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Veröffentlicht: 16.12.2012, 13:55 Uhr

Prankstertum Die Ausweitung dessen, was auszuhalten ist

Der Telefonscherz in der Klinik der Herzogin von Wales, der einen Suizid nach sich zog, ist nur das jüngste Beispiel für die zunehmende Gnadenlosigkeit der medialen Verulkungsmaschine.

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© AFP Trauer in Mangalore um Jacintha Saldanha

Der australische Radiomoderator Michael Christian und seine Kollegin Mel Greig kannten die Krankenschwester Jacintha Saldanha nicht. Sie wussten nichts über ihr ihren Mann Ben Barboza, ihren 17-jährigen Sohn Junal und ihre 14-jährige Tochter Lisha. Sie wussten nicht, dass Jacintha Saldanha vor zehn Jahren aus dem Oman nach Großbritannien gezogen war. Sie wussten nichts von dem Reihenhaus, das die indischstämmige Familie seitdem in Bristol bewohnte, 190 Kilometer von London entfernt, wo Jacintha Saldanha als Krankenschwester arbeitete, um die Familie zu ernähren. Sie wussten nichts von Jacintha Saldanhas Geldsorgen und nichts davon, wie sehr sie ihre Kinder vermisste. Sie wollten nur einen Telefonscherz auf Kosten des britischen Königshauses machen.

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Deswegen riefen Michael Christian and Mel Greig am vierten Dezember morgens um halb sechs Uhr im Londoner King Edward VII. Hospital an. Sie gaben vor, sie seien die britische Königin und Prinz Charles und erkundigten sich, wie es Kate, der Herzogin von Cambridge ginge, die sich wegen akuter Schwangerschaftsübelkeit im Krankenhaus aufhielt. Der Anruf wurde von Jacintha Saldanha angenommen; sie stellte die Anrufer im Glauben, es handele sich tatsächlich um einen Anruf des Königshauses, auf die Abteilung durch, wo man den Anrufern bereitwillig Informationen über den Zustand von Herzogin Kate gab.

Die Wut auf die Moderatoren überwiegt in Großbritannien

Der Telefonscherz wurde gesendet, er war weltweit im Internet abrufbar, die australischen Moderatoren waren überrascht, dass niemand ihre, wie sie später zu Protokoll gaben, schlechte Imitation des aus nichtbritischer Sicht eigenwilligen Akzents der Queen erkannt habe: In der Logik ihrer Branche war der Telefonscherz ein voller Erfolg.

Drei Tage später, am Morgen des 7. Dezember, wurde Jacintha Saldanha in ihrer Londoner Dienstwohnung tot aufgefunden; wie jetzt bekannt wurde, hat sie sich erhängt. Wie ihre drei Abschiedsbriefe belegen, hat sie die Angst davor, wegen des Vorfalls ihre Arbeit zu verlieren und kein Geld mehr für die Familie zu haben, ebenso wenig aushalten können wie die öffentliche Beschämung, dass überall auf der Welt, im Fernsehen, auf unzähligen Internet-Kanälen, ihre Stimme zu hören war, wie sie höflich „Oh yes, just hold on, Ma‘am“ sagt. Jacintha Saldanha hatte den falschen Akzent nicht erkannt.

Seit Tagen beschäftigt der Fall die Presse in Australien ebenso wie in Großbritannien, und die Reaktionen sind bemerkenswert unterschiedlich. In Großbritannien dominiert die Wut auf die Moderatoren, die hätten erkennen müssen, dass ihr Scherz nicht das Königshaus, sondern vor allem ein paar übermüdete Krankenschwestern treffen würde.

Der Fall als eine Art schicksalshaftem Naturereignis

In Australien wird dagegen argumentiert, die Moderatoren hätten mit einer solchen Folge nicht rechnen können, sie sei tragisch, läge aber letztendlich nicht im Verschulden der Scherzanrufer. „Trauern, nicht beschuldigen“, fordert der Leitartikler des „Sunday Telegraph“. Der Aufsichtsrat des australischen Senders 2Day FM war zu einer Krisensitzung zusammenkommen, nachdem große Firmen mit einem Werbeboykott drohten, bei der Konzernchef Holloran den Fall zu einem „tragischen Ereignis“ erklärte, „das wir unter keinen vernünftigen Umständen vorhersehen konnten.“

Aber was war vorhersehbar? Im Fall Saldanha kollidieren zwei vollkommen unterschiedliche Kulturen. Dabei geht es weniger um die Kollision der Vertreter zweier unterschiedlicher britischer Ex-Kolonien und ihrer divergenten Vorstellungen von Humor – obwohl es gerade aus britischer Sicht leicht wäre, die dem Nationalklischee nach derb-rüpeligen Australier gegen die ernsthaft-zurückhaltenden Inder auszuspielen. Aber hier geht es nicht um Nationalcharaktere und -konflikte. Der Fall handelt nicht von Indien versus Australien, sondern vom Zusammenprall zweier sozialer Schichten sowie eines fast altmodisch wirkenden Begriffs von Anstand, Sorge und Würde, Vertrauen und Verlässlichkeit, die in der Welt der Krankenschwester zählten, mit der empathiebefreiten Weltsicht der Moderatoren, in der die Möglichkeit, dass etwas so fragil sein könnte, dass man nicht dagegentreten darf, gar nicht mehr im Feld des Vorstellbaren liegt.

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