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Produktpiraterie : Mit Adodas zu Bucksstar Coffee

Bei der Namensgebung für kopierte Markenprodukte sind die Fälscher sehr kreativ Bild:

Die Wirtschaft ist nicht das Schicksal, sondern das Machsal: In China wird über das Kopieren und die Markenpiraterie als Ausdruck nationaler Mentalität und Instrument der Demokratisierung diskutiert. Wird sich diese Vorstellung von Innovation durchsetzen?

          Im vergangenen Jahr ist in China ein historischer Begriff zu einem allgegenwärtigen Codewort der aktuellen Kultur avanciert: „Shanzhai“. Schon in seiner ursprünglichen Bedeutung war dieses Wort ambivalent. Die Bergfestungen, die es bezeichnet, schützten im Mittelalter lokale Machthaber vor Rebellen, und zugleich waren jene Festungen ein Symbol der Unabhängigkeit dieser Lokalmatadore von der Zentralherrschaft und deren offiziellen Kanälen. Dieser Begriff bezeichnet inzwischen etwas, das für viele Westler China, seine Mentalität und seine Kultur als Ganzes charakterisiert: das Kopieren. Nur hat der Vorgang in der neuen Semantik alles Pejorative oder Defensive abgestreift. Er ist zum Inbegriff chinesischen Selbstbewusstseins geworden, gegenüber dem Westen ebenso wie gegenüber den politischen und kulturellen Eliten im eigenen Land. „Shanzhai“, sagen seine Verfechter, „ist die Intelligenz des Volkes.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zuerst wurde das Wort für die florierende Mobilfunk-Industrie in Südchina gebraucht, die die neueste Technik großer Marken für eigene, auf ihre Klientel eigens zugeschnittene Produkte übernimmt, noch bevor die Markenmodelle selbst wegen der zeitraubenden Lizenzierungstests auch nur auf den Markt kommen können.

          „Shanzhai-Handys“ sind daher oft viel aktueller, schicker, bunter, mithin „angesagter“, vor allem aber sehr viel billiger als ihre finnischen, schwedischen, italienischen oder japanischen Vorbilder. Dafür nehmen die Kunden die ganz offenkundigen Nachteile in Kauf: die schlechtere Verarbeitung und den fehlenden Kundendienst. 2007 sollen einhundertfünfzig Millionen solcher Shanzhai-Handys in China verkauft worden sein, das ist ein Drittel des gesamten Inlandsmarkts.

          Gleiches Aussehen, andere Qualität - die Käufer werden betrogen
          Gleiches Aussehen, andere Qualität - die Käufer werden betrogen :

          Kopierte Geräte mit chinesischem Dreh

          Die Industrie bekam 2006 ihren entscheidenden Schub, als ein taiwanisches Halbleiterunternehmen eine Technik entwickelte, die alle Funktionen auf einem einzigen Chip sammelt und dadurch das Kopistengeschäft erheblich vereinfachte. Die kreative Energie kann sich seither ganz auf die Ausstattung konzentrieren, deren Einfallsreichtum dem der Originale häufig überlegen ist.

          So gibt es Fotohandys, die über eine eigene Linse verfügen, und bei anderen ist praktischerweise gleich eine Apparatur zur Überprüfung der Echtheit von Geldscheinen integriert. Die Geräte sind dadurch als etwas zugleich Abgeleitetes und Eigenes erkennbar; sie kopieren die Technik anderer, variieren aber deren Markenimage.

          Darin besteht der Kern der Sammelmarke Shanzhai. Es entstand eine eigene Seite im Internet - shanzhaiji.cn -, die Verbrauchertests der neu erscheinenden Modelle vorstellt. Dem Betreiber der Seite werden die neuen Modelle an einem vorher vereinbarten Ort vertraulich übergeben, Fabriken bekommt er niemals zu Gesicht. Das kennzeichnet den halb öffentlichen, halb klandestinen Charakter dieser Industrie.

          Auch der Rahmen, innerhalb dessen sie existiert, sieht mit seinen modischen Vorlieben und Warentests dem Rahmen der primären Industrie ähnlich und bleibt doch zugleich der Schattenwirtschaft verhaftet.

          Wo bleibt die Kreativität?

          Seit letztem Jahr wird nun diese Beschreibung eines ökonomischen Kalküls umgedeutet zu einem ironischen Manifest, zu einer Kulturleistung ganz eigener Art. Auf Websites wie shanzhaiba.com oder shanzhaila.cn werden Beispiele dafür gesammelt, mit welcher Nonchalance etablierte Markennamen und -logos in ganz China - am wenigsten vielleicht im umfassender kontrollierten Peking - abgewandelt werden: Manche Straßen sind voll von Haagen-Bozs, Bucksstar Coffee, I-Eleven und Pizzah Huh; aus Sony wird Sqny, Puma mutiert zu Punk, und Adidas kann man wahlweise als Adidos oder Adadas bekommen. Niemand würde solche Abwandlungen mit den Originalen verwechseln, doch die Bezugnahme schafft einen Rahmen, der zugleich spielerisch überschritten wird.

          Es bedarf nur eines kleinen Schritts, um in diesem Verfahren ein Merkmal von „Made in China“ überhaupt zu erkennen, einen Grundzug im Verhältnis der aufsteigenden Industrienation zu ihren westlichen und japanischen Vorbildern.

          Kleider, Computer, Kunst, Autos, Filme, Pop-Musik: alles wird übernommen, dann aber im chinesischen Kontext mit einer kleinen Drehung versehen. Im Westen bedenkt man ein solches Vorgehen, ganz abgesehen von der Urheberrechtsfrage, mit Geringschätzung und tadelt die mangelnde kreative Eigenleistung.

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