01.02.2009 · Die Berlinale ist eine Art innerer Ausnahmezustand. Schon am zweiten Tag weiß man nicht mehr, ob es gerade morgens, nachmittags oder abends ist, weil die gelebte Zeit zur erzählten wird: Julia Encke preist das Filmfestival.
Von Julia EnckeOb die Berlinale zeitgemäß ist, ist natürlich die völlig falsche Frage, weil die Berlinale in Berlin ja genau die Zeit ist, in der man vorsätzlich völlig aus der Zeit fallen darf und kann, indem man, während es draußen auf der Straße ohnehin kein Licht gibt, tagelang in Kinosälen verschwindet und in zehn Tagen mehr erlebt als manchmal in einem halben Jahr.
Die Berlinale ist eine Art innerer Ausnahmezustand. Schon am zweiten Tag weiß man nicht mehr, ob es gerade morgens, nachmittags oder abends ist, weil die gelebte Zeit zur erzählten wird, man vergisst sogar, dass man in Berlin ist, es sei denn, man sitzt gerade in irgendeinem Berlinfilm; und das Einzige, was einen in diesem tranceartig-entorteten Zauberzustand, in dem man am Potsdamer Platz herumflirrt, irritieren kann, sind Menschen, die sich diesen Zustand verbieten wollen oder müssen.
Da kann es zu Begegnungen der dritten Art kommen: Im letzten Jahr, zum Beispiel, wankte ich, zugegebenermaßen völlig verheult, aus einem Film über Kindesmissbrauch. Wenn ich aus dem Kino komme, will ich erst mal nicht reden. Meinungen bitte später, die Berlinale ist schließlich kein Oberseminar. Draußen drückte mir eine Dame des Berlinale-Sponsors L'Oréal passenderweise Mascara in die Hand, dahinter standen zwei Kollegen von einer anderen großen Tageszeitung, die den Film gar nicht gesehen hatten, aber alles über ihn wussten, gleich einen Vortrag parat hatten, von „Diskursen“ sprachen und ahnten, wie furchtbar schlecht die Bildsprache dieses „Melodrams“ sein müsse.
Ich sagte „hallo“, verschwand so schnell wie möglich aufs Klo, ordnete mein Gesicht und ging dann ins nächste Kino. Bescheidwissen kann man manchmal auch später. So viel Zeit muss sein. Schließlich ist Berlinale.