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Preisverleihung Europas Kind

In ihrer Dankesrede hat die diesjährige Friedenspreisträgerin Susan Sontag davor gewarnt, die Differenzen zwischen Europa und Amerika für ein vorübergehendes Phänomen zu halten.

© AP Vergrößern Hier applaudiert sie noch jemand anderem

In dem Buch, das Susan Sontag für die beste Studie über ihr Heimatland hält, findet sich auch dieser Satz: "Es ist offensichtlich, daß der Menschenschlag der amerikanischen Staatsmänner sich seit einem halben Jahrhundert bedeutend verschlechtert hat." Dies hat, wohlgemerkt, nicht Susan Sontag behauptet. Sie hat es nicht einmal zitiert. Und es ist auch nicht die Schuld der Friedenspreisträgerin des Jahres 2003, wenn ein Satz, den Alexis de Tocqueville im Jahr 1835 in "Über die Demokratie in Amerika" notierte, heute in vielen Ohren klingen mag, als wäre er gestern geschrieben worden.

Ebensowenig ist es der Preisträgerin anzulasten, daß die Preisverleihung Tocquevilles These zu bestätigen schien. In ihren einleitenden Worten teilte Susan Sontag dem Publikum in der überfüllten Frankfurter Paulskirche mit, daß der amerikanische Botschafter die im Juni an ihn ergangene Einladung umgehend zurückgewiesen hat. Der Name des Mannes ist nicht weiter von Interesse, denn fortan wird man ihn als Botschafter der Vereinigten Staaten nicht länger bezeichnen wollen. Der Affront galt der Preisträgerin, trifft außer ihr jedoch auch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels sowie das Land, das den Friedenspreis nach wie vor zu den wichtigsten Auszeichnungen zählt, die es überhaupt zu vergeben hat.

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Mangel an Takt und Übermaß an Kleinmut

Um so bedauerlicher ist, daß in diesem Jahr auch nur wenige deutsche Politiker in der Paulskirche zu sehen waren. Daß weder der Bundespräsident noch der Bundeskanzler, noch der Außenminister zugegen waren, widerspricht nicht nur den Traditionen dieses Preises, es wirkt angesichts der heftigen amerikanischen Kritik, die Susan Sontag auf sich gezogen hat, auch besonders unpassend. Nun sind Intellektuelle hierzulande glücklicherweise nicht auf Beistand und Anerkennung der Politiker angewiesen, aber der Mangel an Takt und das Übermaß an Kleinmut, die Außenminister Fischer und seine Kollegen in dieser Sache zeigen, sind doch erstaunlich.

In der heute geläufigen politischen Rhetorik Amerikas zählt der Franzose Tocqueville zu den Einwohnern eines der "Schokolade fabrizierenden Länder" Europas, Ländern wie Frankreich und Belgien also. Wie ein knappes Jahrhundert nach ihm der Brite D. H. Lawrence, erkannte Tocqueville, daß "Amerika, das Kind Europas, auf dem Weg war, sich zur Antithese Europas zu entwickeln". Die Gegensätze, die damals ihren Anfang nahmen, haben viele Namen, und Susan Sontag zählte einige von ihnen auf: "amerikanische Unschuld und europäisches Raffinement; amerikanischer Pragmatismus und europäischer Intellektualismus; amerikanische Tatkraft und europäischer Weltschmerz; amerikanischer Moralismus und europäisches Kompromißlertum".

Eine Denkform, die das Neue feiert

Für Susan Sontag fallen diese und andere Gegensätze im Kampf des Neuen gegen das Alte zusammen. Schon Tocqueville habe Amerikas Tendenz beobachtet, die "europäischen Werte und die Macht Europas zu untergraben und abzutöten". Mit D. H. Lawrence betrachtet Susan Sontag das Neue als den Tod des Alten: "Man bekommt nie etwas Neues, ohne etwas Altes kaputtzumachen", schrieb Lawrence und prophezeite, Amerika werde Europa mit Hilfe der Demokratie zerstören. Danach werde der Sieger sich von der Demokratie abwenden und sich etwas anderem zuwenden. Was dieses andere sein könnte, so Susan Sontag, werde "vielleicht in unseren Tagen langsam deutlich".

Dieser kaum verbrämte Vorwurf antidemokratischer Tendenzen war die wohl schärfste Attacke gegen die Regierung Bush in einer entspannt und souverän vorgetragenen Rede, die ihre Spitzen überwiegend gut getarnt hatte. Susan Sontag zitierte ironisch die zahllosen Klischees, die Amerikaner und Europäer übereinander in Umlauf gebracht haben, und wies darauf hin, daß Amerika den Konflikt zwischen Altem und Neuem unzählige Male variiert hat. Nur so konnte etwa die Rückkehr zu unilateralen Positionen als "neue Weltpolitik" angepriesen werden. Der amerikanische Konservativismus hat eine Denkform entwickelt, die das Neue und nicht etwa das Alte feiert. Europäern sind solche Gedankengänge nicht ohne weiteres zugänglich, aber Susan Sontag hat die Bevorzugung des "Neuen" und die komplexe Mechanik amerikanischer Konservativer auf eine eingängige Formel gebracht: "Wer mit uns ist, ist ,neu'."

Der Graben ist tiefer als je zuvor

Heute sind Amerika und Europa sich kulturell ähnlicher als je zuvor. Gleichwohl ist der Graben zwischen Alter und Neuer Welt tiefer denn je. Eindrucksvoll warnte Susan Sontag davor, die grundlegenden Differenzen für Phänomene der jüngsten Vergangenheit für vorübergehende Meinungsverschiedenheiten zu halten. Als Zehnjährige fürchtete die Preisträgerin, die aus einer jüdischen Familie polnisch-litauischer Herkunft stammt, sich vor den deutschen Kriegsgefangenen in einem Internierungslager, von dem sie gehört hatte. Tagsüber las das Kind in den Werken Storms und Goethes, nachts, in seinen Albträumen, kamen die "Nazi-Soldaten", um es zu ermorden. Einer der Kriegsgefangenen war Susan Sontags späterer, 1999 verstorbener Lektor Fritz Arnold, der seine dreijährige Internierung nur dank der amerikanischen und englischen Klassiker überstand, die er immer wieder las. Freiheit war für beide, das verängstigte Kind in der amerikanischen Provinz und den deutschen Kriegsgefangenen in Arizona, nur in der Literatur zu finden. "Literatur ist Freiheit" lautete der letzte Satz dieser eindrucksvollen Rede. Niemand wird Susan Sontag widersprechen sollen. Aber es wäre allzu bequem, wollten wir uns einreden, die Literatur sei unsere einzige Freiheit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2003, Nr. 237 / Seite 33

 
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Von Christian Geyer

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