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Potsdamer Stadtschloss : Hier sind Parlamentarier wie Könige

  • -Aktualisiert am

Blick in den Innenhof des neuen Brandenburger Landtags Bild: dpa

Friedrich der Große hat es errichtet, die Bomben des zweiten Weltkriegs haben es beschädigt, das DDR-Regime hat es gesprengt: das Potsdamer Stadtschloss. Nun ist es wieder aufgebaut und soll als Landtag dienen - am Wochenende wird es eröffnet.

          Wer bisher Potsdam als die Perle des preußischen Barock und Klassizismus erleben wollte, schloss bei der Ankunft am besten die Augen. Denn die Bomben des Zweiten Weltkriegs und die Sprengkommandos der DDR hatten das hinreißende Entree der Stadt ausradiert: Statt des Stadtschlosses, des palaisumstandenen Alten Markts und des die Havel säumenden Lustgartens gähnte eine winddurchtoste Brache. Über sie wälzte sich eine achtspurige Verkehrsstraße. Und an ihrem Rand fröstelten, als verlorene Solitäre restauriert, das Rathaus und das Knobelsdorff-Haus, suchte die mächtige Kuppelkirche St. Nikolai vergeblich Halt in umgebender Bebauung.

          Nun ist alles anders: In Farben wie Himbeer und Milchkaffee, mit samtig schimmernden Dächern, feierlichen Skulpturen, Reliefs und wehenden Bannern grüßt das rekonstruierte Stadtschloss. An diesem Wochenende wird es als brandenburgischer Landtag eröffnet.

          Unauffällige Veränderungen

          Dass sein Architekt Peter Kulka auf Geheiß des Landtags ein Drittel mehr Raumvolumen unterbringen musste, war die Nagelprobe seines Könnens. Er hat sie bestanden: Kulka errechnete aus dem 1751 vollendeten Barockbau des Genies Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff ein Grundmodul, dank dem er im Innenhof ohne Störung der Gesamtproportion zusätzliche Risalite einfügen konnte. Sie und ein neues Dachgeschoss, das hinter der hohen Attika - dem umlaufenden obersten Gesims - verborgen ist, gewähren Zuwachs sogar über die gegenwärtigen Bedürfnisse hinaus.

          Viele Potsdamer und Architekturliebhaber, die sich mit der Geschichte und der Gestalt des 1960 gesprengten Baus beschäftigten, übten Detailkritik. Daran zum Beispiel, dass Kulka, um die Dachetage zu belichten, die Attika mit Fenstern perforiert hat, dass man auf Repliken der prächtigen Innenräume verzichtete und dass unklar ist, ob die 1960 geborgenen, an Berlins Humboldt-Universität wiederverwendeten Fassadenskulpturen zurückkehren. Zentnerlasten also für Kulka. Zu schweigen davon, dass der Landtag als Bauherr notgedrungen so knauserig vorging wie weiland Friedrich der Große, der aus Geldnot seinen Architekten Knobelsdorff regelrecht gängelte und zuletzt zum Erfüllungsgehilfen degradierte.

          Nichts davon, wenn man nun das auferstandene Schloss anschaut. Hauptsache, das Schloss ist wieder da und gibt der Stadt ihre historische Mitte zurück. Und die Fehlstellen und die neuen Zutaten fallen kaum auf. So denkt man - und ist damit mitten in der Grundsatzdebatte heutigen Bauens. Vor nicht allzu langer Zeit nämlich hätte ein solches Urteil Denkmalpfleger und Architekten, wenn nicht das Amt, so doch das Ansehen gekostet.

          Restaurierte bereits das Dresdner Schloss: Architekt Peter Kulka. Bilderstrecke

          Noch war international die „Charta von Venedig“ in Kraft, die Rekonstruktionen nur als Ausnahme und nur, wenn zirka ein Sechstel der Originalsubstanz vorhanden und der millimetergenaue Nachbau des übrigen gewährleistet war, zuließ. Die Charta verblasste, als in Deutschland das Rekonstruktionsfieber der Postmoderne grassierte, dem Frankfurt seine fachwerkselige Römerberg-Zeile, Hildesheim sein auferstandenes Knochenhaueramtshaus samt kopiertem Marktplatz, Berlin die Postkartenidyllcollage des Nikolaiviertels und Mainz seinen Domplatz verdankt, an dem mangels Geld nur steinerne Abziehbilder der 1942 pulverisierten Fassaden auf Häuser der fünfziger Jahre geklebt wurden.

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