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Aktualisiert: 24.08.2014, 09:07 Uhr

Pro und Contra Sind Eiswürfel noch zeitgemäß?

Für einen guten Zweck schüttet jetzt alle Welt Gefrierwasserkübel über sich aus.

© picture alliance / Foodcollection

Während sie als überzeitliche Metapher durchaus ihren Reiz haben, sind Eiswürfel im Hausgebrauch nicht gerade ungefährlich.

Mehr zum Thema

Pro

Vergebliche Form

Von Julia Encke

Es gibt im Roman „Ljod. Das Eis“ des phantastischen und pessimistischen russischen Schriftstellers Wladimir Sorokin diese Eiswürfel-Szene: Ein kleiner Junge ist allein zu Hause. Er stöbert in der Wohnung herum, sucht etwas zum Spielen, sieht einen blauen Karton, auf dem in großen Buchstaben „LJOD“ steht. Im Karton befindet sich ein Koffer. Der Junge drückt auf den Verschluss. Der Koffer geht auf. Drinnen liegt ein einzelner Eiswürfel. Ein Kühlschrank also.

Der Junge nimmt den Eiswürfel heraus. „Kalt.“ Er leckt daran. „Gar nicht süß.“ Er beginnt, damit zu spielen. Auf dem Holzregal stehen kleine Plastikfiguren: Superman, X-Men und Transformer. Der Junge stellt das Eis zwischen sie: „He, ihr coolen Männer, hier bin ich, das Eis!“ Er greift nach Transformer, der seine Laserlanze in der Hand hält, drückt die Lanzenspitze gegen das Eis. „Eis, he, Eis, wer bist du?“ – „Ich bin kalt!“ – „Was willst du von uns, du kaltes Eis?“, fragt er mit X-Men-Stimme und antwortet mit der des Eises: „Habt Mitleid mit mir, mir ist kalt!“ Daraufhin hilft der Junge dem Eiswürfel, auf den Rücken seines Plüschsauriers zu klettern. Gemeinsam krabbeln sie zum Bett. Der Junge hilft dem Dino, den Bettpfosten hinaufzuklettern. Er legt ihn auf sein Kissen. Daneben bettet er den Eiswürfel, deckt beide zu: „Hier wird dir warm, Eis.“ Das Eis guckt unter der Decke hervor. In seiner nassen Oberfläche blinkt das Sonnenlicht.

Wladimir Sorokin ist Romantiker. Er weiß, dass alles Sehnen vergeblich ist. Ein Plüschdino, der einen Eiswürfel wärmt: Das ist bei ihm von der Utopie der Liebe geblieben. Aber gibt es eine überzeitlichere Metapher für die Vergeblichkeit als die zum Block geronnene Kälte, die im Sonnenlicht sich verflüssigt und als Wasser unfassbar wird?

Contra

Beknackter Guss

Von Antonia Baum

Wenn Sie meine offene Meinung zum Thema Eiswürfel wissen wollen: In einem Glas mit Wodka und Ginger Ale und ein bisschen Gurke kann man sich in Eiswürfel (besonders ihr Knacken beim Eingießen) verlieben. Man guckt runter in das Glas, in diese kleine Welt aus Eis und goldener Flüssigkeit, und denkt, man würde es insgesamt irgendwie schaffen.

Andererseits: Wurde Ihnen schon mal ein Eiswürfel mit richtig Speed an den Kopf beziehungsweise das Nasenbein geworfen? Mir gerade kürzlich passiert, und das hatte nichts mit einer Challenge zu tun. Mein Hund Bruno kam nach Hause, und ich hatte ihn vorher gebeten, mir von unterwegs einen Gemüsesaft mitzubringen. Er besorgte ihn in der gentrifizierten Innenstadt, wo er vor vielen Jahren geboren wurde, und wie immer wollte er zu unserem Lieblings-Deli gehen, der aber, wie ich später rekonstruierte, von einer Franchise-Kette übernommen worden war, die zwar auch Gemüsesaft verkauft, allerdings für viel mehr Geld.

Mein Hund musste für den Gemüsesaft mit Eiswürfeln und einen Pappbecher beinahe dreißig Euro bezahlen. Das empfand er als Demütigung, und als ihn die Studentin hinter der Kasse dann auch noch aufforderte, es sich „schmecken zu lassen“, wie er fassungslos wiederholte, als wir einander in der Küche gegenüberstanden, da, sagte er, habe er rot gesehen. Ich wollte ihn trösten und ging auf ihn zu, aber es war schon zu spät. Er nahm den Gemüsesaft-Becher und schmiss ihn von sich weg, wobei ein Eiswürfel mein Nasenbein traf, das sofort losblutete. Ich wollte Bruno verklagen, Bruno wollte das Franchise-Unternehmen verklagen, und wir reden seither kein Wort mehr miteinander. Nun meine Frage: Wer ist schuld? Der Eiswürfel? Oder ist das ein globales Problem?

Glosse

Wenn die brave Hipness gekapert wird

Von Mark Siemons

In Berlin Neukölln hat jetzt die von zwei in Israel geborenen Nerds gegründete Buchhandlung „Topics“ geschlossen. Das Antifa-Mobbing, dem sie ausgesetzt war, ist nur die Spitze eines Eisbergs. Mehr 7

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