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PRO : Ein klarer Blick

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Jessica Schwarz und Thomas Kretschmann als Romy Schneider und Harry Meyen Bild: SWR/Hans-Joachim Pfeiffer

Jessica Schwarz ist für Romy die Idealbesetzung. Sie spielt moderne Gemütszustände, die als Collage die Widersprüche der Romy Schneider zeigen - und respektieren. Eine große Leistung für einen präzisen Film.

          Hätte Romy Schneider sich für die Bühne entschieden, sie wäre eine Jahrhundertschauspielerin geworden. Das beweist eine Szene aus dem unterschätzten Frühfilm „Mädchen in Uniform“ (1959). Sie spielt eine preußische Internatsschülerin, die Shakespeares Romeo probt. Die damals Zwanzigjährige agiert nicht, wie es die Filmhandlung vorgibt, als schwärmende Fünfzehnjährige eines Laienspiels, sondern ist der Mannknabe, dessen Liebe die Welt anhält, die Geliebte feurig und zart, unbeirrt und scheu zugleich umwirbt. Wie Seide und doch völlig natürlich klingen die Verse der Schlegelschen Übersetzung, eine Sternstunde des Welttheaters in einem Film, von dem Deutschland einzig den Kuss zwischen ihr und Lili Palmer als angehimmelter Lehrerin wahrnahm.

          Torsten C. Fischers Film verzichtet auf diesen Romeo, blendet aber jenen Mephisto ein, den Romy Schneider dreizehnjährig als Schülerin des Salzburger Internats Goldenstein spielte; Vorbote einer Obsession, die sie oft alle Grenzen zwischen Kunst und Leben, Geschlechtern und Konventionen beiseitefegen ließ. Deutlich macht das Fischer in der Visconti-Episode seines Films: Verlobt mit Alain Delon, den wiederum Luchino Visconti liebte, sagte Romy Schneider 1961 zu, auf einer Pariser Bühne unter Visconti an Delons Seite die Titelrolle in John Fords Renaissance-Tragödie „Schade, dass sie eine Hure war“ zu spielen. Beim deutschen Film wegen ihrer Sissi-Phobie perdu, für Frankreich nur Anhängsel des „schönen Alain“, ohne Sprach- und Bühnenkenntnis, begann sie. Auf den Proben permanent von Visconti gedemütigt, vor Ängsten fast von Sinnen, raubte sie zur Premiere, lupenrein Französisch sprechend, als ihrem Bruder Giovanni (Delon) hörige Annabella dem Publikum den Atem.

          Sturz ins Chaos

          Kollegen erzählen von Blutergüssen, die sie ignorierte. Solche Besessenheit zeigt Fischer nicht. Wohl aber, in welches Chaos Romy Schneider, die dem deutschen Spießertum nun endgültig jenes „Flittchen“ war, das man in ihr seit der Flucht nach Frankreich vermutet hatte, sich stürzte. Die Sucht, geliebt zu werden, und die Suche nach Halt trieben sie, Delons notorische Affären mit Gleichem zu vergelten, bis sie nicht mehr wusste, ob sie Opfer und Täterin war. Zuflucht boten Rollen. Auf der Bühne die der Nina in Tschechows „Möwe“, im Film 1961 die der Pupé in Viscontis „Boccaccio 70“, die im subtilsten Striptease der Filmgeschichte ein Chanelkostüm abstreift, und 1962, völlig ungeschminkt, die der Leni in Orson Welles' „Der Prozess“. Ob sie Tschechows desillusionierte Träumerin, Viscontis Dekadente oder Kafkas Frauenspuk verkörperte - schon jetzt sprach die Kritik von Charisma. Es erwuchs aus dem, was Pirandello das Urwesen des Schauspielers nennt - sich jeden Abend für das Publikum „die Haut vom Leibe zu ziehen“. Wie keine andere Schauspielerin ihrer Generation zog Romy Schneider sich in jeder Rolle die Haut vom Leibe.

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