Geschichte wiederholt sich. Es gab schon einmal einen Vorstandschef bei Pro Sieben Sat.1, einen Herrn der Zahlen, der irgendwann so viel Spaß am Programm gefunden hatte, dass er dachte, er könne es am besten selbst. Heute steht er beim Konkurrenten RTL an der Spitze - der europäischen Sendergruppe -, weit weg vom Programm. Und es gibt einen Vorstandschef von Pro Sieben Sat.1, der im Amt ist, aus einer ganz anderen Branche kam, es seinem Vorgänger in diesem Punkt aber gleichtut. Dafür muss er den gelernten Programmchef jedoch in die Wüste schicken.
Guillaume de Posch heißt der Erstgenannte, er führte Pro Sieben Sat.1 von 2004 bis 2008, der andere heißt Thomas Ebeling und steht seit März 2009 an der Spitze der Fernsehgruppe. De Posch war es einst aufgegeben, den rigiden Sparkurs der neuen Eigentümer, der Finanzinvestoren KKR und Permira, zu exekutieren. 2007 warf er Nachrichtensendungen über Bord, dass man dachte, es gebe dort bald keine mehr, schickte an die zweihundert Mitarbeiter nach Hause. Später wurde Sat.1 von Berlin nach München umgezogen. Von der ohnehin auf rund zweihundert Köpfe abgeschmolzenen Truppe blieb kaum einer an Bord, heute ist der Sender eine Marke, für die direkt nur rund drei Dutzend wirken. Gespart wurde auch am Programm, was man heute an der Wiederholungsquote ablesen kann.
Wie man so Marktanteile gewinnen soll, muss einem erst einmal jemand erklären. Auf knapp unter zehn Prozent bei den jüngeren Zuschauern ist Sat.1 gerade gerutscht. Und das soll nun dem Mann zum Nachteil gereichen, der sich hinter all die schlechten Nachrichten stellen musste: Andreas Bartl, der im Vorstand für das Fernsehen und für die Holding der deutschen Sender von Pro Sieben Sat.1 verantwortlich ist. Bartl verlasse Pro Sieben Sat.1 zum 1. März und mache sich selbständig. Er gehe „auf eigenen Wunsch“, teilte der Konzern am Donnerstag mit.
Ein Beschluss des Aufsichtsrats war dafür vonnöten. Bartls Posten im Vorstand wird der Chef selbst übernehmen, kommissarisch. Doch vielleicht übernimmt Thomas Ebeling ja auch für länger. Der Pro Sieben-Geschäftsführer Jürgen Hörner übernimmt an Bartls Stelle die Führung der deutschen Sender.
Jetzt krachen die Gewinne
Aus der Pharmabranche ist Ebeling zu Pro Sieben Sat.1 gewechselt und musste sich zuerst anhören, dass er ja gar keine Ahnung habe. Die Skeptiker wusste er aber zu überzeugen, er hat sich ins Programm gefuchst, er hat einen Heidenspaß am Unterhaltungsbetrieb gefunden, der unzweifelhaft für mehr Spannung und Abwechslung sorgen dürfte als das Pillen-Geschäft. Man bannt Millionen Menschen vor den Bildschirm, erobert im Internet neue Märkte, schlägt sich mit Medienpolitikern herum, mit Aufsichtsbürokraten und mit den gebührenfinanzierten Konkurrenten von den Öffentlich-Rechtlichen. Das geht über zwölf Runden und mehr und ist ganz nach dem Geschmack des mit der Ausdauer eines Triathleten gesegneten Hobbyboxers, der, wenn andere frühstücken, im Fitnessstudio den Sandsack bearbeitet.
Mit sportlicher Hingabe hat er sich auch all die Disziplinen draufgeschafft, die man beherrschen muss, wenn man im eigenen Haus und in der Branche respektiert werden will. Mit dem größten Respekt dürften ihm die Eigentümer, besagte Finanzinvestoren, begegnen, denn das ehemalige Pleitehaus Pro Sieben Sat.1, auferstanden aus den Ruinen des Kirch- Imperiums, zwischendurch für schlappe 525 Millionen Euro an den Amerikaner Haim Saban und weitere Finanzinvestoren verschleudert, dürfte heute an die fünf Milliarden Euro wert sein. Für 3,3 Milliarden Euro wurde es von KKR und Permira im Dezember 2006 gekauft, mit ziemlich exakt derselben Summe an Schulden wurden die Sender, zwangsvereinigt mit der skandinavischen SBS-Gruppe, überhäuft. Heute werfen sie Gewinne ab, dass es kracht.
Er ist zufrieden und gut bezahlt
Die Schulden sind - durch den Verkauf belgischer und niederländischer Sender - auf netto 2,1 Milliarden Euro geschrumpft, 2011 soll ein Rekordjahr werden, schon 2010 erzielte die Gruppe einen Nettogewinn von knapp 313 Millionen bei einem Umsatz von drei Milliarden Euro, um 750 Millionen soll der Umsatz bis 2015 wachsen, davon sollen vierhundert Millionen Euro aus Geschäften außerhalb des klassischen Fernsehens stammen: Internetfernsehen, Online-Spiele, Abrufdienste und kommerzielle Plattformen. An der Börse kommen derlei Ansagen an, der Kurs der Pro-Sieben-Sat.1-Aktie war einmal ein Penny Stock, heute liegt er bei mehr als achtzehn Euro. Goldman Sachs hat das Kursziel für Pro Sieben Sat.1 Media gerade von 23,90 auf 24,60 Euro angehoben. Es ist allgemein bekannt, dass KKR und Permira Pro Sieben Sat.1 über kurz oder lang verkaufen und Kasse machen wollen. Davor bewahrt die Sender im Augenblick allein der Preis, der zu zahlen wäre. Der wäre auch für den Springer-Konzern zu hoch, der sich vor Gericht gerade hat bestätigen lassen, dass er die Sender 2006 hätte kaufen dürfen - was die Medienaufsicht damals jedoch vereitelte.
Man muss sich den Vorstandschef von Pro Sieben Sat.1 also als einen bestbezahlten, zufriedenen Menschen vorstellen. Denn in der wirtschaftlichen Disziplin macht ihm niemand etwas vor. Bleibt für Thomas Ebeling also Zeit, sich ums Programm zu kümmern und zum Beispiel - dafür zu sorgen, dass die Castingshow „The Voice of Germany“ nicht nur beim auf die Jugend abonnierten Pro Sieben, sondern auch beim „Familiensender“ Sat.1 lief. Die Show kam bei der Kritik gut an, holte leidlich Zuschauer, sorgte aber vor allem für Imagegewinn.
Mit wenigen Mitteln zum Maximum
Da hatte Ebelings Vorgänger de Posch, der jetzt in der RTL-Zentrale in Luxemburg die Erbsen zählt, seinerzeit ein weniger glückliches Händchen. Er setzte darauf, dass die in Holland gleichzeitig für viele verschiedene Länder produzierte Show des anerkannten Löffelbiegers Uri Geller auch hierzulande aufscheinen musste. Die Programmstrategen hatten abgeraten, doch es musste erst ein Desaster werden, um zu sehen, wie recht sie hatten. Und auch de Poschs Vorgänger, der Schweizer Anwalt Urs Rohner, hatte irgendwann Freude daran gefunden, das Programm selbst zu gestalten - das muss ein am Unternehmenssitz in München lokal verbreiteter Vorstandsvirus sein.
Dass nun Andreas Bartl bei Pro Sieben Sat.1 geht - er macht sich selbständig und bleibt der Gruppe zugleich, wie in solchen Fällen üblich, als Berater verbunden -, zeigt, wie heiß der Stuhl derjenigen ist, die im Privatfernsehen fürs Programm zuständig sind. Geschäftsführer bei Pro Sieben, Kabel 1 und Sat.1 gab es einige. Alle standen unter dem Diktat, mit möglichst wenig Mitteln das Maximum zu erreichen: selbstproduzierte Stücke - Filme und Serien - in begrenztem Maß (bei Sat.1 und Pro Sieben) oder gar nicht (bei Kabel 1). Und wenn, dann müssen es möglichst „Event-Programme“ sein. Populärer Sport nur, wenn er bezahlbar ist - der Fußball ist das nicht, da die ARD für die Bundesliga einen dreistelligen Millionenbetrag zahlen kann und das ZDF fünfzig Millionen Euro pro Jahr für die Champions League aufruft. Unterhaltung, Billig-Dokus und amerikanische Serien und Kinofilme sind es, die bleiben - in den Vereinigten Staaten hat Pro Sieben Sat.1 gerade einen Riesendeal mit Warner Bros. abgeschlossen, den man in der Branche auf einen dreistelligen Millionenbetrag schätzt.
Für einen Mann, der wie Andreas Bartl aus dem Programm kommt, seit zwanzig Jahren dabei ist, als Redakteur angefangen hat, Chef von nacheinander dreien der Sender war, in der Branche bestens vernetzt und angesehen und als ausgleichender Charakter das Verbindungsglied zu der stets besorgten deutschen Produzentenszene ist, müsste es da eigentlich immer noch genug zu tun geben, allein um die Ausrichtung der inzwischen vier Sender Kabel 1, Pro Sieben, Sat.1 und Sixx aufeinander abzustimmen. Es sei denn - der Chef macht es selbst. Es sei denn, im von Finanzinvestoren bestimmten, auf der Informationsstrecke schon merklich ausgedünnten Privatfernsehen bricht eine neue Ära an, in der die Zahlen noch mehr und die - linearen - Programme noch weniger zählen. Es sei denn, niemand fürchtet, dass sich das Geschäft von seinen Inhalten entkoppelt und - bald keines mehr ist.