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Veröffentlicht: 10.03.2014, 07:14 Uhr

Protest einer ukrainischen Autorin Russland, mein Russland, wie liebe ich dich

Über Jahrhunderte hat sich Russland die Ukraine als schwächlichen Vasallen gehalten. Jetzt hat es mit dem Mut seiner Bürger zu tun. Was die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk dem mächtigen Nachbarn zu sagen hat.

von Tanja Maljartschuk
© AP Prorussischer Protest in der Krim-Hauptstadt Simferopol im Spiegel einer Pfütze

Russland, du bist ein großes und reiches Land. Sage mir bitte, wozu brauchst du jetzt auch noch mein Land und mein Geld? Innerhalb der letzten drei Monate habe nur ich alleine, obwohl ich nicht fest angestellt bin, mehr als tausend Euro für den Majdan gespendet. Du fragst dich ständig: wer hat die Faschisten auf dem Majdan in Kiew finanziert? Der ukrainische Expräsident, den du jetzt für legitim hältst und bei dir versteckst, wollte das auch wissen und seine (oder waren es deine?) Mörder nagelten uns ans Kreuz, damit wir aufgeben und endlich gestehen. Ich gestehe also – ich hab es getan, alle meine Freunde und Bekannten haben es getan, und auch viele von denen, die ich nicht kenne, weil es nicht möglich ist, Millionen Menschen zu kennen.

Russland, du bist ein intelligentes Land. Dennoch verwendest du das Wort „Bruder“ immer noch falsch. Du nennst uns, die Ukrainer, Brudervolk, gleichzeitig schickst du deine Armee in unser Land. Genau so verhielt sich dein Fürst Andrej Bogoljubski, Gründer des Fürstentums Moskau, Heiliger der russisch-orthodoxen Kirche, im Jahr 1169, indem er zwei Tage Kiew plünderte, Klöster ausraubte und niederbrannte, Männer tötete, Frauen den Soldaten als Beute schenkte. Genauso verhielt sich dein Zar Peter der Große 1708, indem er die Hauptstadt der ukrainischen Kosakenrepublik Baturyn bis auf die Grundmauern zerstörte, der Fluss sollte rot vom Blut der Einwohner sein.

„Tod für die Ukrainer!“ stand auf dem Panzer Murawjews, des von Lenin angeordneten roten Offiziers, als er 1918 in Kiew einmarschierte und dreitausend Einwohner als Feinde der Revolution erschoss. Die Kiewer Parkanlagen waren von Leichen bedeckt. Ich habe keinen Bruder, nur eine Schwester, trotzdem stelle ich mir Bruderschaft anders vor. Hören wir lieber mit diesem Familienspiel auf und werden einfach Nachbarn? Sonst muss ich dich Kain nennen.

Ukrainische Autoren in Frankfurt - Juri Andruchowytsch, Jurko Prochasko, Serhij Zhadan und Tanja Maljartschuk lesen im Literaturhaus © Slesiona, Patrick Vergrößern Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk bei einer Lesung im Frankfurter Literaturhaus

Wir sind Faschisten, sagst du jetzt, Russland. Das wiederholen viele deiner Söhne und Töchter sobald sie die ukrainische Sprache hören. Schon achtzig Jahre sind wir Faschisten, und ich frage dich, weshalb verdienen wir diese Anrede? Wie viele Konzentrationslager habe ich gebaut? Wie viele andere Völker umgebracht? Während des Zweiten Weltkriegs kollaborierten die Ukrainer mit Hitler, würdest du sofort antworten. Das stimmt. Und du weißt warum, oder? Weil sie Hoffnung hatten, aus deiner tödlichen Umarmung zu fliehen. Ich bin keine Historikerin, aber meine neunzigjährige Großmutter, die die von Stalin organisierte Hungersnot 1933 in der Ukraine überlebte, sammelt nach jeder Mahlzeit noch immer alle Brösel auf und isst sie aus ihrer Hand. Sie hat, wenn sie das tut, etwas Fürchterliches in den Augen. Ein Mensch, denke ich dann, wird nie wieder der Mensch, der er war, nachdem er ein Jahr nur Pflaumenkerne zum Essen bekam.

Jetzt nennst du sogar die Krimtataren, die die Halbinsel Krim als Heimat gewählt haben, Faschisten, genauer gesagt: Tatarofaschisten. Hunderttausende von ihnen sitzen jetzt gerade zu Hause und zittern, weil sie sich daran erinnern, dass jedes Mal, wenn Russland auf die Krim kam, ihr Anteil an der Bevölkerung viermal weniger wurde.

Bitte, rette uns nicht!

Wie lange wirst du noch, Russland, Befreier der Welt, auf den Sieg im Zweiten Weltkrieg stolz sein und damit manipulieren? Seien wir ehrlich, du hast „die braune Pest“ mit dem roten Terror ersetzt, einen halben Kontinent zum Gefängnis gemacht, die nächste Generation Sklaven erzogen, eine Entmenschlichungsmaschine warst du, kein Sieger. Im Krieg gewinnt niemand, nur der Tod. Noch viele Jahre nach deinem „Sieg“ kämpften ukrainische Partisanen gegen dich weiter. Meine andere Großmutter versteckte einige von ihnen bei ihr im Haus, fütterte sie und kleidete sie, so wie die anderen im Dorf es auch machten.

Laut einer schönen Legende ist der letzte Partisan im Jahr 1991 aus dem Wald gekommen und gab seine veraltete und verrostete Waffe mit den Worten „Die Ukraine ist unabhängig, ich höre auf zu kämpfen“, ab. Und nur jetzt, als alle Masken fielen und wir deinen Zorn und deine Rache für unseren Euromajdan erblickten, verstanden wir, wie sehr sich jener Partisan täuschte, und dass es in Wahrheit niemals eine unabhängige Ukraine gab, wir waren nur dein Vasall.

Durch bestechliche und schwache ukrainische Regierungen hieltst du uns gespalten, voller Ängste und Konflikte. Du könntest so weitermachen, es gibt keine Regierung, die sich nicht bestechen lässt. Das Problem besteht nun darin, dass die Menschen auf dem Majdan hundert Leben bezahlten, um eine Zivilgesellschaft, die es in der Ukraine nie gab, zu schaffen. Es wird schwierig mit ihnen, das weißt du. Und auch gefährlich, weil Zivilgesellschaft eine ansteckende Krankheit ist.

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Russland, du sagst, du willst uns Dummchen retten, das ist deine Aufgabe. Bitte rette uns nicht! Lass uns untergehen! Unsere Kohlebergwerke sind nicht mehr rentabel, unsere Felder tragen keinen Weizen mehr, wir sind pleite, das letzte Geld nahm der geflohene Präsident mit. Du bekommst von uns nichts außer einer neuen Partisanenarmee.

Ich muss dir ehrlich sagen, Russland, mein Leben lang habe ich dich gehasst. Ich war eine fundamentalistische Antirussin, wobei ich deine Literatur las und deine Sprache als zweite Muttersprache spreche, Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich hasse dich nicht mehr. Ich weiß, dass es mich schwächer und dich stärker macht. Hass ist dein Futter. Schau, wie groß bist du geworden, Russland.

Russland, ich liebe dich.

Russische Intellektuelle protestieren

Mehr als sechstausend russische Intellektuelle, darunter die Schriftsteller Ljudmila Ulitzkaja, Boris Akunin, Olga Sedakowa, Sergej Gandlewski haben einen Protestbrief gegen den russischen Einmarsch in die Ukraine unterzeichnet, weil er keineswegs, wie offiziell behauptet, den Frieden schütze, sondern nur die ohnehin schwierige Lage verschlimmere. Die demagogische Berichterstattung russischer Medien erinnere an die Publikationspolitik unter Hitler und Stalin vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, heißt es in dem Schreiben, das die Parole „Für unsere und eure Freiheit“ ausgibt, womit sowjetrussische Bürgerrechtler schon gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 protestierten. Zu den Unterzeichnern gehören ferner der Komponist Dmitri Kurljandski, der Architekt Jewgeni Ass, der liberale russische Priester Jakow Krotow. Der Dichter und Publizist Lew Rubinstein richtete außerdem eine persönliche Depesche an die „ukrainischen Freunde“, worin er diese um Verzeihung dafür bittet, dass die wenigen nicht vom imperialen Giftgas verseuchten Russen die schändliche Okkupation nicht verhindern konnten. Die Rockmusiker Juri Schewtschuk, Boris Grebenschtschikow, Wjatscheslaw Butussow, Maxim Leonidow rufen in einem gemeinsamen Video die russischen und ukrainischen Brudervölker auf, sich nicht gegeneinander aufhetzen zu lassen. Nur der reaktionäre russische Schriftstellerverband sprach sich ausdrücklich für den Militäreinsatz zum „Schutz der russischsprachigen Bevölkerung“ aus. Sechzig Autoren unterschrieben eine entsprechende Resolution, unter ihnen Juri Bondarew, Valentin Rasputin, Stanislaw Kunjajew. Unterdessen wandte sich der Unternehmer Roman Romanenko aus dem nordrussischen Wologda in einem satirischen Appell an Putin, er möge doch auch nach Wologda Truppen und Geld schicken, weil auch dort die Rechte Russischsprachiger verletzt würden, etwa auf Bildung, ärztliche Versorgung und ehrliche Wahlen. Eine Gruppe aus Twer forderte postwendend das Gleiche. (kho)

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