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Protest-Ausstellungen : Raus aus den Museen!

  • -Aktualisiert am

Bereits im Museum: Der von Stuttgart21-Gegnern beklebte Bauzaun vom ehemaligen Nordflügel des Hauptbahnhofs. Bild: dpa

Viel zu früh wird der Protest von „Stuttgart 21“ und von „Occupy“ musealisiert. Unsinnig ist die Furcht der ausstellenden Häuser, einen Trend zu verpassen.

          Wir leben in einem Zeitalter übereilter Bewahrung, selbst dort, wo dies unseren politischen Bürgerstatus in Frage stellt. Die Demonstranten in Stuttgart halten vor dem Bahnhof noch die Plakate hoch, während im Haus der Geschichte der Stadt schon die erste Ausstellung über die Protestbewegung zu sehen ist. Sie zeigt den beklebten Bauzaun, der das umstrittene Feld absperrte.

          Was sagt diese beschleunigte Musealisierung über Bürger, über Gesellschaft, über Museen aus? Die Entscheidung der Museen verdankt sich einer voreiligen Einschätzung: Politische Aktion wird ausschließlich als Ausdruck eines Lebensstils, als Phänomen interpretiert, wie "Camp" oder Tom Wolfes "radical chic", nicht als Gegenbewegung.

          Während der Demonstrationen wurden Zeugnisse gesammelt

          Die Museen argumentieren als Teilhaber und nicht als Beobachter einer durchdesignten, durchinszenierten Welt, der man reine Wut nicht mehr abnimmt. Sie halluzinieren Ästhetik herbei, wo sie politische Aktion sehen müssten - zumindest bis der historische Abstand den abwägenden Blick erlaubt. Und die Bürger, die nicht demonstrieren, beteiligen sich daran: Sie wollen die Aufmerksamkeit nicht allein den anderen überlassen. Auch sie wollen symbolisch dabei sein. Und sie stehen für eine Gesellschaft, die sich für Atomkraft nur im Angesicht der Katastrophe interessiert.

          Auch in den Vereinigten Staaten sind die Museen aktiv geworden. Als die "Occupy"-Aktivisten noch nicht vertrieben waren, sammelten die Museumsleute schon ihre Zeugnisse ein, Plakate, Flyer und kleinste Zettel von den Straßen. Das "Museum of the City of New York" plant derzeit eine Schau über "Occupy". Sie wird an diesem Donnerstag eröffnet - in Frankfurt stehen die Zelte vor der Europäischen Zentralbank noch.

          Die Botschaft erreicht keine Politiker mehr

          Die Protestbewegung hat den Willen zur Veränderung nicht preisgegeben, ihre Botschaft wandert derweil in die Vitrine des White Cube. Sie erreicht nun nicht mehr die Politiker, sondern nur neugierige Museumsbesucher, doch die werden mit den Botschaften alleingelassen. Interessant wäre jetzt eine Einordnung, die uns Wissen und Werkzeuge an die Hand gibt, um die Gegenwart besser einschätzen zu können.

          Im Frankfurter Kunstverein findet zurzeit eine solche Ausstellung statt, fern großer Aufmerksamkeit. Nicht ein Plakat von "Occupy" ist hier zu sehen, sondern Zeugnisse und Kunstwerke aus der Geschichte der Demonstration, als Ausdruck unserer aktuellen Gesellschaft. Historie interessiert heute aber meist nur dann, wenn wir Kalenderereignisse, wie jetzt den Geburtstag von Friedrich dem Großen, abfeiern, ohne einen Wert für unsere politischen Konflikte durchscheinen zu lassen. Eine Gesellschaft aber ohne den Blick auf die Gegenwart durch die Brille der Geschichte wäre verloren.

          Die Gegenwart landet im Museum

          Vor vier Jahren titelten Zeitungen: "Jetzt ist sie auch im Museum gelandet." Gemeint war die Achtundsechziger-Bewegung. Aus der linken Bewegungswelt hatte das zuvor nur Joseph Fischer geschafft, dessen Turnschuhe, die er bei der Vereidigung zum hessischen Umweltminister trug, im Ledermuseum in Offenbach stehen. Fünfzig Jahre also nach der aktiven Zeit, ihrer Gegenwart, wurden die Memorabilien der Protestbewegten für die Museen interessant.

          Der zeitliche Abstand vom Ereignis zur Ausstellung ist geschrumpft. Das erinnert an die Suchmaschinenbetreiber im Internet mit ihrer Echtzeitsuche: Geschichtsschreibung im Sekundentakt. Die Vergangenheit wird uninteressant, und die Gegenwart landet im Museum. Die Zukunft wird unsere neue Gegenwart.

          Die Museen geben damit ihre Verantwortung auf, als Gedächtnis für politische Gegenwart zu fungieren. Sie interessieren sich für den sensationellen Moment - solange er noch eine Sensation ist. Und dieser Moment wird flüchtiger. Musealisierung im Akkord hilft als Gegenmaßnahme gerade nicht; sie zerstört die Kraft unserer Gegenwart immer weiter. Wir können in Wahrheit nicht einschätzen, welchen Stellenwert die neuen politischen Bürgeraktionen in der Zukunft haben werden. Sie sind ja noch aktiv.

          Die Leidtragenden der hastigen Gedenkinszenierung sind zunächst die Protestler von "Stuttgart 21" und der "Occupy"-Bewegung. Was sie anbieten wollten, waren keine Souvenirs. Es sind Leute, die loszogen, um ihren Widerstand zu äußern. Die brisante Meinungsäußerung auf einem Plakat wird bereits mit den Augen eines Designers oder Historikers gedeutet - als ästhetisch bewusst gestaltetes Produkt.

          Protest braucht Bewegung, keine Museen

          Am Stuttgarter Bauzaun interessieren jetzt plötzlich Zitate aus der "großen Kunstgeschichte": Nur wenige Meter neben Ekkehard II. wird Michelangelos Pietà entdeckt. Maria trägt die Züge Angela Merkels, in ihren Armen liegt Stefan Mappus. Die Verwandlung von Objekten im Museum haben die Kunstgeschichte und Marcel Duchamp mit seinem "Fountain" ausreichend bewiesen. Drinnen bestaunen wir also die Kunst am Bauzaun, während es draußen um existentielle soziale Wünsche geht.

          Der politische Wille der Bürger auf der Straße gehört noch nicht ins Museum. Das Museum ist ein zähmender Ort, es macht aus politischer Provokation voreilig stumme Geschichte. Protest braucht Bewegung und nicht Museen, die ihn in Vitrinen pressen und kunsthistorisch archivieren.

          Quelle: F.A.Z.

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