Martin Amis hat nichts gegen Engländer! Er ist ja selbst einer. Und er ist in bester Gesellschaft. England ist „das Land von Dickens, George Eliot, Blake, Milton und, ja, William Shakespeare“. O ja, William Shakespeare! Das sollen sie gefälligst zur Kenntnis nehmen, die Nörgler und Banausen. So viel Ignoranz, gepaart mit Selbstgefälligkeit, das gibt’s nirgendwo sonst auf der Welt, da zeigt sich nach ein paar tausend Jahren Inzucht die Degeneration des Inselbewohners. Nein, dass er, Martin Amis, ja, Martin Amis, mit England nichts mehr zu tun haben wolle, das konnten nur Engländer sich ausdenken. So schreibt es Amis in der „New Republic“, dem Intelligenzblatt aus Washington.
Opfer einer globalen englischen Verschwörung
Die Redaktion hat den Artikel mit der Überschrift „He’s leaving home“ versehen und auf der Titelseite angekündigt. „Martin Amis: Warum ich England verlassen habe“. Mit England, dem Land von Thackeray, Jane Austen, Shelley, Tolkien und, ja, William Shakespeare oder vielleicht auch Christopher Marlowe, hat das jedenfalls nichts zu tun. Dass Amis und seine Frau vor zwei Jahren nach Brooklyn gezogen sind, das hatte ausschließlich persönliche Gründe. Dabei wird den englischen Schriftstellern in England das Leben tatsächlich zur Hölle gemacht. Buchvorstellung! Lesereise! Interviews! Fototermine! Porträtartikel! Fernsehauftritte! Autorengespräche! Signierstunden! Und immer wieder Lesungen, Lesungen, Lesungen, in Hay-on-Wye, in Toledo, in Mantua, in Dubai!
Hier möchte man die Suada unterbrechen und die Frage einwerfen, warum die Dichterfolter in Dubai (Alkoholverbot! Hostessen mit Kopftuch!) aufs Schuldkonto der Engländer geht. Hat T. E. Lawrence dort ein Festival in den Sand gesetzt oder Christopher Hitchens? Egal, es werden schon die Schmierfinken aus der Fleet Street ihre Schmutzfinger im Spiel haben, mit denen sie so gern selbst Romane schreiben würden, was sie aber nicht hinbekommen. Sagt Amis, der so gern selbst Kritiken schreiben würde und es trotzdem tut. Er hat England verlassen, aber England hat ihn nicht verlassen.
Zwischen den jungen Müttern in den Cafés von Cobble Hill tönt und dröhnt der Pub-Langweiler vor sich hin. Wie schrieb doch ungefähr ein Dichterfreund von Wordsworth, Ted Hughes, Elton John und, ja, dem siebzehnten Earl of Oxford: Da ist eine Ecke in einer fremden Stadt, die ist für immer England. „Lionel Asbo: State of England“ heißt der neue Roman von Martin Amis. Der Autor liest am Montag im Brooklyn Bridge Park.
There always be an England...!
Egon Weissmann (EgonOne)
- 11.08.2012, 04:21 Uhr