07.01.2009 · Das Ende dieser traditionsreichen Firma signalisiert auch einen Stilwandel: Die englische Porzellan-Manufaktur Wedgwood ist in Insolvenz geraten. Ihre vornehmen Produkte entsprachen nicht mehr den Anforderungen einer schnelllebigen Zeit.
Von Gina Thomas, LondonGedenktage kommen nicht immer gelegen. In der gegenwärtigen Krise scheinen sie den Niedergang geradezu herauszustellen. Am Dreikönigstag haben in England die letzten Filialen von Woolworths geschlossen, genau hundert Jahre, nachdem die Warenhauskette in Liverpool ihre erste britische Niederlassung eröffnete. Und zu Beginn des Jahres, in dem die 1759 gegründete Wedgwood-Töpferei ihr zweihundertfünfzigjähriges Bestehen hätte feiern sollen, gerät sie statt dessen wegen Insolvenz in die Schlagzeilen.
Beide Unternehmen haben nicht vermocht, sich dem Wandel anzupassen. Wedgwood rühmt sich bis heute, ein „Beiwort für Schönheit, handwerkliches Können und Neuerung zu sein“. Das Produkt aber entsprach nicht den Anforderungen der Zeit. Zwar wurden enorme Anstrengungen unternommen, die Marke zu modernisieren, die einst die Speisetische von Königen und Fürsten zierte, etwa durch neue Entwürfe von Designern wie Jasper Conran und Vera Wang oder einem mikrowellen- und spülmaschinenfesten Geschirr. Dennoch konnte der traditionsreiche Porzellanhersteller die Kluft nicht überbrücken zwischen exklusiver Ware für einen Lebensstil, wie ihn nur die Wenigsten noch pflegen, und den von der Wegwerfgesellschaft bevorzugten Alltagsprodukten, die den formloseren Sitten der Zeit eher entsprechen.
Das Porzellan bleibt in der Vitrine
Wer trinkt heute noch Tee aus einer Tasse mit Unterteller? Wer serviert die fertig gekaufte Suppe in einer Terrine? In der Ära der Wohnküche ist der Hausfrauentypus, der das beste Porzellan und Kristall aus der Vitrine nimmt und es mit einem Blumengesteck liebevoll auf dem Esstisch arrangiert, sogar in der Gestalt der unerträglich snobistischen Kleinbürgerin Hyacinth Bucket aus der Sitcom „Keeping up Appearences“ („Mehr Schein als Sein“) zum Gespött geworden. Es ist wohl auch bezeichnend, dass der ganze Stolz dieser Figur, die darauf besteht, ihren Nachnamen französisch Bouquet auszusprechen und sich am Telefon mit „Bouquet Residenz, die Dame des Hauses am Apparat“ meldet, ihr, wie sie stets betont, „sehr teures“ Royal Doulton Service „mit dem handgemalten Immergrün“ ist.
Die 1815 gegründete Manufaktur Royal Doulton wurde vor drei Jahren von der irischen Holdinggesellschaft übernommen, die 1986 auch Wedgwood erwarb. Und das großmütterliche Knochenporzellan mit dem Hyacinth Bucket ihre Nachbarn in der spießigen Vorortsiedlung bei qualvollen Kerzenlicht-Diners zu beeindrucken versucht, wird seit 1996 nicht mehr hergestellt.
Ein Vorreiter gerät in Rückstand
Es zählt zu den Ironien dieses Niedergangs, dass eine Firma, die sich am Anfang der Industriellen Revolution als Vorreiterin der maschinellen Produktion behauptete, jetzt nicht zuletzt an der Massenherstellung scheitert. Obwohl Waterford Wedgwood einen Teil seiner Produktion nach Indonesien verlagert hat, um Kosten zu sparen, verlor die von Josiah Wedgwood gegründete Fabrik ihren Marktanteil an Hersteller von Billigware fernöstlichen Fabrikats. Das Verständnis für das Konsumverhalten, das den Aufstieg von Josiah Wedgwood ermöglichte, scheint der heutigen Managergeneration abhanden gekommen zu sein.
Der fortschrittlich gesinnte Industrielle, der in der mittelenglischen Provinz ein Unternehmen von Weltrang gründete, verstand es seinerzeit mit einer Mischung aus bodenständigem Innovationsgeist und unternehmerischem Gespür, den Trend für das Industriedesign zu bestimmen. Er erkannte die Bedürfnisse der aufstrebenden Mittelschicht im England des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts und schuf mit seinem Steinzeug und seiner klassisch inspirierten Jasperware Porzellan für die Bürger der Handelsmacht, die sich gern als das neue Rom gerierte. Wedgwood spannte die führenden Maler der Zeit ein, um durch eine Verschmelzung von Kunst und Industrie Gebrauchsgegenstände von ästhetischer Qualität zu erzeugen.
Keine Evolutionstheorie ohne Wedgwood
Neben der Beschäftigung mit Herstellungsmethoden, der Fabrikverwaltung und der innovativen Formgebung zeichnete sich der Industrielle auch als Vermarktungsgenie aus. Er entwarf Versandkataloge, beschäftigte Handlungsreisende und achtete penibel auf die Darbietung seiner Ware in seinen Londoner Verkaufsräumen - alles Eigenschaften, wie sie in der Konsumgesellschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts gang und gäbe geworden sind, damals aber als bahnbrechend galten. In Wedgwoods Firmenphilosophie spiegelte sich die Kultur seiner Epoche ebenso prägnant wie der Untergang der Manufaktur jetzt symptomatisch ist für die Malaisen der Gegenwart.
Die Zukunft liegt nun in den Händen der Insolvenzverwalter, die auf einen Käufer hoffen. Die Nachwelt verdankt Josiah Wedgwood noch ein anderes Vermächtnis: Ohne ihn wäre der „Ursprung der Arten“ womöglich nicht zustande gekommen. Darwin und seine Frau Emma waren beide Enkel des Industriellen. Dank seines Vermögens konnte das Ehepaar seinen Unterhalt bestreiten und sich Darwins Dasein als Privatgelehrter leisten.
Dekorativ und vielleicht von Sammlerwert,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 07.01.2009, 17:50 Uhr
Schlimmer: was geschieht jetzt mit der schönen Tochter Rosenthal ?
Wolf Doleys (Karneades)
- 08.01.2009, 16:59 Uhr