14.01.2004 · Daß Tom Tykwer Patrick Süskinds „Parfum“ verfilmen soll, verblüfft und begeistert gleichermaßen. Obwohl der Regisseur noch nie einen historischen Stoff verfilmt hat, scheint er bei näherer Betrachtung genau der Richtige zu sein.
Von Michael AlthenSeit seinem Erscheinen 1985 haben sich Filmproduzenten um die Rechte an Patrick Süskinds Weltbestseller "Das Parfum" bemüht, aber alles Werben war vergebliche Liebesmüh. Der scheue Autor wollte um kein Geld der Welt den Stoff verkaufen, sondern träumte allenfalls davon, daß sich Stanley Kubrick der Sache annehme. Vielleicht weil dieser Traum nicht mehr in Erfüllung gehen konnte, gab Süskind vor drei Jahren dem Drängen seines Freundes Bernd Eichinger nach und überließ ihm die Filmrechte.
Zehn Millionen Euro soll die Constantin gezahlt haben, und seither wurde gerätselt, wer bei der Verfilmung Regie führen würde. Martin Scorsese und Tim Burton, Jean-Jacques Annaud und Jean-Pierre Jeunet, Ridley Scott und Julian Schnabel waren im Gespräch - letzterer soll sogar ein Drehbuch geschrieben und Johnny Depp für die Hauptrolle vorgesehen haben. Nun wurde gemeldet, daß Tom Tykwer das Rennen gemacht haben soll: eine Nachricht, die gleichermaßen verblüfft wie begeistert. Denn Tykwer hat zwar noch nie einen historischen Stoff verfilmt, aber bei näherer Betrachtung scheint er genau der Richtige zu sein, um der Geschichte vom Mann mit der Supernase Schwung zu verleihen.
Tykwer weiß, was Obsessionen sind
Womöglich findet sich der Achtunddreißigjährige gerade in der Besessenheit wieder, mit der auch Süskinds Romanheld Jean-Baptiste Grenouille sein Leben einer einzigen Sache widmet. Schon von frühester Jugend an arbeitete Tykwer erst als Filmvorführer in seiner Heimatstadt Wuppertal und später als Kinobetreiber in Berlin, konnte nächtelang seine Wunschprogramme zusammenstellen und verschlang mit den Augen alles, was auf die Leinwand kam.
Und so wie der geruchslose Grenouille hinter der Maske der von ihm kreierten Düfte verschwindet, so träumt natürlich auch jeder Cineast davon, in die Filmgeschichten wie in Kleider schlüpfen zu können. Zumindest auf dieser Ebene dürfte Tykwer wissen, wovon er redet, wenn er die Geschichte einer Obsession erzählt - die im Roman allerdings tödliche Konsequenzen hat.
Geliehene Schicksale, geborgte Gefühle
Auch in Tykwers Filmen findet die verschlingende Gier des Parfumeurs ihre Entsprechungen. Schon in seinem Erstling "Die tödliche Maria" ging es um Leute, die durch Sammelleidenschaft Ordnung in ihr Leben zu bringen versuchen, und auch im Nachfolger "Winterschläfer" gab es eine Figur, die an Amnesie leidet und das entschwindende Leben wenigstens auf Polaroid-Fotos festhalten will.
Und sein Welterfolg "Lola rennt", der dem deutschen Kino Beine machte, versammelt am Wegesrand Biografien im Zeitraffer. Überall finden sich in seinem Werk also jene Motive von geliehenen Schicksalen und geborgten Gefühlen, die auch im "Parfum" thematisiert werden. Selbst in Tykwers Kurzfilm "True", der als Teil eines Paris-Projektes nach "Heaven" entstanden ist, geht es ums Leben im Konjunktiv.
Man kann also Bernd Eichinger zu seiner Wahl beglückwünschen, nicht zuletzt, weil er sich gegen die internationale Prominenz für einen Landsmann entschieden hat, und Tykwer wünschen, daß er es schafft, seine Begeisterung für die Illusionsmaschinerie des Kinos auch in einer Geschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert zu entfachen.