Der australische Radiomoderator Michael Christian und seine Kollegin Mel Greig kannten die Krankenschwester Jacintha Saldanha nicht. Sie wussten nichts über ihr ihren Mann Ben Barboza, ihren 17-jährigen Sohn Junal und ihre 14-jährige Tochter Lisha. Sie wussten nicht, dass Jacintha Saldanha vor zehn Jahren aus dem Oman nach Großbritannien gezogen war. Sie wussten nichts von dem Reihenhaus, das die indischstämmige Familie seitdem in Bristol bewohnte, 190 Kilometer von London entfernt, wo Jacintha Saldanha als Krankenschwester arbeitete, um die Familie zu ernähren. Sie wussten nichts von Jacintha Saldanhas Geldsorgen und nichts davon, wie sehr sie ihre Kinder vermisste. Sie wollten nur einen Telefonscherz auf Kosten des britischen Königshauses machen.
Deswegen riefen Michael Christian and Mel Greig am vierten Dezember morgens um halb sechs Uhr im Londoner King Edward VII. Hospital an. Sie gaben vor, sie seien die britische Königin und Prinz Charles und erkundigten sich, wie es Kate, der Herzogin von Cambridge ginge, die sich wegen akuter Schwangerschaftsübelkeit im Krankenhaus aufhielt. Der Anruf wurde von Jacintha Saldanha angenommen; sie stellte die Anrufer im Glauben, es handele sich tatsächlich um einen Anruf des Königshauses, auf die Abteilung durch, wo man den Anrufern bereitwillig Informationen über den Zustand von Herzogin Kate gab.
Die Wut auf die Moderatoren überwiegt in Großbritannien
Der Telefonscherz wurde gesendet, er war weltweit im Internet abrufbar, die australischen Moderatoren waren überrascht, dass niemand ihre, wie sie später zu Protokoll gaben, schlechte Imitation des aus nichtbritischer Sicht eigenwilligen Akzents der Queen erkannt habe: In der Logik ihrer Branche war der Telefonscherz ein voller Erfolg.
Drei Tage später, am Morgen des 7. Dezember, wurde Jacintha Saldanha in ihrer Londoner Dienstwohnung tot aufgefunden; wie jetzt bekannt wurde, hat sie sich erhängt. Wie ihre drei Abschiedsbriefe belegen, hat sie die Angst davor, wegen des Vorfalls ihre Arbeit zu verlieren und kein Geld mehr für die Familie zu haben, ebenso wenig aushalten können wie die öffentliche Beschämung, dass überall auf der Welt, im Fernsehen, auf unzähligen Internet-Kanälen, ihre Stimme zu hören war, wie sie höflich „Oh yes, just hold on, Ma‘am“ sagt. Jacintha Saldanha hatte den falschen Akzent nicht erkannt.
Seit Tagen beschäftigt der Fall die Presse in Australien ebenso wie in Großbritannien, und die Reaktionen sind bemerkenswert unterschiedlich. In Großbritannien dominiert die Wut auf die Moderatoren, die hätten erkennen müssen, dass ihr Scherz nicht das Königshaus, sondern vor allem ein paar übermüdete Krankenschwestern treffen würde.
Der Fall als eine Art schicksalshaftem Naturereignis
In Australien wird dagegen argumentiert, die Moderatoren hätten mit einer solchen Folge nicht rechnen können, sie sei tragisch, läge aber letztendlich nicht im Verschulden der Scherzanrufer. „Trauern, nicht beschuldigen“, fordert der Leitartikler des „Sunday Telegraph“. Der Aufsichtsrat des australischen Senders 2Day FM war zu einer Krisensitzung zusammenkommen, nachdem große Firmen mit einem Werbeboykott drohten, bei der Konzernchef Holloran den Fall zu einem „tragischen Ereignis“ erklärte, „das wir unter keinen vernünftigen Umständen vorhersehen konnten.“
Aber was war vorhersehbar? Im Fall Saldanha kollidieren zwei vollkommen unterschiedliche Kulturen. Dabei geht es weniger um die Kollision der Vertreter zweier unterschiedlicher britischer Ex-Kolonien und ihrer divergenten Vorstellungen von Humor – obwohl es gerade aus britischer Sicht leicht wäre, die dem Nationalklischee nach derb-rüpeligen Australier gegen die ernsthaft-zurückhaltenden Inder auszuspielen. Aber hier geht es nicht um Nationalcharaktere und -konflikte. Der Fall handelt nicht von Indien versus Australien, sondern vom Zusammenprall zweier sozialer Schichten sowie eines fast altmodisch wirkenden Begriffs von Anstand, Sorge und Würde, Vertrauen und Verlässlichkeit, die in der Welt der Krankenschwester zählten, mit der empathiebefreiten Weltsicht der Moderatoren, in der die Möglichkeit, dass etwas so fragil sein könnte, dass man nicht dagegentreten darf, gar nicht mehr im Feld des Vorstellbaren liegt.
Zu den vielen bestürzenden Details dieses Falls gehört auch die Aussage der Moderatorin Mel Greig, die, befragt, ob sie der Familie der Toten etwas mitteilen möchte, in einer Sendung erklärte, „I wanted to reach out to them and just give them a big hug. I hope they‘re OK“ – sie habe sie umarmen wollen und hoffe, sie seien ok. Sehr wahrscheinlich sind sie genau das nicht. Man nimmt der Moderatorin gern ab, dass sie keine Sekunde über die möglichen Folgen ihres Handelns nachdachte und ist trotzdem ratlos angesichts der Unfähigkeit einer Person, deren Beruf etwas mit sprachlicher Artikulation und Einfühlung zu tun hat, in einer solchen Situation mehr zum Ausdruck zu bringen als den schütteren und sehr unrealistisch Wunsch, das alle ok seien.
2Day FM entschuldigte sich später via Twitter, das Radiostück sei mit „guten Absichten“ gemacht worden. Greigs Co-Moderator Christian betonte, es sollte „etwas Leichtes und Lustiges sein“, und er „hätte das doch nicht vorausahnen können.“ Aber hinter diesem und dem Argument des Senderchefs, die Moderatoren hätten mit einer solchen Folge „unter keinen vernünftigen Umständen“ rechnen können, verbirgt sich eine problematische Vorstellung von Angemessenheit und davon, was „man eben aushalten können“ muss. Es sei, so die implizite Argumentation, nicht angemessen, sich wegen eines Scherzanrufes, das Leben zu nehmen; damit ist die Schuld von den Moderatoren genommen und der Fall zu einer Art schicksalshaftem Naturereignis erklärt.
Alles kann immer sofort öffentlich werden
Es ist sicher, dass die Moderatoren kein Leben zerstören, sondern nur ihrem Publikum gefallen wollten. Aber es war auch vollkommen klar, dass der Scherz nicht die Königin, sondern ein paar einfache Stationsschwestern trifft. Damit folgt der Scherz jener Verulkungskultur, die in Deutschland mit Kurt Felix‘ und Paolas „Verstehen Sie Spaß?“ bekannt wurde und mit der inzwischen fast jeder Privatsender der Welt Geld verdient: Fast überall rufen Moderatoren mit verstellter Stimme wahllos Bürger an und geben sich als Steuerbeamter, der eine absurde Summe einfordert, oder als Lieferant von zwei Tonnen Kuhdung aus: Die Regel ist, dass es immer jeden treffen kann; das Ziel ist die öffentliche Vorführung einer starken emotionalen Reaktion: Angst, Unglauben, Entsetzen.
Damit ist die Pranksterkultur aber nur die Bestätigung einer gesellschaftlichen Bruchs im Feld des Humors: Die Sicherheit, zuhause oder bei der Arbeit eine Form von privatem Schutzraum zu genießen, ist dahin. Alles kann immer sofort öffentlich werden, alles kann sofort im Internet landen. Der Humor richtet sich hier nicht, wie die klassische Satire, der klassische Witz, gegen eine unangreifbare Macht, sondern weitet deren Herrschaftsraum aus. Das unterscheidet ihn von aufklärerischem Prankstertum, das es eben auch gibt: Die Zeitschrift „Tempo“ zum Beispiel hatte einmal einhundert Prominenten die Ehrendoktorwürde einer – fiktiven – „Deutschen Nationalakademie“ in Aussicht gestellt; sie müssten sich nur mit dem Programm der Akademie einverstanden erklären. Das allerdings wies zahlreiche Zitate aus Hitlers „Mein Kampf“ und NPD-Leitlinien auf und forderte die „Ablehnung des demokratischen Massengedankens“; Dieter Bohlen sagte erfreut zu, was vielleicht mehr über schlampige Lektüre als über rechtes Gedankengut verrät.
Nicht jeder kann Schadenfreude aushalten
Solches Prankstertum kann man dennoch als aufklärerische Akte rechtfertigen – ebenso wie die bloße Möglichkeit, dass ein kritisierter Politiker sich in einem labilen Moment als unmittelbare Reaktion auf diese Kritik etwas antut, nicht jede Kritik unmöglich machen kann.
Die Moderatoren aber machen es wie Cipolla in Thomas Manns „Mario und der Zauberer“, der ausschließlich Vertreter des einfachen Volkes demütigt. Das rückt den Telefonscherz in die Nähe jener öffentlichen Beschämungsrituale des Privatfernsehens von Dieter Bohlen und Heidi Klum. Das Gelächter ist nicht das befreiende über einen Witz, der auf Kosten einer herrschende Macht geht, sondern das Lachen der noch einmal Davongekommenen. „Verstehen Sie Spaß?“ war so gesehen ein Bruch: Die Sendung deklarierte etwas, wofür man sich zu schämen hatte, nämlich Schadenfreude, zum öffentlich-rechtlichen Sendeziel um. Schon der Titel forderte, man habe gefälligst die Schadenfreude der anderen auszuhalten. Nur kann das, wie der Fall Saldhana zeigt, eben nicht jeder, besonders dann nicht, wenn er nicht aus einer so komfortablen sozialen Situation heraus operiert wie Moderator und Zuschauer.
Einmal mit auf der Seite des Terrors stehen
Das Strafrecht kennt den Begriff der Heimtücke. Der Telefonscherz erfüllt alle Charakteristika von Heimtücke, bleibt aber meist folgenlos – was nicht heißt, dass Folgenlosigkeit angenommen werden darf. Der Scherz setzt, wenn er harmlos bleiben soll, voraus, dass man sein Opfer einschätzen kann: Es mag sein, dass ein Mann sich umso mehr über das neue Auto freut, wenn seine Frau vorher behauptet hat, er möge schnell rauskommen, in der Garage liege eine Leiche, aber es ist ganz gut zu wissen, dass der Mann solche Scherze mag und nicht vor Bestürzung einen Herzinfarkt bekommt. Mit dieser Möglichkeit spielt man, wenn man einen Unbekannten hinters Licht führt – und man kennt die Dunkelziffer der tragischen Fälle nicht, die die Sender mit ihren Prankster-Aktionen ausgelöst haben.
Die verhaltenen Reaktionen vieler Journalisten auf die Moderatoren mögen auch darin begründet liegen, dass es für jeden, der in Sendungen oder Zeitungen Menschen kritisiert, schwer aushaltbar wäre, wenn diese Menschen sich wegen einer solchen Kritik etwas antun. Dennoch nahmen einige Verteidigungen einen seltsamen Unterton an. Jetzt macht mal einen Punkt; der Fall ist tragisch, aber wollt ihr ein Humorverbot wie in den Diktaturen des Nahen Ostens; böse Satiren sind Ausdruck einer freiheitlichen Gesellschaft: Das war der Subtext der australischen Kritik an der moralischen Empörung in England. Nur haben Prankster-Anrufe hat wenig mit Satire zu tun – schon, weil sie sich selten gegen Macht richten, sondern selber eine sind. Allem Prankstertum – wovon die chaotischen und charmanten Dada- und Fluxusaktionen, die manchmal auch als Prankster bezeichnet werden, auszunehmen sind – wohnt die perverse Freude daran inne, die Macht zu besitzen, Wehr- und Ahnungslose an der Nase herumzuführen; es ist die Freude des griechischen Gottes, der sich seinem Opfer als niedliches Tier nähert, und die Freude des Heckenschützen angesichts der Ruhe, die sein argloses Opfer auszeichnet.
Satire richtet sich gegen die Macht, Telefonscherze ziehen den Zuhörer für einen Moment auf die Seite der Macht, um Angst und Verwirrung zu stiften: Man darf einmal mit auf der Seite des Terrors stehen. Das Lachen über das einfache Opfer des Prankster-Anrufs ist die Freude des Mörders Jame Gumb im „Schweigen der Lämmer“, der die Ermittlerin Starling, die im dunklen Keller nichts sehen kann, durch das Nachtsichtgerät beobachtet. Es ähnelt dem Interesse des Kindes, das schauen will, wie das Meerschwein reagiert, wenn man aus zwei Richtungen mit Nadeln in seinen Käfig sticht. Mit dem Humanismus ist eine Erziehung zur Empathie aufgekommen, die solche Exzesse einzudämmen versucht, in dem sie auf das Leid der andern Seite aufmerksam macht. Mit Institutionen wie 2DayFM wird dieser Blick immer trüber. Schon im August 2009 war der Sender in die Kritik geraten, weil der Moderator Kyle Sandilands eine Vierzehnjährige an einen Lügendetektor angeschlossen hatte, um sie zu ihrem Sexualleben zu befragen. Der nur harmlos gemeinte Scherz vom 4. Dezember ist auch deswegen so traurig, weil er im Kern auch nichts anders macht, als die Liste dessen zu verlängern, was man „unter vernünftigen Umständen“ im Leben eben aushalten muss.
Satire vs. Herabwürdigung
Heinrich Ebbers (oranier)
- 17.12.2012, 13:56 Uhr
Gesellschaft ohne Tabus?
Henk Wilbert (H.Wilbert)
- 17.12.2012, 11:02 Uhr
sehr gute Analyse Herr Maak
franz feldmann (franzpatrick)
- 16.12.2012, 19:34 Uhr
Hören wir doch mal den deutschen Qualitätsmedien...
Michael Meier (never1)
- 16.12.2012, 18:56 Uhr
Das fehlende Gewissen wird durch Gesetze ersetzt. Doch kann man so viele
Gestze erlassen,
Lothar Wölfel (LWoelfel)
- 16.12.2012, 16:51 Uhr