07.06.2010 · Dieser Kandidat hat einen Begriff des Politischen, der über Parteikalkül hinausgeht: Joachim Gauck ist christlich, bürgerlich, liberal und er weiß um die Dialektik der Freiheit. Er wäre ein idealer Bundespräsident.
Von Nils MinkmarDiese verrückte Woche endete immerhin mit einem guten Buch. Nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten am Montag, nach dem hektischen Jonglieren mit Namen an den darauf folgenden Tagen war endlich der Anlass gekommen, Joachim Gaucks Memoiren „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ zu lesen. Die Lektüre des berührenden und durchdachten Buchs war aber zugleich frustrierend, weil man dabei ermessen kann, wie sich die öffentliche Reflexion, auch die eines Politikers über sich selbst, in den zwanzig Jahren seit der Wiedervereinigung zurückentwickelt hat. Gauck denkt und schreibt wie ein Erwachsener, wo wir uns an das Verhalten und die Begründungen regressiver Teenager gewöhnt haben.
Es geht in Deutschland zu wie in einer dysfunktionalen Familie: Während die Kanzlerin wortkarg immer weitermacht, suchen manche Männer um sie herum die Aufmerksamkeit nach Kinderart, indem sie sich beispielsweise vom Stuhl fallen lassen. Sowohl der Rückzug Roland Kochs wie der Rücktritt des Bundespräsidenten drückten nicht nur den Wunsch aus, endlich mal richtig verstanden zu werden, sondern waren auch als Bestrafung des undankbaren Publikums gedacht: Nun habt ihr uns nicht mehr, das habt ihr davon!
In vielen Reaktionen auf den historisch beispiellosen Rücktritt des Bundespräsidenten wurde diese Entmündigung auch fraglos nachvollzogen. Kaum jemand nahm Köhlers Begründung ernst; stattdessen machten Ferndiagnosen und Mutmaßungen über nähere oder fernere Schicksalsschläge die Runde. Und wer gar nichts wusste, lobte immerhin dessen Engagement für Afrika, von wo kein Widerspruch zu erwarten ist. Kaum jemand traute sich einzugestehen, dass dies nicht nur eine persönliche, sondern eine politische und staatssymbolische, schwere Krise sei.
Krisenbewältigung im Modus der Abarbeitung
Wichtig war, gleich weiterzumachen. Es blieb keine Pause, einfach nur die Anatomie dieses Rücktritts zu diskutieren; obwohl doch auch die Form eines solchen Schritts für die geistige Verfassung des Landes bedeutsam ist. Warum fand sich in ganz Berlin niemand, der Horst Köhler Sätze aufschreiben konnte, die weniger abrupt und verletzend gewirkt hätten, etwas vom zeitlich stets begrenzten Dienst an der Staatsspitze, der heute vorzeitig an ein Ende gelange? So wirkten die dürren, abgelesenen Sätze aggressiv und besorgniserregend. Inwiefern spiegeln sie die Realität unseres Staates, der Verfassungsorgane und wie sie miteinander reden? Völlig verwegen klang die von Ulrich Wickert formulierte, dabei doch von schlichtem Common Sense getragene Frage, warum sich die Bundeskanzlerin nicht einfach auf den Weg gemacht habe zu Horst Köhler am Montag, um einen solch historischen Entschluss nicht am Telefon, sondern persönlich zu besprechen, selbst um den Preis eines mutwillig verwirbelten Zeitplans und Protokolls?
Am Abend des Rücktritts immerhin erklärte sie, seltener Moment der Wahrheit, so etwas wie ihre Regierungsphilosophie: Jede Krise, die auf den Tisch kommt, nacheinander wegmeistern!
Das wäre das perfekte Motto für einen Unfallchirurgen, mit dem feinen Unterschied, dass die ihre Krisen nicht auch noch selbst verursachen. Dieses Vor-sich-hin-Krisen-Lösen passt zum Bild einer autistischen und alienhaften Regierung, einem Bild, das von den gesammelten Talkshowbewohnern inzwischen fraglos akzeptiert wird. Wenn jemand zwischen den Politikern und den Menschen unterscheidet, wird er gar nicht mehr korrigiert. Die dramatische Krise, der Burn-out, wie er Horst Köhler von Beobachtern attestiert wurde, ist das eine Erscheinungsbild der Depression – das freudlose, trauerlose Immerweitermachen ist das andere. Fragt ein Moderator den FDP-Politiker Jürgen Koppelin, ob Köhlers Rücktritt seiner Partei nicht „zu denken gebe“, kommt die Antwort vollautomatisch: „Nein, wie kommen Sie denn darauf?“ Als ob das Nachdenken, wie Dr. No in „Goldfinger“, die tödliche Falltür im Boden auslöste.
Das Bild des Bürgers als Konsument
Dabei wäre es mal an der Zeit, auf solch einen historischen Schritt nicht mit dem zunehmend surrealen Weitermachen zu reagieren, sondern mit weiteren Fragen – beispielsweise der, was denn der Bürgerbegriff dieser bürgerlichen Koalition sei? Auch in der schwersten Finanzkrise der Nachkriegszeit, die nun eine Krise der Staatsfinanzen ist und eine Staatskrise werden könnte, wurde nie an die Tatkraft, die geistige Flexibilität der Staatsbürger appelliert, wo doch angeblich dies die wichtigste Ressource ist. Die Bürger erwarten längst grundlegende Veränderungen, aber es gilt nach wie vor die Ansage, die George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September gemacht hat: „Wenn Sie nun bitte wieder einkaufen gehen würden . . .“ Beschränkt sich der Bürgerbegriff der christlich-liberalen Koalition darauf, den Staatsbürger als Konsumenten zu sehen, dem man mehr Taschengeld lassen muss, dann wird er schon wieder froh? Und ansonsten sei alles dem nun mal regierenden Club überlassen, so offenkundig dysfunktional er auch sei?
Wie anders ist die deprimierende Kandidatenfindung für die Köhler-Nachfolge zu interpretieren? Nach Tagen voller Winkelzügen, für die sich nur die hoffnungslosesten Politikbesessenen noch zu interessieren vermögen, wurde Christian Wulff präsentiert, ein Mann, der zwar sein Leben in öffentlichen Funktionen verbracht hat, zu dem einem aber nichts einfällt. Oder genau eine Anekdote: Einmal sollte Wulff in Berlin ein Buch vorstellen, Thomas Leifs „Beraten und verkauft“, eine Kritik an der Branche der Unternehmensberater. Wulff hatte sich einmal sehr kritisch über McKinsey und Co geäußert, war seitdem aber heftig zurückgerudert. Auf dem Podium war ihm erkennbar unwohl, da war er fast dankbar, als aus einer Handtasche irgendwo im Publikum ein Mobiltelefon läutete. „Legen Sie es in einen Eimer Wasser, dann ist Ruhe“, beschied er der hektisch nach dem Gerät fummelnden Frau. Ihm gefiel sein Spruch so gut, dass er auch während der restlichen Veranstaltung Mühe hatte, nicht dauernd darüber zu lachen, als Einziger wohlgemerkt.
Wulff, das sei empfindlichen Gemütern als Warnung mitgegeben, verträgt man besser, wenn man Gauck ignoriert. Wagt man aber den Schritt, zu Gaucks Erinnerungen zu greifen oder sich eine seiner vielen, auf Youtube verfügbaren Reden anzusehen, kommt der Schock: So geht das also auch?
Und dann geht es einem, wenn man Wulff betrachtet, nicht gut.
Antitotalitäre Sozialisation
Gauck macht sich beispielsweise gerne über sein Publikum lustig. Im vergangenen Jahr hielt er eine Rede zum zwanzigsten Geburtstag des Mauerfalls und kommentierte ironisch, nun hätte man sich ja beinahe mal freuen müssen, als Deutscher. Doch gerade rechtzeitig sei die Krise ausgebrochen, und nun, endlich, „können wir tun, was wir doch am liebsten tun: Trübsal blasen!“ Er mokiert sich über den auch im freiheitlichsten deutschen Staat so ausgeprägten Wunsch nach einem strengen Landesvater oder einer besonders lieben Landesmutti. Er benutzt oft Familien-Analogien, aber es sind moderne Bilder. Ganz offenkundig hat er eine profunde Auseinandersetzung mit der Thematik komplexer innerfamiliärer Strukturen hinter sich, so dass man meint, einem viel jüngeren Mann zuzuhören.
In „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ spielt die Auseinandersetzung nicht nur mit der eigenen politischen Position, sondern auch mit seiner Erziehung zum Mann eine wesentliche Rolle. Da gibt es eine sehr wichtige Szene, als der Vater, den die Russen ohne jeden Grund verhaftet und zu langer Zwangsarbeit verurteilt hatten, wieder nach Hause kommt. Gauck verklärt den Moment nicht, er erspart dem Leser kein Zögern und keine Peinlichkeit: „Du musst jetzt glücklich sein, sagte eine Stimme in mir. Doch ich vermochte es nicht. Zu Hause saß ein Mann fast ohne Zähne, mit stark gelichtetem Haar, sehr hageren, aber sehr männlichen Gesichtszügen. Ob wir uns umarmt haben? Ich weiß es nicht. Männer taten so etwas nicht.“
Die Verschleppung seines Vaters durch die Kommunisten bildet den Grundstein einer antitotalitären Sozialisation, die sich im Erwachsenenalter von dieser erlittenen Ungerechtigkeit zu einem selbstbewussten Freiheitsdrang emanzipiert. In den Erinnerungen navigiert Gauck durch die schwierigsten Passagen, ohne den Leser zu unterfordern. Einerseits ist seine moralische Haltung gegenüber den Kommunisten und Postkommunisten klar, andererseits vermag er genau zwischen dem systemübergreifenden Typus des karriereorientierten Funktionsträgers und der Perfidie eines IMs zu unterscheiden.
Freiheit als Verantwortung
Und er hat nicht auf alles eine Antwort. Was trieb einen wie Wolfgang Schnur, der sich in der Verteidigung von Bürgerrechtlern auch Meriten erworben hatte, dazu, so engagiert und so fundamental zu verraten? Gauck weiß nur, dass manche der Opfer noch heute, Jahrzehnte danach, darunter leiden. Er schont auch sich selbst nicht, wenn er etwa die Frage stellt, ab wann ein in Unfreiheit lebender Mann anfängt, seinen Geist an die engen Grenzen anzupassen – in der Kindeserziehung beispielsweise: Weil er seinen beiden Söhnen, die gerne auf die weiße Fähre nach Dänemark möchten, nicht das Gefühl vermitteln will, eingesperrt und ihrer Chancen beraubt zu sein, erzählt er ihnen, Dänemark sei gar nicht so toll, während er, auch vor Besuchern aus dem Ausland, die Schönheiten Mecklenburg-Vorpommerns frenetisch überhöht, einfach, weil er, wie er schreibt, von Europa sonst gar nichts kannte.
Im Oktober 1989 notiert der Stasi-IM Wolfgang Schnur über Gauck, der sei „auf dem Weg in die unmittelbare Einmischung in die Staatsangelegenheiten!“. Die Warnung kam etwas spät.
Hört nicht auf die Kleinmütigen!
Gauck zählt nicht zu jenen Nostalgikern der Bürgerbewegung, die die Anfänge der neuen Zeit verklären. Er stellt sich als Kandidat zur Verfügung, macht Wahlkampf und bekommt viel Schulterklopfen. „Die Leute sagten ,Toll, was ihr macht, aber wir wählen Kohl.‘ Ich war weder verwundert noch gekränkt, ich konnte das verstehen.“ Bei aller Zufriedenheit über den Lauf der Geschichte formuliert Gauck einen differenzierten Freiheitsbegriff, der auch die von Erich Fromm beschriebene „Angst vor der Freiheit“ berücksichtigt. Nicht schon die Entlassung aus fürsorglicher Knechtschaft, das Fehlen von Fesseln und Grenzen sei die wirklich erfüllte Freiheit: „In der Liebe zu einem Menschen, zumal einem Kind, zu einem Wert, zu Gott, der Kunst, der Natur, einer Arbeit, einem großen Stil entsteht eine fundamentale Geneigtheit zu etwas außer mir selbst. Wer Freiheit als Verantwortung lebt, kommt letztlich bei den besten und tiefsten Potenzen an, die in uns Menschen angelegt sind.“ Aber der Weg dahin ist nicht so leicht, wie es sich anhört. Gauck kennt die, die sich mit der Freiheit schwertun: „Sie sehen sich überfordert, werden kleinmütig, fühlen sich bestätigt in ihrer Auffassung, dass es wirkliche Freiheit nicht gebe, der Sozialstaat nicht sozial sei und die Chancengleichheit ein Traum bleibe.“ Doch er warnt davor, zu sehr auf die Kleinmütigen zu hören, denen einfach die Trainingsmöglichkeiten fehlten, Freiheit für sich zu entdecken.
Sein Freiheitsbegriff hat Konsequenzen für seinen Bürgerbegriff: Er sieht eine Tendenz, die Existenz als Citoyen einzutauschen gegen eine Existenz als Konsument. Denn die Freiheit wird auch als erschreckend wahrgenommen, als mobbende Casino-Heuschrecke. In wenigen Sätzen macht Gauck klar, dass die Systemfrage keine guten Antworten liefert, man die Kräfte des Marktes andererseits aber auch nicht alleinlassen kann. Nur Einmischung hilft.
Dialektische Unruhe
Die neue Zeit ist kompliziert, aber da kennt Gauck keinen Ausweg. Brecht abwandelnd nennt er die Demokratie das Komplizierte, das auch einfache Menschen machen können. Seine Gedanken und Schilderungen laufen nie auf einen Formelkompromiss, sondern auf eine dialektische Unruhe hinaus. Das gilt selbst für den Glauben, über dessen stets dynamisches Verhältnis zum Zweifel und zur Wissenschaft er eindringliche, komplexe Passagen schreibt.
Mit großer Leichtigkeit schreibt er auch über die Gefühle eines Politikers: wie ihm die Tränen über das Gesicht liefen, als er zum ersten Mal wählen durfte, mit fünfzig. Das Buch endet interessanterweise mit seiner Teilnahme an der dreizehnten Bundesversammlung, einem schönen Tag, über den er schreibt: „Es ist Sonne über Berlin. Es ist Sonne in mir.“ Er scheut sich nicht vor solchen Sätzen, er freut sich über die ganze Amplitude der Emotionen in einem Leben, das er „eigentümlich, ganz und gar erstaunlich und manchmal auch geheimnisvoll“ nennt.
Gauck ist zugleich ein Intellektueller, der ein originäres, begeisterndes Verständnis von christlicher Politik, von Liberalismus und Bürgerlichkeit entwickelt hat. Die drei Parteien, die in diesen Traditionen zu stehen vorgeben, werden ihn aber nicht zum Bundespräsidenten wählen. Das ist intellektuell nicht zu begründen, also denken sie am besten nicht drüber nach. Jedes Innehalten scheint derzeit die Gefahr des Absturzes zu bergen. Die Schwarzgelben müssen sich über die Runden retten, indem sie die Koppelinsche Gegenfrage auswendig lernen: Nachdenken? Wie kommen Sie denn darauf?
Gauck - Mein Bundespraesident
Jan Schmitz-Huebsch (jansh77)
- 06.06.2010, 22:08 Uhr
Großartiger Artikel
Markus Köcher (MKoecher)
- 06.06.2010, 22:12 Uhr
Chance für die FDP
Volker Kulessa (solelite)
- 06.06.2010, 22:26 Uhr
Sehr guter Artikel und Tipp.
Gunter Grewcz (kappus)
- 06.06.2010, 22:43 Uhr
"Der neue Sand, der uns in die Augen gedrückt wird"
Rupert Brasch (aepfelundbirnen)
- 06.06.2010, 22:53 Uhr