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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Produktpiraterie Mit Adodas zu Bucksstar Coffee

 ·  Die Wirtschaft ist nicht das Schicksal, sondern das Machsal: In China wird über das Kopieren und die Markenpiraterie als Ausdruck nationaler Mentalität und Instrument der Demokratisierung diskutiert. Wird sich diese Vorstellung von Innovation durchsetzen?

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Im vergangenen Jahr ist in China ein historischer Begriff zu einem allgegenwärtigen Codewort der aktuellen Kultur avanciert: „Shanzhai“. Schon in seiner ursprünglichen Bedeutung war dieses Wort ambivalent. Die Bergfestungen, die es bezeichnet, schützten im Mittelalter lokale Machthaber vor Rebellen, und zugleich waren jene Festungen ein Symbol der Unabhängigkeit dieser Lokalmatadore von der Zentralherrschaft und deren offiziellen Kanälen. Dieser Begriff bezeichnet inzwischen etwas, das für viele Westler China, seine Mentalität und seine Kultur als Ganzes charakterisiert: das Kopieren. Nur hat der Vorgang in der neuen Semantik alles Pejorative oder Defensive abgestreift. Er ist zum Inbegriff chinesischen Selbstbewusstseins geworden, gegenüber dem Westen ebenso wie gegenüber den politischen und kulturellen Eliten im eigenen Land. „Shanzhai“, sagen seine Verfechter, „ist die Intelligenz des Volkes.“

Zuerst wurde das Wort für die florierende Mobilfunk-Industrie in Südchina gebraucht, die die neueste Technik großer Marken für eigene, auf ihre Klientel eigens zugeschnittene Produkte übernimmt, noch bevor die Markenmodelle selbst wegen der zeitraubenden Lizenzierungstests auch nur auf den Markt kommen können.

„Shanzhai-Handys“ sind daher oft viel aktueller, schicker, bunter, mithin „angesagter“, vor allem aber sehr viel billiger als ihre finnischen, schwedischen, italienischen oder japanischen Vorbilder. Dafür nehmen die Kunden die ganz offenkundigen Nachteile in Kauf: die schlechtere Verarbeitung und den fehlenden Kundendienst. 2007 sollen einhundertfünfzig Millionen solcher Shanzhai-Handys in China verkauft worden sein, das ist ein Drittel des gesamten Inlandsmarkts.

Kopierte Geräte mit chinesischem Dreh

Die Industrie bekam 2006 ihren entscheidenden Schub, als ein taiwanisches Halbleiterunternehmen eine Technik entwickelte, die alle Funktionen auf einem einzigen Chip sammelt und dadurch das Kopistengeschäft erheblich vereinfachte. Die kreative Energie kann sich seither ganz auf die Ausstattung konzentrieren, deren Einfallsreichtum dem der Originale häufig überlegen ist.

So gibt es Fotohandys, die über eine eigene Linse verfügen, und bei anderen ist praktischerweise gleich eine Apparatur zur Überprüfung der Echtheit von Geldscheinen integriert. Die Geräte sind dadurch als etwas zugleich Abgeleitetes und Eigenes erkennbar; sie kopieren die Technik anderer, variieren aber deren Markenimage.

Darin besteht der Kern der Sammelmarke Shanzhai. Es entstand eine eigene Seite im Internet - shanzhaiji.cn -, die Verbrauchertests der neu erscheinenden Modelle vorstellt. Dem Betreiber der Seite werden die neuen Modelle an einem vorher vereinbarten Ort vertraulich übergeben, Fabriken bekommt er niemals zu Gesicht. Das kennzeichnet den halb öffentlichen, halb klandestinen Charakter dieser Industrie.

Auch der Rahmen, innerhalb dessen sie existiert, sieht mit seinen modischen Vorlieben und Warentests dem Rahmen der primären Industrie ähnlich und bleibt doch zugleich der Schattenwirtschaft verhaftet.

Wo bleibt die Kreativität?

Seit letztem Jahr wird nun diese Beschreibung eines ökonomischen Kalküls umgedeutet zu einem ironischen Manifest, zu einer Kulturleistung ganz eigener Art. Auf Websites wie shanzhaiba.com oder shanzhaila.cn werden Beispiele dafür gesammelt, mit welcher Nonchalance etablierte Markennamen und -logos in ganz China - am wenigsten vielleicht im umfassender kontrollierten Peking - abgewandelt werden: Manche Straßen sind voll von Haagen-Bozs, Bucksstar Coffee, I-Eleven und Pizzah Huh; aus Sony wird Sqny, Puma mutiert zu Punk, und Adidas kann man wahlweise als Adidos oder Adadas bekommen. Niemand würde solche Abwandlungen mit den Originalen verwechseln, doch die Bezugnahme schafft einen Rahmen, der zugleich spielerisch überschritten wird.

Es bedarf nur eines kleinen Schritts, um in diesem Verfahren ein Merkmal von „Made in China“ überhaupt zu erkennen, einen Grundzug im Verhältnis der aufsteigenden Industrienation zu ihren westlichen und japanischen Vorbildern.

Kleider, Computer, Kunst, Autos, Filme, Pop-Musik: alles wird übernommen, dann aber im chinesischen Kontext mit einer kleinen Drehung versehen. Im Westen bedenkt man ein solches Vorgehen, ganz abgesehen von der Urheberrechtsfrage, mit Geringschätzung und tadelt die mangelnde kreative Eigenleistung.

Die Kopie der eigenen Produkte

Aus chinesischer Perspektive aber sieht das ganz anders aus, erst recht, seitdem Shanzhai in letzter Zeit zunehmend inländische Kulturprodukte erfasst, gerade auch solche, die ihrerseits schon Nachahmungen sind, eine Art Shanzhai zweiten Grades also.

Es gibt mittlerweile Shanzhai-Versionen aller möglicher Sendungen des Staatsfernsehens, von den Abendnachrichten über die historische Reihe „Hörsaal“ bis zu der Verfilmung des Romans „Traum der roten Kammer“. Sogar die traditionelle Galashow zum Frühlingsfest bei CCTV 1 bekommt dieses Jahr Konkurrenz im Internet; anstatt der von höchsten politischen Stellen ausgewählten Repräsentanten des Volkes werden dort ganz inoffizielle einfache Leute ihre Sketche und Lieder präsentieren.

So sprechen chinesische Kommentatoren inzwischen von einer Kreativität von unten, die ein eingeführtes, etabliertes Format nimmt und mit bescheidenen Mitteln etwas Eigenes daraus macht. „Als ich diese Bilder (von Shanzhai-Produkten) sah“, schreibt jemand in einem Internetforum, „merkte ich, dass es Hoffnung gibt für unsere Nation. Die Kreativität des chinesischen Volks ist grenzenlos!“

Das Volk bekommt eine Stimme

Das Blog Xianfengyibo hält Shanzhai gar für eine „historische Notwendigkeit“. Noch nie sei eine Gesellschaft derart von Widersprüchen geprägt gewesen wie die chinesische zur Zeit: zugleich lebendig und von oben gelenkt, in hohem Maß ausdifferenziert und zentralisiert, kulturell restaurativ und begierig nach allem, was von außen kommt. Shanzhai sei inmitten solcher Widersprüche eine Form des Selbstausdrucks.

Die dabei betriebene Zersetzung der bestehenden Ordnung sei der Vorschein einer künftigen demokratischen und gleichberechtigten Ordnung. Shanzhai markiere eine Kippfigur, aus der sich sowohl eine Auflösung der bisherigen Gegensätze als auch deren Verschärfung ergeben könne.

Das Blog Fengxiuhong hält Shanzhai euphorisch für ein Fanal der Partizipation. Bis jetzt sei die chinesische Kultur immer nur von den Eliten besetzt gewesen, die gemeinsame Sache mit den Herrschenden machen; wer damit nicht einverstanden war, wurde als unmoralisch angesehen. Durch Shanzhai könne jetzt endlich das Volk machtvoll seine Stimme erheben, und die Eliten müssten dabei zusehen, wie sie ihre Privilegien verlieren.

Die Kopien könnten zu Originalen mutieren

Freilich gibt es auch skeptische Stimmen. „In letzter Zeit gibt es eine Tendenz im öffentlichen Diskurs, etwas zu rationalisieren, zu rechtfertigen und sogar zu glorifizieren, was schlicht eine Verletzung von geistigen Eigentumsrechten ist“, heißt es streng in der Staatszeitung „China Daily“, die allerdings mehr auf ein ausländisches Publikum zielt.

Die innerhalb des Landes am meisten geübte Kritik wird ökonomisch vorgetragen: Wenn diese Kultur sich durchsetzen würde, geriete die Ordnung des Marktes durcheinander, und Innovation würde, da nicht in ihren Rechten geschützt, entmutigt. Es gehe da nicht um Ironie, sondern schlicht um Interessen.

Freilich gibt es auch da Gegenstimmen: Im Prozess des Kopierens erwerbe man die Fähigkeit, später auch eigene Produkte herzustellen. Die Kopien würden immer besser, bis sie am Weltmarkt zu neuen Originalen mutieren können. China gehe da den gleichen Weg wie vorher Japan und Südkorea, nur in viel größerem Maßstab.

Eine Frage der Vorstellung von Innovation

Auffallend ist, dass auch die kritischen Stimmen rein wirtschaftlich und pragmatisch argumentieren. Das langfristige Ziel „Innovation“ wird dabei von allen geteilt. Doch es fehlt der Fluchtpunkt, der dem Fälschungsvorwurf im Westen seine Schärfe gibt: die Herleitung der Kultur aus dem originell schöpferischen Individuum und, damit verwoben, der Wert der Authentizität. Shanzhai ist die nicht-authentische Kultur schlechthin, eine Kultur des Variierens, Kombinierens, Spielens.

In der Praxis unterscheidet sich die westliche Kultur oft gar nicht so sehr davon, erst recht nicht bei neuen Formen wie denen des Sampelns. Aber der theoretische Bezugsrahmen ist doch offensichtlich ein anderer. So ließe sich Shanzhai auch als Chiffre des Verhältnisses Chinas zum Westen lesen, als offene Frage, welche Vorstellung von Innovation am Ende die Oberhand behalten wird. Oder ob beide - China in seinem Willen zu lernen und der Westen in seiner Lust am Neuen - schließlich ihre Zeichen tauschen werden.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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