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Präsidenten Flaschenpost von Ronald Reagan

23.09.2003 ·  Ronald Reagan war ein leidenschaftlicher Briefeschreiber. In seinen mehr als 5.000 Briefen gibt der Mann, der vom Schauspieler zum Präsidenten wurde, Auskunft über Politik, Liebe, seine Schuldgefühle beim Sex und das Geheimnis einer guten Ehe.

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Nicht nur wegen seiner betont konservativen Politik gilt Ronald Reagan als eigentlicher Ahnherr des jüngeren George Bush, sondern auch deshalb, weil er im politischen Geschäft ein exotischer Außenseiter war. Galt der amtierende Präsident lange als schwarzes Schaf seiner Familie und halten ihm seine Gegner vor, weniger dank eigenen politischen Talentes als wegen seines berühmten Namens ins Weiße Haus gewählt worden zu sein, so ist Ronald Reagan für viele bis heute der Schauspieler geblieben, der es irgendwie auf den Präsidentenstuhl geschafft hat.

Reagan ist inzwischen 92 Jahre alt, seit Jahren an Alzheimer erkrankt und, so schreibt das „Time Magazine“ in seiner neuen Ausgabe, das „ungelöste Rätsel der modernen amerikanischen Politik“ geblieben: ein Mann, der in Meetings geschlafen und während der Vorbereitung eines Gipfeltreffens einen Musikfilm geschaut habe, eine ehrliche Haut für die einen, ein tumber Tor für andere. Wie Reagan wirklich war, darüber könnte ein Buch Aufschluß geben, das demnächst veröffentlicht wird: „Reagan: A Life in Letters“. In seinem langen Leben hat Reagan mehr als 5.000 Briefe geschrieben, stets per Hand mit blauer oder schwarzer Tinte, und die Entwürfe in Kisten aufbewahrt. „Time“ druckt einige der Briefe ab und stellt sich die Frage, ob das Briefeschreiben für Reagan eine Ausweitung seiner persönlichen Beziehungen bedeutete oder deren Ersatz. Auf jeden Fall sei es ihm keine Gewohnheit, sondern ein Bedürfnis gewesen wie das Essen und Trinken.

Flaschenpost aus London

Einer der frühesten abgedruckten Briefe deutet darauf hin, daß der vor allem als Cowboydarsteller gebuchte Schauspieler Reagan auch einen passablen Komiker abgegeben hätte. Als Reagan 1948 in London drehte, schickte er einen Brief an den Studiochef Warner, den er als „Flaschenpost aus der Wildnis“ bezeichnete. Darin beklagte er sich über den Nebel, der irritierenderweise nach Kuhdung stinke, über den „seltsamen Jargon“ der Engländer, „der unserer Sprache in vielerlei Hinsicht ähnelt, aber unterschiedlich genug ist, um für Verwirrung zu sorgen“, und über den Platz namens Picadilly Circus, auf welchem er bislang vergeblich nach Artisten und Elefanten gesucht habe.

Ernsthafter sind jene Briefe, in denen Ronald Reagan Ratschläge an Freunde oder Verwandte erteilt und Einblicke in seine Weltsicht liefert. Eine Freundin, die gerade zur Witwe geworden ist, läßt er wissen, es sei „einfach nicht wahr“, daß es im Leben eines Menschen nur eine Liebe geben könne. Er verstehe zwar ihre Bedenken, sich noch einmal zu binden, sei doch auch er selbst sehr puritanisch erzogen worden: „Selbst in der Ehe hatte ich ein kleines Schuldgefühl, was Sex anging“, gesteht er, da dieser stets „mit dem Bösem“ verbunden sei. Erst ein freundlicher alter Herr habe ihn von seinen Qualen erlöst, indem er ihn auf die Praktiken oder moralischen Standards von Naturkindern wie den Polynesiern aufmerksam gemacht habe: Diese Menschen akzeptierten „physisches Begehren als natürlich“, „normaler Appetit“ müsse „ehrlich gestillt werden“.

Ein rechter Kerl

Allerdings legt Ronald Reagan großen Wert auf Treue, sobald man sich fest gebunden hat. Seinem Sohn schreibt er zum Anlaß von dessen Hochzeit: „Laß mich Dir erzählen, wie wirklich großartig für einen Mann die Herausforderung ist, seine Männlichkeit und seinen Charme gegenüber einer Frau für den Rest des Lebens zu beweisen. Man muß schon ein rechter Kerl sein, um für eine Frau attraktiv zu bleiben und von ihr geliebt zu werden, die ihn schnarchen gehört hat, unrasiert gesehen, gepflegt hat, als er krank war, und seine schmutzige Unterwäsche gewaschen hat.“ Wie man das anstellt - auch da hat der Vater Rat parat: „Du wirst niemals Probleme bekommen, wenn Du wenigstens einmal täglich 'Ich liebe Dich' sagst.“

Politisch zeigen die Briefe Reagan als den bekannten Antikommunisten, der als junger Mann an Präsident Nixon über den politischen Gegner John F. Kennedy schreibt: „Unter dem strubbeligen Jungs-Haarschnitt steckt immer noch der alte Karl Marx.“ Ganz und gar nicht wie ein kalter Krieger aber erscheint Reagan in jenen Zeilen, die er 1981 an den sowjetischen Führer Breschnew schrieb, während er sich von der kurz zuvor beim Attentat erlittenen Schußwunde erholte.

Brief an Breschnew

„Ist es möglich, daß Ideologie, politische und ökonomische Philosophie sowie die Regierungspolitik uns davon fernhalten, die sehr realen täglichen Probleme der Menschen zu berücksichtigen, die wir repräsentieren?“, fragt Reagan in dem vierseitigen Brief, in welchem er an Breschnew appelliert, die Gräben zwischen den Ländern zu überwinden. Als Reagans Mitarbeiter diesen tiefempfundenen, idealistischen Brief zu Gesicht bekamen, seien sie erbleicht, weiß „Time“: Solche persönlichen Worte seien einem Präsidenten nicht angemessen. Reagans Stab habe dann einen zweiten Brief an Breschnew verfaßt; abgeschickt worden seien beide.

Nicht ganz so weltbedeutend, aber deutlich amüsanter war die Korrespondenz zwischen dem Präsidenten Reagan und dem Schüler Andy. Letzterer wandte sich ans Weiße Haus mit der Mitteilung, seine Mutter habe sein unaufgeräumtes Zimmer soeben zum Katastrophengebiet erklärt: Er beantrage nun öffentliche Mittel für die Finanzierung einer Crew, die die Schäden beseitigen könne. Reagan zog sich aus der Affäre mit dem Hinweis auf ein „technisches Problem“: Amtshilfe könne nur eingefordert werden von der Autorität, die die Einschätzung vorgenommen habe, also in diesem Fall von der Mutter. Dafür aber gab der Präsident Andy den Rat, sich im Rahmen eines der vielen „Freiwilligenprojekte“ im Lande der Sache selbst anzunehmen.

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