http://www.faz.net/-gqz-6xoo4

Professorenbesoldung : Zulage aus Karlsruhe

Für die Hochschulpolitik ein Ort wiederholten Scheiterns: das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Bild: dpa

Professoren sollen mehr verdienen, doch wie soll man einen gerechten Verdienst bemessen? Der Einspruch des Verfassungsgerichts zeigt auch die Schieflage des Hochschulsystems.

          Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Besoldung der Professoren ist dazu geeignet, Aufregung hervorzurufen. Nicht so sehr, weil es ein Urteil ist, das zu erheblichen Anteilen von Professoren gesprochen wurde. Man mag immerhin sagen: Sie waren in der Frage, was eine angemessene Alimentation für höhere Beamte ist, gleich doppelt kompetent.

          Viel interessanter ist die Formulierung selbst: Das Alimentationsprinzip, heißt es in der Urteilsbegründung, verpflichte den Dienstherrn, den Beamten und ihren Familien lebenslang einen angemessenen Lebensunterhalt zu gewähren. Wer nicht den Staat zum Dienstherrn hat, dürfte vor Gericht wenig Chancen haben, wenn er sich als Postbotin, Kassierer oder Lkw-Fahrer auf ein analoges Prinzip berufen würde.

          Keine Formel gerechter Entlohung

          Die (ohnehin wenigen) wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zur Lohnstruktur geben entsprechend kaum etwas für Fragen der Gerechtigkeit oder der Angemessenheit her. Kein Mensch weiß, weshalb Müllfahrer weniger verdienen als Werbegraphiker oder Hebammen weniger als Journalisten und Apotheker. Selbst innerhalb des Staatsdienstes ist unklar, weshalb der Richter am Oberlandesgericht besser dasteht als der am Amtsgericht, der von den beiden sicherlich die Knochenarbeit zu tun hat. Mitunter hat man den Eindruck, manche Karrieresprünge würden nicht nur mit mehr Geld, sondern auch mit weniger Arbeit entlohnt. Der Bundespräsident verdient mehr als der Ministerpräsident von Niedersachsen. Dass der Stress mit zunehmendem Aufstieg sinkt, ist seit den Studien des englischen Mediziners Michael Marmot ein epidemiologisch gesicherter Befund. Die „Managerkrankheit“ ist eine Erfindung von Managern.

          Aus all dem wird sich jedenfalls kaum eine schöne Formel gerechter Entlohnung gewinnen lassen, in der Arbeitsleid und Arbeitsfreude, „Humankapital“ und Knappheit der Talente berücksichtigt und gegeneinander verrechnet wären. Das gilt auch für die vom Gericht angeführten Begründungen: die lange Ausbildungszeit der Professoren, ihre Verantwortung und ihre Beanspruchung. Lassen wir die Verantwortung schnell beiseite. Weshalb sollte die der Grundschullehrerin geringer sein als die des Lehrstuhlinhabers?

          Die Karierre: Verlogen und sinnwidrig

          Die lange Ausbildungszeit wiederum ist einerseits in vielen Fächern dysfunktional, weil die Leute noch mit vierzig zum „Nachwuchs“ deklariert werden und sich auf Assistentenstellen „qualifizieren“, obwohl sie dort längst mehr an Forschung leisten als ihre Vorgesetzten. Sie ist andererseits eine honorierte Zeit, und der Skandal liegt wohl eher darin, wie viele Forscher auf „halben Stellen“ älter werden. Das ganze System der universitären Karriere ist verlogen und sinnwidrig, gerade weil es auf die späte, große Entfristung zuläuft, anstatt Dauerstellen unterhalb des Professorentitels zu schaffen.

          Und die Beanspruchung? Tatsächlich liegen die Hauptquellen für berufliche Belastungen des Professors längst nicht mehr in Forschung oder Lehre. Was sie zermürbt und im Karlsruher Fall 3890 Euro Grundgehalt für einen Chemiker unangemessen macht, ist der Tanz um die Drittmittel, der entsprechende Publikationsdruck, sind die Netzwerkereien und endlose Sitzungen in Reformprojekten (Bologna, Exzellenz, EU-Rahmenprogramm, Evaluation, Akkreditierung und so weiter). Die Schnapsidee einer „Leistungsentlohnung“ aufgrund von Zielvereinbarungen, die dann für 100000 Euro Drittmittel einen Monatszuschlag von 100 Euro brutto bewirken, gehört mit zu diesen Strukturen, die das Professorendasein heute unattraktiv machen. Und hierin liegt das eigentliche Signal der Bundesrichter: In der unausgesprochenen Frage an die Hochschulpolitik, wen die Universitäten denn noch bekommen, wenn sie zu all dem Unfug, der mit ihnen und in ihnen angestellt wird, auch noch schlecht zahlen?

          Die deutsche Hochschulpolitik ist jetzt - nach den Urteilen über die Juniorprofessur und zum Verbot von Studiengebühren - schon zum dritten Mal in Karlsruhe gescheitert. Bulmahn, Schavan, Kühne-Hörmann und so fort, SPD oder CDU - es macht in puncto Gedankenlosigkeit gar keinen Unterschied, wer gerade wo am Ruder ist. Man hält die Bildung und die Wissenschaft hoch - „einzige Ressource“, „Standort“ - und überzieht das entsprechende System mit einem Unsinn nach dem anderen. Dass die Professorenschaft das alles mit sich hat machen lassen und nur bei der Besoldung den Aufstand wagte, ist, was die Besoldung angeht, verständlich und ihr gutes Recht. Was den Rest angeht, ist es schmählich. Wie war das oben noch gleich mit der Verantwortung?

          Weitere Themen

          Da knistert nichts mehr

          „Herr und Frau Bulle“ im ZDF : Da knistert nichts mehr

          Hart und zart ermitteln in Berlin: In der ZDF-Krimiserie „Herr und Frau Bulle“ räumt ein ungleiches Ermittler-Paar in einer eindimensionalen Hauptstadt und einer ebensolchen Ehe auf. Doch der Reiz hält sich in Grenzen.

          Medeas Werwölfe

          Händels „Teseo“ in Wien : Medeas Werwölfe

          René Jacobs hat das Quellenmaterial zu Georg Friedrich Händels „Teseo“ gründlich ausgewertet und mit eigenen Kompositionen die Urfassung der Oper wiederhergestellt. Sein Dirigat präsentiert erregende Ergebnisse: eine echte Neuentdeckung im Theater an der Wien.

          Topmeldungen

          Hohe Spritpreise : Benzindiebe gehen um in Deutschland

          Die hohen Benzinpreise sind nicht nur an der Tankstelle ärgerlich – es wird auch lukrativer, Sprit zu klauen. Die Polizei warnt inzwischen vor Benzindiebstählen in ungekanntem Ausmaß. Bei den Ermittlungen sind die Beamten meist machtlos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.