19.02.2012 · Der Pro Sieben Sat.1-Vorstand Andreas Bartl geht - halb zieht es ihn, halb wird er gedrängt. Herrscht Ratlosigkeit bei einem gleichwohl bestens verdienenden Senderverbund?
Von Michael HanfeldPro Sieben Sat.1 kann noch so viel Geld verdienen, zur Ruhe kommt der Fernsehkonzern einfach nie. Nicht zu Leo Kirchs Zeiten, nicht im Interregnum unter dem Amerikaner Haim Saban und auch nicht mit den Investoren KKR und Permira im Hintergrund. Diese haben zu gewärtigen, dass vor der zum 1. März anberaumten Bilanz-Pressekonferenz eine Personalie durchgesickert ist, die den ganzen Laden durchschüttelt: Andreas Bartl, der im Vorstand der Gruppe für das Fernsehen und die deutschen Sender zuständig ist, geht und macht sich als Medienunternehmer selbständig. An seine Stelle tritt - zumindest kommissarisch - der Vorstandsvorsitzende Thomas Ebeling. Als Kandidat für Bartls dauerhafte Nachfolge gilt der Pro-Sieben-Geschäftsführer Jürgen Hörner. Bartls Vertrag wäre turnusgemäß zu Jahresende ausgelaufen. Pro Sieben Sat.1 will das Thema nicht kommentieren.
Mit Andreas Bartl geht nicht irgendwer, sondern jemand, der Pro Sieben Sat.1 in den Reihen der Aktiven verkörpert wie kaum jemand sonst. Er ist seit zwanzig Jahren dabei, war Sendergeschäftsführer von Kabel 1, dann von Pro Sieben, dann interimistisch bei Sat.1, und hat sich auch als Vorstand, dem die Kostendrücker im Nacken saßen, das Herz des Produzenten bewahrt. Gerade die selbstproduzierten Filme und Serien, mit denen sich Sat.1 am Markt behauptet, sind seine Sache ebenso wie die des jetzigen Senderchefs Joachim Kosack.
Doch um damit im auf Geldvermehrung getrimmten Privatfernsehen zu bestehen, braucht es Geduld, der Aufwand ist ungleich größer als bei dem jegliche Untiefen auslotenden Sender RTL, der vor allem bei den jüngeren Zuschauern unumstrittener Marktführer ist. Dass Sat.1 bei den Jüngeren gerade knapp unter einen Marktanteil von zehn Prozent gerutscht ist, soll nun dem Verantwortlichen für die deutschen Pro-Sieben-Sat.1-Sender zum Nachteil gereichen.
Doch daraus zu schließen, dass ihn der Vorstandschef Ebeling eiskalt gemessert hätte, dürfte den Sachverhalt nicht ganz treffen. Bartl und Ebeling sind nicht immer auf einer Wellenlänge, schätzen sich aber sehr. Bartls Programmideen waren für Ebelings Geschmack vielleicht ein wenig zu sehr retro. Die Idee, die auf jüngere Zuschauer zielende Castingshow „The Voice“ bei Pro Sieben und Sat.1 laufen zu lassen, war Ebelings Idee. Unterschiedliche Schwerpunkte sind also erkennbar. Andererseits kann Ebeling es verschmerzen, dass Sat.1 die Champions League, die Quote bringt, aber mit rund fünfzig Millionen Euro pro Jahr unverhältnismäßig teuer ist, an das gebührenfinanzierte ZDF verloren hat.
Und Ebeling, der aus der Pharmabranche kommt, aber längst den Spaß am Fernsehmachen entdeckt hat, wäre auch zuzutrauen, das beim Sport nicht ausgegebene Geld an anderer Stelle ins Programm zu stecken - was Sat.1 ob einer zuletzt exorbitanten Wiederholungsquote nötig hat. Man muss es nur tun beziehungsweise müssen die Investoren KKR und Permira es geschehen lassen, denen die Fernsehgruppe 2010 einen Nettogewinn von rund 312 Millionen Euro bescherte und für 2011, wie bald zu hören sein dürfte, wohl noch mehr einbringen wird.
So ganz eindeutig fällt die Geschichte also nicht aus - mit einem, der verliert, und einem, der gewinnt. Es ist vielmehr wie beim Fußball. Da fliegt auch als Erstes der Trainer, wenn es auf dem Platz nicht richtig läuft, selbst wenn man in diesem nicht die Ursache der Misere oder Stagnation sieht. Ein Zeichen für eine gewisse Ratlosigkeit, gegen welche der große Konkurrent RTL gefeit zu sein scheint, ist es in jedem Fall.