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Porträt Herbergsvater interkultureller Dauerreflexion

12.06.2006 ·  Berliner Kultursenator, Kulturstaatsminister, Präsident des Goethe-Instituts - das alles, heißt es, sollte Wolf Lepenies schon einmal werden. Jetzt bekommt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Eine vernünftige Entscheidung.

Von Jürgen Kaube
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Viele dürften durch diese Preisvergabe an die Existenz des Geehrten erinnert werden. „Stimmt, Lepenies“, werden sie sagen, aber fortsetzen: „Was genau hat der noch mal gemacht?“ Zwar bezeichnet ihn sein amerikanischer Verlag als „einen der wichtigsten deutschen Intellektuellen“. Aber darin lauert ein Mißverständnis. Denn welche These, welches Programm ließe sich ihm zurechnen? Oder auch nur, um beim Standardrepertoire der Intellektuellen zu bleiben, welche Diagnose, welcher Streit? Ohne daß ihn dies allein wohl schon für einen Friedenspreis qualifiziert hat, kann man sagen: Wolf Lepenies, der am 8. Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten wird, ist im deutschen intellektuellen Milieu der Mann ohne kontroverse Eigenschaften.

Das ist beleibe kein Mangel, sondern hat einen berufssoziologisch beschreibbaren Grund. Wolf Lepenies ist ein Innenseiter. Berliner Kultursenator, Kulturstaatsminister, Präsident des Goethe-Instituts - das alles, heißt es, sollte der Professor für Soziologie schon einmal werden. Sein Forum aber sind und blieben seinesgleichen. Dort, wo er jahrzehntelang hoch erfolgreich wirkte, als Rektor am Berliner Wissenschaftskolleg, sind sich die Intellektuellen selber das beste Publikum. Man ist entre nous, diskutiert im kleinen Kreis, gehört oft auch denselben Akademien an und hat dieselben Preise bekommen, vermutet einander auch zu Recht an wichtigen Aufgaben und genießt es daher, beim Forschen in Ruhe gelassen zu werden.

Intellektueller ohne Konfliktsucht

Wolf Lepenies war nicht nur der Meister dieses Pläsiers, der Gastgeber aller Geistesgroßen, er hat diese Einrichtung auch als Diplomat eigenen Ranges in viele Länder vor allem Osteuropas exportiert. Man muß sie nicht gleich, wie die Preisbegründung, als „Begegnungsstätte zwischen westlicher Rationalität und östlicher Weisheit“ bezeichnen. Der Gepriesene würde den Grafen Hermann Keyserling wohl nicht als sein Rollenmodell akzeptieren und hat bestimmt auch nichts gegen westliche Weisheit oder Rationalität aus Nah- und Fernost. Aber als Herbergsvater und Vernetzungskünstler der interkulturellen wie überkonfessionellen Dauerreflexion darf er tatsächlich gelten. Es war ein Glücksfall, daß für ihre Bedürfnisse eine Person mit solchem Geschick im Organisieren tauschförmiger Zusammenhänge an der Grenze von Politik und Wissenschaft gefunden wurde.

Daß Lepenies ein Intellektueller ohne Konfliktsucht und ein Redner ohne Gegenrede ist, liegt entsprechend daran, daß seine besten Beiträge Einleitungen sind; zu wissenschaftlichen Jahrestreffen, zur Vorstellung von Fellows am Kolleg, zur Einführung von Symposien. Es ist jene Art von Reden, in deren Anschluß laut Programm keine Diskussion vorgesehen ist. Lepenies hat diese Form der Ansprache unnachahmlich mit Anekdoten und Bonmots erfüllt. Wie in seinen Essays und kulturdiplomatischen Taten zeigt sich auch in ihnen ein immenser Fleiß mit hoher Zugriffsicherheit aufs geschmackvolle Zitat und die richtigen Werte für die Bedürfnisse geselliger - also weder durch Ideologie noch durch Theorie zu belastender - Konversation.

Reiz der Salonwelten

Von seinen Büchern hat den größten Bekenntnischarakter eines über den französischen Literaturpapst des Juste Milieu, Charles-Augustin Saint-Beuve. Dem waren alles Extreme und jede Festlegung ein Greuel, wofür er den Preis zahlte, praktisch jeden bedeutenden Dichter seiner Zeit, von Stendhal bis Flaubert, zu verkennen. Lepenies fand dieses Opfer für den „bon sens“, für Maß und gefälliges Betragen nicht zu groß. Als Vertreter des intellektuellen Anstands diesseits von Enthusiasmus und Skepsis lobt ihn die Preisbegründung.

Man dürfte Lepenies entsprechend als lebenden kultivierten Hinweis auf die Reize alter Salon- und Bildungswelten nennen. Man scheut davor aber zurück, hat doch der Autor der „Drei Kulturen“ - einer unterhaltsamen Geschichte der Wechselwirkungen von literarischer und soziologischer Intelligenz - sowie des Plädoyers für einen „cultural turn“ in den Sozialwissenschaften soeben in Amerika sein jüngstes Buch veröffentlicht. Darin erklärt er Kultur für einen in Deutschland fatalerweise überschätzten Begriff. Nun denn, ein Sonderwegsbuch hat jeder deutsche Intellektuelle gut. Ob die „Seduction of Culture“, die Verführung der und durch die Kultur, so der englische Titel, noch immer ein drängendes Problem darstellt, müssen Kenner der heutigen Elitenmentalität beurteilen. Wer vermöchte es besser als Lepenies selber, der heute unter anderem im Aufsichtsrat des Springer-Konzerns tätig ist? Daß die Republik ihren Frieden mit mancher Konfliktlinie aus der Generation des heute Fünfundsechzigjährigen gemacht hat, zeigt sich insofern auch an dieser Preisvergabe.

Quelle: F.A.Z., 13.06.2006, Nr. 135 / Seite 45
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