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Veröffentlicht: 31.03.2013, 11:44 Uhr

Pro und Contra Ist dieser endlose Winter immer noch zeitgemäß?

Wo sind die Osterglocken, die ihr uns versprochen habt? Warum torpediert Schnee die Eiersuche? Letzten Endes könnte diese Kälte um uns herum nicht nur etwas mit dem Wetter zu tun haben, sondern auch mit uns.

© dpa Und sie blühen trotzdem: Osterglocken im Schnee in Düsseldorf

Der eine spricht vom Frühling, der andere vom Frost: Wer über den endlosen Winter nachdenkt, landet unweigerlich bei Thomas Mann und Franz Kafka.

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Pro

Wer liest, friert nicht

Von Peter Körte

Es ist hier nicht der Ort, zu erklären, warum wir, scheinbar völlig widersinnig, ausgerechnet im Zeichen der vielbeschworenen Erderwärmung Ende März noch frieren, warum es ganz folgerichtig ist, dass Ostern nicht 30 Grad im Schatten herrschen, sondern Schnee auf unsere Häupter rieselt und die Eiersuche torpediert.

Sie können, wenn Sie es unbedingt genau wissen wollen, die Suchmaschine Ihres Vertrauens fragen, das habe ich auch gemacht. Aber es ist ja auch längst bekannt, dass wir dadurch zwar, abstrakt gesehen, klüger werden, wenn wir wissen, worin die Klimakatastrophe besteht, dass es aber gar nichts an der Kälte ändert, die sich so hartnäckig hält und uns in die Knochen kriecht.

Dieser schöne, berühmte Satz

An der wissenschaftlichen Erklärung kann sich niemand erwärmen, und die Heizkosten senkt sie auch nicht. Vielleicht hilft es stattdessen, wenn man eben nicht nur den Wintermantel anbehält, auf festes Schuhwerk achtet und auf glatte Bürgersteige gefasst ist, sondern wenn man die Kälte einfach mal als Metapher nimmt - und glauben Sie jetzt bitte nicht, hier ginge es jetzt um die sogenannte soziale Kälte, deren Zunahme anzuprangern an hohen Feiertagen wie Ostern eine sehr beliebte rhetorische Übung für viele politische wie religiöse Prediger ist.

Wer darüber reden möchte, sollte sich nicht dieser diffusen, menschelnden Metaphorik bedienen, sondern gleich von Eigentumsverhältnissen, von gesellschaftlicher Ungleichheit und anderen Phänomenen des Sozialen sprechen. Kälte als Metapher, das hat natürlich etwas mit Literatur zu tun, das lässt sofort an Franz Kafkas schönen, berühmten Satz denken: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Wer jetzt das richtige Buch zur Hand hat, der friert auch nicht.

Contra

Wer brennt, friert doch

Von Claudius Seidl

Während die Erde sich erwärmt hat in den vergangenen Jahrzehnten, haben die Menschen sich abgekühlt, die Bewohner der westlichen Welt jedenfalls, und wer das für eine Entwicklung zum Schlechten hin hält, kann ja gerne in eines der Länder auswandern, in denen die sozialen Verhältnisse noch hitzig sind, der Siedepunkt der Gefühle nur knapp über der Zimmertemperatur liegt und die Menschen so eng aufeinanderhocken, dass dauernd Reibungswärme entsteht, nach Indien vielleicht, nach Arabien oder Südamerika, wo die Herzen so heiß sind, dass die Menschen dauernd explodieren müssen.

Wir hier im Westen haben größere Wohnungen und mehr Distanz, das mindert die Reibung und lässt uns cooler werden, worüber wir uns freuen sollten. Es denkt sich besser, wenn der Kopf nicht dauernd glüht, es lebt sich besser, wenn das Feuer nur im Kamin lodert und die Emotionen nicht täglich überkochen. Aber hat irgendwer von uns gesagt, dass er wie ein Eisbär leben will?

Wo Frühling ist

So ein kühler Kopf ist doch erst dann etwas wert, wenn er einem warmen Sommer quasi abgerungen wird. Und als Bewohner der sogenannten gemäßigten Klimazone haben wir das verbriefte Recht auf vier Jahreszeiten, von denen eine, manche sagen: die schönste, der Frühling ist. Gut, wenn der Sommer sich bis in den Oktober zieht und der Winter bloß ein milder Herbst ist: das kann vorkommen, man nennt es Klimawandel.

Aber wer uns das Menschenrecht auf den Frühling nimmt, der entzieht der deutschen Kultur die Grundlagen. „Wo Frühling ist, ist die deutsche Kultur“, soll Thomas Mann im ewigen kalifornischen Sommer gesagt haben. Und war es nicht Rainer Brüderle, der sagte, man könne ihm alles nehmen. Nur den Frühling nicht?

Quelle: F.A.S.

 

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