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Porträt Der real existierende Rentner

Der Renter hat kein gutes Ansehen mehr. Doch an diesem Popularitätsschwund ist er selber schuld: Das liegt an seiner aufreizend guten Form, seiner in früheren Dekaden undenkbaren Fitneß.

© dpa Vergrößern Das System ist sauer auf die Rentner

Der Renter hat, man kann es drehen wie man will, kein gutes Ansehen mehr. Es ist bloß der fällige ökonomische Ausdruck dieses Imageverlustes, daß die Regierung nun auch ihn die Stagnation des Landes ausbaden läßt: Im kommenden Jahr müssen die Pensionäre den vollen Beitrag zur Pflegeversicherung zahlen, aber ihre Rente wird nicht erhöht. Das bedeutet eine reale Verschlechterung ihrer Situation, die erste in der Geschichte der Bundesrepublik, wie mit wachem Sinn für epochale Zäsuren gleich kommentiert wurde.

Schröder glaubt sich einen solchen Schritt leisten zu können, weil er außer von den Betroffenen selbst keine großen Proteste erwarten muß. Dem Rentner, so die allgemeine Meinung, gehe es ohnehin zu gut. Nur so ließ es sich verstehen, daß die Anregung des JU-Vorsitzenden Mißfelder, von der Schallgrenze von fünfundachtzig Jahren an keine Hüftgelenke mehr zu bezahlen, in Teilen der Union und der Restgesellschaft als ernst zu nehmender Beitrag zur "Generationengerechtigkeit" diskutiert wurde.

Selber schuld

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Natürlich ist der Rentner an diesem Popularitätsschwund selber schuld: Das liegt an seiner aufreizend guten Form, seiner in früheren Dekaden undenkbaren Fitneß. Als er 1881 als Protagonist der einschlägigen Versicherung das Licht der Welt erblickte, konnte er als klassischer Fall des Subsidiaritätsprinzips durchgehen. Eine Existenz, die sich aufgrund körperlicher und geistiger Schwäche nicht mehr selber helfen kann und daher der Unterstützung der Solidargemeinschaft bedarf. Für den ökonomischen Verwertungsprozeß war er ohnehin verloren, und so fand es die arbeitende Gesellschaft, halb aus Mitleid, halb aus Berechnung, akzeptabel, ihm die wenigen verbleibenden Jahre zu finanzieren; die durchschnittliche Lebenserwartung lag damals weit unter dem Renteneinstiegsalter, nämlich bei fünfundvierzig Jahren.

Heute aber erreicht sie bei Männern fünfundsiebzig, bei Frauen einundachtzig Jahre, und sie nimmt jedes Jahr um einen Monat zu. Die jungen Senioren, wie das Marketing die neue Zielgruppe nennt, sind nicht weniger dynamisch, hedonistisch, gefühlsbetont als die arbeitende Bevölkerung, oft sogar mehr. Ihr einziger Unterschied ist: Sie arbeiten nicht. Wer hätte damit rechnen können?

Dem System ein Schnippchen geschlagen

Der real existierende Rentner hat damit dem ökonomischen System, das ihm bloß ein Gnadenbrot gewähren wollte, ein Schnippchen geschlagen. Er führt ein Leben, wie es sich nur die Sozialutopisten und die Konsumgüterindustrie vorstellen konnten: selbstbestimmt, aktiv, genießerisch, soweit die durchschnittliche Rente von 1158 Euro (bei Männern im Westen) das zuläßt. Kein Wunder, daß das System da sauer ist. Der Rentner, der als nicht zu vermeidender Appendix der Arbeitsgesellschaft vorgesehen war, hat sich aus dem Verwertungskreislauf emanzipiert und als lebendiges Wesen erwiesen. Das verzeihen wir ihm nicht.

Ein Prinzip der Sozialgesetze war, daß kein Mensch in seiner ökonomischen Funktion aufgeht. Heute, da der Mensch die Funktion zu fressen scheint und die Finanzierung des Systems neu bedacht werden muß, schlägt das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus. In den Verteilungskämpfen dieser Zeit spielen Prinzipien keine Rolle mehr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2003, Nr. 244 / Seite 44

 
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