahre entfernt von der Straße.“ Es ist seitens der Politik nicht gelungen, den Aufschrei der „Empörten“ zu diskreditieren, denn eine gewisse interne Disziplin hat die Bewegung von Anfang an begleitet. Jetzt ist sie an einem heiklen Punkt angekommen. Die Medien reißen sich um die „Sprecher“ - in den vergangenen Tagen waren das Fabio Aguirre und Jon Gándara, beide Mitte zwanzig und verantwortlich für die erste Mobilisierung am vergangenen Sonntag -, doch auch die Sprecher können nur sagen: Wir rotieren, hier setzt sich keiner fest, wir sind ganz normale Leute, die sich hörbar machen.

Reflexion samt „stummem Schrei“

Inzwischen veröffentlichen die Zeitungen Landkarten mit Zeltlagern in ganz Spanien darauf, den fertigen und den geplanten, doch nirgendwo geht es wohl so lebendig zu wie in Madrid. In Barcelona etwa, so schreibt der Schriftsteller Sergi Pàmies in der Zeitung „La Vanguardia“, deutet das Ambiente nicht unbedingt auf revolutionären Wandel, ja nicht einmal auf die allmähliche Verfertigung politischer Ideen hin. Beim Spaziergang über die Plaza de Catalunya sieht Pàmies in überaus entspannter Atmosphäre akkreditierte Frührentner, Arbeitslose, reifere Schaulustige und Touristen. Die „Ausschüsse“ wollen ein wichtiges Thema besprechen, aber da sich jeder zu Wort melden darf, geht es nicht recht voran. Ein Mädchen spielt dazu Gitarre. Auf ihrem Instrument steht: „Ich kann nicht die Frau deines Lebens sein, weil ich die Frau des meinen bin.“ Und das ist der Widerspruch, den Pàmies ausmacht: Die Bewegung sei gegen jeden formalisierten Verbund; doch zugleich brauche sie nichts dringender als Organisation.

Vor sieben Jahren erschien José Saramagos Roman „Die Stadt der Sehenden“, in dem sich eine Gemeinschaft der Wahl der immergleichen Politiker verweigert und in einem Akt kollektiver Auflehnung ungültige Stimmen abgibt. In Spanien plumpste die Parabel des Nobelpreisträgers zu Boden, denn in denselben Tagen drängte eine durch die Terroranschläge des 11. März 2004 aufgewühlte Bevölkerung massenhaft an die Urnen und schickte eine PP-Regierung, die ihre Wiederwahl sicher glaubte, auf die Oppositionsbank. Postum, so könnte man sagen, erfüllt sich Saramagos Vision: Die Bewegung der Empörten will niemanden aus den etablierten Parteien und weist Anbiederungsversuche schroff zurück. Unter spanischen Soziologen ist umstritten, was darauf folgen wird. Die einen sagen dem Protest ein kurzes Leben voraus, andere schauen gebannt auf ein faszinierendes Phänomen: eine Bewegung, die sich in den sozialen Netzen sammelt und bei ihrer Sichtbarwerdung schon viel zu groß ist, um sich domestizieren zu lassen.

Am Wochenende, so hat es der Zentrale Wahlrat mit 5:4 Stimmen beschlossen, herrscht wegen der Regional- und Kommunalwahlen Versammlungsverbot. Samstag ist der berühmte „Tag der Reflexion“. Die Protestierenden haben sich deshalb zum „stummen Schrei“ entschlossen: Um Mitternacht werden die Münder verklebt, dann wird das Band wieder abgezogen. Eigentlich müsste die Polizei, die bisher so maßvoll aufgetreten ist, die Puerta del Sol räumen. Doch das wird sich nicht leicht machen lassen. Mit welcher Montur der spanische Staat seinen empörten Kindern entgegentritt, ist die Preisfrage des Wochenendes.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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