http://www.faz.net/-gqz-74xp1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.12.2012, 14:32 Uhr

Projekt Mittelerde Heidi und der kleine Hobbit

Madoff und Mittelerde: Bernd Greisinger war einmal ein Börsenstar. Jetzt hat er eine neue Phantasie - ein unterirdisches Hobbit-Museum in der Schweiz.

von , Jenins
© Bernd Greisinger

In der Höhle des kleinen Hobbit werden Fans dereinst leibhaftig übernachten können. Sie wird im schweizerischen Graubünden unter der Erde nachgebaut. Ihr Modell ist der Film „Der Herr der Ringe“ gebaut. Wie authentisch ihre Ausstattung erfolgt, demonstriert der Hausherr der Höhle gleich mit einer kleinen Privatvorführung im Kino, das bereits funktioniert. Das Tor aus Eiche, jedes Eisen am richtigen Platz - echt wie in Peter Jacksons Verfilmung. Sie hat Bernd Greisinger auf den Weg gebracht. Die Fantasy-Szene kennt ihn als größten Sammler von „Mittelerde“, wie Tolkien sein literarisches Universum benannt hat. Dass er auch sonst schon Schlagzeilen gemacht hat, war uns beim etwas überstürzten Besuch in Jenins nicht bekannt. Es galt, dem Start des neuen Films „Der kleine Hobbit“ zuvor zu kommen.

Jürg     Altwegg Folgen:

Vom Bahnhof Landquart aus fährt das Postauto im Schneetreiben nach Jenins. Bei der Haltestelle „Sonne“ aussteigen, hat Greisinger am Telefon erklärt. Nur wenige Minuten dauert der Fußweg zu seinem Dreifamilienhaus, das sich der Vater zweier Kinder vor ein paar Jahren in der „Bündner Herrschaft“ auf einem Grundstück von dreieinhalbtausend Quadratmetern gebaut hat. Sie ist für ihre guten Weine bekannt. Frau Greisinger führt den Besucher an einer riesigen Garage vorbei in die unterirdischen Gefilde. Hier wird er von Bernd Greisinger, 48 Jahre alt, in Empfang genommen. Dessen Vater - und Vizepräsident - weicht keine Sekunde von der Seite des Sohnes.

„Mit Geld Geld verdienen“

Die Greisingers stammen aus Mainz. „Bei der Bundeswehr“, blickt der Museumsgründer zurück, „konnte ich schon als junger Mensch die Führung von Menschen lernen.“ Der Unteroffizier spielte mit dem Gedanken, Lehrer zu werden. Doch deren Einkommen entspricht nicht seinen Vorstellungen. Noch bei der Luftwaffe hatte er „festgestellt, dass mich Finanzen interessieren, dass man mit Geld Geld verdienen kann. Und dass es funktioniert.“ Er verkaufte Versicherungen und ging dann zur Mainzer Sparkasse. Sehr schnell habe man ihn in die Anlageberatung geholt, „wo die Leute erst nach zehn oder fünfzehn Jahren hinkommen. Nur, bei der Bank verdient man auch nicht viel, und ich wollte nicht ewig warten, um Bankdirektor zu werden.“ Er machte sich selbständig.

Zu Beginn des dritten Jahrtausends wurde aus Bernd Greisinger ein Börsenstar. Als nach dem Attentat auf das World Trade Center in New York die Kurse zusammenbrachen, legten seine Fonds jedes Jahr zu. Er wurde von Nachrichtensendern wie n-tv und N24 interviewt. Im Jahr 2003 kam „die Nominierung zum Fondsmanager des Jahres“ und er wurde, wie er erzählt, von einer Zeitschrift zur nächsten gereicht. Damals erschien auch im Finanzmarkt dieser Zeitung ein Porträt des „Außenseiters aus Mainz-Hechtheim“, der „die Dachfonds-Konkurrenz düpiert“ und dessen Büro „mehr an eine Wohnung erinnert“: Luftschlangen auf dem Tisch, Karnevalsorden an der Wand. „Das Zauberwort heißt Gewinnmitnahme“, wurde Greisinger zitiert.

Fantasy und Rollenspiele

Es sind die Jahre, in denen „Der Herr der Ringe“ in die Kinos kommt. Greisinger hatte den Roman nicht gelesen, der Film fasziniert den gefeierten Börsenstar und verändert sein Leben. Ein Spielertyp war das gefeierte Wunderkind der Finanzbranche schon immer, „Karten bis Schach“, Schwerpunkt Taktik und Strategie. In den neunziger Jahren begeisterte sich der Dreißigjährige für Fantasy-Rollenspiele. Nicht nur am Tisch. Auch draußen, in der freien Natur. Ganze Wochenenden lang. „Im Wald, auf der Burg, in Jugendherbergen. Da gibt es die Spielleitung, die den Rahmen absteckt. Und irgendwelche Feinde, die es zu bezwingen gilt. Magier, Elfen, Ritter, Krieger. Mit Speer und Schild und gespielten Verletzungen, die geheilt werden können oder auch nicht.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vor der Küste Irlands Möge der Fels mit dir sein

Auf der Insel Skellig Michael im Atlantik wurde das Finale des neuesten Star Wars-Films gedreht. Das könnte alles verändern. Mehr Von Stefan Nink

18.05.2016, 11:24 Uhr | Reise
Sowjetische Arbeitslager Das Gulag-Museum in Moskau

In der russischen Hauptstadt Moskau hat ein Museum eröffnet, dass sich dem Grauen der sowjetischen Arbeitslager, der sogenannten Gulags, widmet. Die Verbrechen der Sowjet-Zeit werden im heutigen Russland nicht mehr geleugnet, doch unter Wladimir Putin werden Stalins Sieg über Nazi-Deutschland und seine Verdienste um die Industrialisierung stärker in den Vordergrund gerückt. Umso wichtiger ist das Museum, sagen Besucher. Mehr

06.05.2016, 07:50 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Respekt vor den Quellen, aber keine vor den Toten

Der Regisseur Bryan Singer hat in X-Men: Apocalypse erneut Stoffe des Comicautors Chris Claremont ins Kino gebracht, dabei aber einen Misston erzeugt, der zeigt, dass er Claremont nur eingeschränkt versteht. Mehr Von Dietmar Dath

18.05.2016, 12:27 Uhr | Feuilleton
Europas Unterwelten Der Lac Souterrain

Der Lac Souterrain unter dem Dorf Saint-Léonard in den Alpen ist der größte natürliche unterirdische See Europas. Seine Schönheit und mystische Atmosphäre ziehen jedes Jahr rund 80.000 Besucher in ihren Bann. Mehr

23.05.2016, 10:58 Uhr | Reise
Filmfestival in Cannes Goldene Palme für Sozialdrama von Ken Loach

Die Goldene Palme des Filmfestivals Cannes geht an das Sozialdrama I, Daniel Blake des Briten Ken Loach. Eine Enttäuschung erlebt die deutsche Regisseurin Maren Ade. Mehr

22.05.2016, 20:32 Uhr | Feuilleton
Glosse

Kunst am öffentlichen Rhein

Von Andreas Rossmann

Der Künstler Markus Lüpertz hat am Duisburger Rheinhafen eine Skulptur aufgestellt, und nur ein Bundeskanzler war Zeuge. Das war doch früher einmal anders. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“